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25. März 2014, 6:23 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Biojournalismus: Mensch statt Maschine

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Es ist schon bemerkenswert, wie oft Journalisten in den vergangenen Jahren publizistisch Selbstmord aus Angst vor dem Tod begangen haben. Der Economist, sonst kompetent sachlicher Beobachter des Weltgeschehens, stellte 2006 die Frage: „Who killed the newspaper?“

Im Vordergrund solcher Einschätzungen steht meist das Internet. Was uns aber interessieren muss, liegt quer zur technischen Dimension der Verbreitung von Informationen: Es sind die Informationen selbst, um die es geht – in analoger oder digitaler Form, als Nachricht oder als Reportage, gedruckt oder gesendet.

Was wir seit Jahren in der Medienbranche erleben, erleiden und gestalten, ist keine Krise. Es ist ein tiefgreifender Strukturwandel, wie ihn viele andere Branchen vor den Medien auch durchgemacht haben. Zur Krise wurde er erst durch weitreichende strategische Fehlentscheidungen in der Branche selbst. Es ist schwieriger geworden, Information zu verkaufen. Das alte Geschäftsmodell „Auflagenhöhe entspricht Anzeigenerlösen“ funktioniert nicht mehr.

Die meisten Medienhäuser haben über fast zwei Dekaden ihre journalistischen Inhalte einfach ins Netz gestellt, um ja nicht abgekoppelt zu werden. Den Nutzerinnen und Nutzern haben sie damit ein eindeutiges Signal gegeben: Journalismus ist nichts wert, er ist kostenlos zu haben. Verlage verkamen so zu Papierhändlern. Das haben die Menschen gelernt. Papier kostet, Digitales kostet nichts.

Inzwischen haben fast alle verstanden, dass es so nicht weitergeht. Jetzt muss ein Kultur- und Wahrnehmungswandel her: Die Kunden müssen umlernen. Nicht das Papier ist wertvoll, sondern das, was darauf gedruckt, oder eben auch nicht mehr darauf gedruckt ist. Es geht um Inhalte, nicht um Trägermedien. Ich glaube, es kann gelingen, das in den Köpfen der Nutzerinnen und Nutzer zu verankern. Wir stehen da erst am Anfang, dieser Kulturwandel klappt nicht über Nacht. Die internationalen Wirtschaftsmedien ziehen voran. Wenn die Financial Times inzwischen doppelt so viele digitale wie Printabos verzeichnet, ist das ein Zeichen in die richtige Richtung.

Das Internet ist ein großartiges Emanzipationsmedium, wenn man es als solches zu gebrauchen versteht. Wir können suchen, was wir finden wollen, und wir finden Information und Inspiration. Wir können uns kontroverse Positionen selbst zusammensuchen, sie aggregieren, neu publizieren, mit anderen Inhalten verbinden, uns mit anderen darüber verständigen und streiten. Dadurch hat sich die Rolle der traditionellen Medien verändert.

Aber es gibt gute Gründe dafür anzunehmen, dass der Journalismus auch in Zukunft ein Überlebenselexier einer freien und demokratischen Gesellschaft sein kann.

(1) Die Freude des Suchens und das Glück des Findens: Journalismus sorgt für Überraschungen. Wenn inzwischen fast überall die Algorithmen übernommen haben, um für uns auszurechnen, was wir mögen, suchen und brauchen, dann wird das Unerwartete, das in einer ungeplanten Begegnung mit dem nicht gesuchten liegt, immer wichtiger. Journalismus kann durch gute, auch investigative Recherche Themen setzen, die Unbekanntes bekannt machen, also für neue Sichtweisen, Perspektivwechsel sorgen. In einer umfassend berechneten Welt ist journalistische Unberechenbarkeit eine Notwendigkeit und ein Marktvorteil.

(2) Journalistischer Kontext und die Suche nach Orientierung: Das Leben heute ist erheblich komplexer, ja, manchmal auch komplizierter als früher. Es ist anstrengend, manchmal ermüdend, für jede Frage oder Entscheidung des alltäglichen Lebens sich selbst einen Überblick aus vielen verschiedenen Quellen zu verschaffen. Das gebündelte Angebot, der kompakte Überblick über die Welt, in der wir leben, auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene ist ein unschlagbares Angebot. Der daraus resultierende Bedarf muss wieder besser bewirtschaftet werden.

(3) Die Freude am Argument und die Kunst der Debatte: Wenn ich heute manche Zeitung lese, überblättere ich ganze Teile. Das sind die Nachrichtenteile, denn News sind eine Commodity. Die Produkte sind alle vergleichbar, es gibt kaum mehr Differenzierungsmomente. Premiumpreise und -margen sind auf dieser Basis nicht mehr möglich.

