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15. März 2014, 13:34 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Auf der Kippe der Zivilisation

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Der Mann wirkt, als ruhe er sich aus oder mache ein kurzes Schläfchen. Er liegt auf dem Rücken, einen Arm über das Gesicht gelegt, so, als wolle er die Augen vor Licht schützen, obwohl es längst dunkel ist. Der Blick der Schreibenden aus dem Fenster des fahrenden Autos ist zu flüchtig, um wirklich feststellen zu können, was da gerade geschieht. Fest steht: Niemand schläft am Rande eines Highways. Niemand schläft, wenn aufgeregte Menschen umherlaufen und telefonieren. Und niemand legt die Kleidung ab und verstreut sie auf der Fahrbahn. Wenn der Mann schläft, dann schläft er für immer.

Bei Tag, im hellen Sonnenlicht, ist diese Stelle der Nacht unsichtbar geworden. Irgendwo hinter der Abzweigung zum Flughafen auf dem Highway 11 in Richtung Norden muss es gewesen sein. Kein Zeichen von dem jüngsten Vorfall, dafür säumen diese Strasse die Zeichen von vielen Nächten und Tagen davor. Im Abstand von zuweilen nicht einmal hundert Metern sind kleine Gedenkstätten am Rande des Highways errichtet. Kreuze, deren lackiertes Holz sich in hellem Braun von dem blauen Himmel abhebt, bunte Blumen, die in den schwarzen Lavafeldern von Big Island wie ein Farbklecks in die Ferne leuchten, Beigaben, die auf das hindeuten, was dem Menschen, der hier zu Tode gekommen ist, nahe war. Bilder von Freunden, der Familie, Teddybären, Veloschuhe, Bierdosen und Sektflaschen, kleine Buddhas, Plasticpüppchen, ein Baseball, Bauarbeiterhelme. Nicht selten erzählen manche dieser Erinnerungsstücke auch davon, wie diejenigen gestorben sind, deren hier gedacht wird. Drei Bauarbeiterhelme erheben sich wie ein Mahnmal auf der hoch aufgehäuften schwarzen Lava, welche die Fahrbahn begrenzt: Ein Auto ist in die Arbeiter gerast.

Der Highway 11 entlang der Küste der hawaiianischen Insel Big Island ist eine der schönsten und gefährlichsten Strassen der Welt. Hier geschehen mehr als doppelt so viele tödliche Verkehrsunfälle wie durchschnittlich in den Vereinigten Staaten. Kaum Beleuchtung bei Nacht, einspurige Fahrbahnen und eine dunkel asphaltierte Strasse, die sich wie zur Tarnung in die endlosen schwarzen Lavafelder legt, lassen immer wieder Autofahrer die Kontrolle über ihr Fahrzeug verlieren. Aber auch der Mensch selbst tut ein Übriges, um die Gefahren heraufzubeschwören.

«Hier rasen die Jungs und Mädels am Wochenende betrunken Richtung Bar oder zurück nach Hause», sagt die Kellnerin in einem der Restaurants am Highway. «Und dann knallt’s.» Sie erzählt das, als spräche sie über eine alltägliche Begegnung. Auf Big Island ist das so. Immer wieder rütteln Todesmeldungen die Menschen kurz auf, Ende Januar kamen vier Erwachsene und ein Kind bei einer Frontalkollision ums Leben, wieder auf dieser Strasse. Es bleibt ein geschmückter Baum, dessen Äste wie Arme Richtung Strasse greifen, behängt mit Glitzerfolie und mit Leuchtketten, die schon bald nicht mehr leuchten. Davor ein violetter Teddybär, der nach wenigen Tagen in der Sonne verbleicht.

Auf Hawaiis grösster Insel liegt die Erde, als schliefe sie unter einer dicken, starren Decke aus schwarzer Lava. Die Natur hat einst die Zivilisation gebändigt, nur mit Mühe ist es danach an vielen Stellen gelungen, die Strasse durch die Lavamassen zu schlagen. Heute bändigt die Zivilisation sich selbst. Die schönsten, farbigsten Blumen sind nicht die lebenden, sondern die der Toten.

siehe auch NZZ v. 15.03.2014 – mit Bildstrecke

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