Was suche ich, und wofür bin ich bereit, einen Premiumpreis zu bezahlen? Für eine Position, die mir hilft, meine eigene Meinung in Reibung oder Annäherung zu bilden. Für eine Haltung, die mir hilft, mich selbst, mein Leben, die Fragen, die sich darin stellen, in einen größeren Zusammenhang einzuordnen. Für die Veredelung dessen, was ich als News längst kenne.

Journalisten, die Haltung und Debatte im eigenen Medium für richtig und wichtig halten, müssen sich deshalb gegenüber Vereinnahmungsstrategien von Dritten resistent zeigen: gegenüber dem zunehmenden Druck der PR-Branche, gegen den Autorisierungwahn bei Interviews, durch den Gespräche bis zur Unlesbarkeit sinnentleert werden. Journalisten sollten das können. Sie werden auch in Zukunft gebraucht werden.

(4) Die weite Welt und das nahe Leben: Journalismus ist auf den Plan getreten, als menschliche Mobilität, die Entwicklung des Wirtschaftssystems und die wachsende Komplexität politischer Entscheidungen dazu geführt haben, dass die Welt uns im Wortsinne über den Kopf gewachsen ist. Da müssen Journalisten als thematische Brückenbauer ran.

Früher haben wir eine Zeitung unter dem Arm herumgetragen, um damit Zugehörigkeit zu signalisieren, zu einer sozialen Gruppe, zu einer politischen Richtung, zu einem Lebensstil. Das Bedürfnis, Zugehörigkeit auszudrücken, haben Menschen heute nicht minder. Sie können sich dabei selbst organisieren und zwischen mannigfaltigen Optionen auswählen.

(5) Stilfragen und die Kraft des Erzählens: Das Internet ist auch Plattform einer globalisierten Nachrichtenmaschinerie. Umso mehr können Medien einen eigenen Stil prägen und dabei neue Erzählformen erproben. Und Journalisten können sich in Zeiten der Entbündelung von Medienangeboten und der Personalisierung auch selbst zu einer Persönlichkeitsmarke entwickeln. „Stil ist eines der letzten Tabus und eine der großen unerschlossenen Ressourcen im Journalismus“, sagt der Schweizer Journalist Constantin Seibt. Diese Ressource muss gehoben werden. Die Nutzer erwarten das. Sie wollen keine Standardformate, sie wollen Geschichten erzählt bekommen.

Was aber kommt als nächstes auf uns zu? „The next big thing“ ist der automatisierte Journalismus. Es gibt ihn längst. Die US-Firma „Narrative Science“ aus Chicago lässt journalistische Texte durch Algorithmen generieren. In der Sport-, Finanz- und Wahlberichterstattung klappt das bereits hervorragend, also überall dort, wo ergebnis- und zahlenorientiert berichtet wird. „Narrative Science“ ist gut im Geschäft, zum Beispiel mit dem US-Medienunternehmen Forbes. Aber dabei soll es nicht bleiben. Stuart Frankel, CEO von „Narrative Science“ prognostiziert: „Wenn eine Geschichte anhand von Daten von einer Maschine geschrieben werden kann, wird das auch so geschehen. Das ist eine reine Zeitfrage.“

Es könnte also gut sein, dass der Journalismus in einiger Zeit einen weiteren Qualitätsansatz verteidigen: den „Biojournalismus” (Englisch: “organic journalism”) – von “Bios”, das Leben: Journalismus von Menschenkopf gedacht und Menschenhand gemacht. Für Journalismus in Abgrenzung zu all den standardisierten algorithmischen Produkten sind dann immer mehr Menschen bereit, auch mehr zu zahlen. „Biojournalismus” ist dann das Differenzierungskriterium in einem weitgehend technisierten und standardisierten Medienmarkt, geprägt durch Haltung, Stil und individuelles Erzählen.

„Biojournalismus” ist dann vielleicht auch das letzte Gefäß für das, was wir heute noch als Ethos des Journalismus bezeichnen. Bei aller Sympathie für die Verantwortung des Einzelnen, die an erster Stelle stehen muss, braucht unsere Gesellschaft auch einen institutionell verankerten moralischen Kompass. Das ist eine Kernaufgabe des Journalismus, und er kann sie nur erfüllen, wenn die in diesem Beruf arbeitenden Menschen Urteilsvermögen besitzen, Verantwortung übernehmen und nicht zunehmend alles an die Technik delegieren.

„Biojournalismus” kann also für nachhaltige Moral sorgen, für ein Gerüst moralischer Orientierung, ohne das unsere Gesellschaft zu einer geistigen Wegwerfgesellschaft verkommen kann.

[siehe auch: Handelsblatt v. 14. März 2014]

 

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