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13. Mai 2014, 15:09 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Von Clicktivisten und echten Engagierten

Zwei Jahre lang hatte die Enquetekommission „Internet und digitale Gesellschaft“ des deutschen Bundestages gearbeitet, um das Internet zu verstehen – in seinen Auswirkungen und in seiner praktischen Anwendung. Die nächstliegende Erprobung bot der Prozess selbst an: die Bürgerinnen und Bürger konnten sich über eine Liquid Democracy Plattform mit eigenen Ideen und Kommentaren in die Arbeit der Experten einbringen. Am Ende machten 12.579 Mitglieder der Online-Plattform 494 Vorschläge, von denen manche auch in den Abschlussbericht der Kommission übernommen wurden – darunter zum Beispiel „Transparenz schaffen durch Open Data“ oder „Computerspielpädagogik als Aufgabe der Medienpädagogik“. In der Diskussion der Kommissionsarbeit wurden 2.356 Kommentare hinterlassen und 14.602 Stimmen abgegeben. Auf den ersten Blick ist das ein stattliches Ergebnis. Auf den zweiten Blick folgt die Frage: Ist das gut oder schlecht, viel oder wenig, hilfreich oder belastend und vor allem: was ist aus dieser Form der Bürgerbeteiligung geworden?

Die Antwort auf diese Fragen bleibt nicht nur bei dieser Beteiligungsplattform vage. Der Begriff „Beteiligung“ ist durch den Vormarsch von Digitalisierung und Vernetzung zu einem Schlagwort avanciert und hat auf dem Weg zu breiter Popularität doch seine exakten Koordinaten verloren. Höchste Zeit also, einmal genauer hinzuschauen, um ein paar Mythen der Beteiligung im Netz zu entlarven.

Erster Mythos: Wir alle wollen uns ständig beteiligen. Zwar steckt Beteiligung durchaus in der DNA des sozialen Internet, aber nutzen wir sie auch? Die DIVSI-Milieu-Studie (2012) hat gezeigt: Es gibt in Deutschland noch immer einen „Beteiligungsgraben“ („participation gap“). Vor allem die Gruppe der „Digital Outsiders“, die noch immer etwa 40 Prozent der Bevölkerung ausmacht, ist im Netz wenig aktiv. So wie es auch im realen Leben oft nur wenige sind, die sich engagieren, so gilt auch für das Internet die „Pareto-Regel“: wenige machen viel, und viele machen wenig. Dieser „Graben“ kann zum Teil auf die Fähigkeiten der Nutzer zurückgeführt werden, ist aber wesentlich durch unterschiedliche Motivations- und Interessenslagen verursacht. Die meiste Zeit wollen wir uns schlicht nicht aktiv beteiligen – im Netz genauso wenig wie offline.

Zweiter Mythos: Beteiligung ist immer politisches Handeln Schon in der traditionellen Medien- und Kommunikationsforschung sind Zweifel angebracht, ob klare Unterscheidungen zwischen Information und Unterhaltung, aktiver und passiver Nutzung eigentlich zutreffen. Viel mehr noch gilt das für das Internet. Die Grenzen zwischen früher vermeintlich klar unterscheidbaren Nutzungsmotiven und -formen verwischen im Netz zusehends. Im Internet gibt es ganz verschiedene Arten des Engagements. Die Politik ist das wichtigste Beteiligungsfeld im Internet, zumindest gemessen am entsprechenden Umfang der wissenschaftlichen und öffentlichen Auseinandersetzung. Aber nicht dem Politischen zugeordnete Formen des Handelns können ebenso aktivierend und partizipativ veranlagt sein. Es gibt beeindruckende Formen der „Peer Production“ im Netz, die für Beteiligung in der Wirtschaft stehen. Es gibt kreative Schaffenskraft, die im Bereich der Kunst im Netz freigesetzt wird. Neue Lehr- und Lernplattformen (z.B. MOOCs) sind nur ein Beispiel für Beteiligung im Bildungssektor. Und Menschen, die sich in einem Internetforum über ihre gemeinsame Krankheit austauschen, praktizieren auch so etwas wie Beteiligung. Politik ist also nur ein Feld, in dem die Beteiligungspotenziale des sozialen Internets spielen, andere gehören ebenso beachtet.

Dritter Mythos: Wir alle nutzen dasselbe Internet Technisch gesehen stimmt das. Wir sind in ein- und demselben Netz unterwegs, bewegen uns mit Hilfe von standardisierten Internetprotokollen und IP-Adressen und oft auch auf den wenigen besonders populären Plattformen. Das bedeutet aber nicht, dass sich alle Menschen in derselben digitalen Lebenswelt bewegen. Subjektiv gibt es im Netz wenige Standards, die individuelle Erfahrungswelt ist bunt und vielseitig – so wie die Interessen der Nutzer. Das globale Netzwerk von Computern bietet heute vielseitige Plattformen und Nischen: wir nutzen zum Beispiel das World Wide Web über HTTP und Browser, tauschen uns über soziale Medien, wie Facebook oder Twitter aus (Web 2.0), werden Kunden in den proprietären Systemen, wie der Apple-Plattform iTunes, und tummeln uns manchmal auch in Räumen, die sich dem breiten öffentlichen Zugang entziehen, wie dem Darknet. Surfen und Posten, Mailen und Downloaden, Skypen und Chatten, Konsumieren und Kreieren – das alles ist möglich im Netz. Es stellt uns die Plattform und die Instrumente zur Verfügung, was wir damit machen, ist unsere Entscheidung. Also engagieren wir uns für Umweltschutz oder Menschenrechte, Gesundheit oder Suchtkrankheiten, Kunst und Kultur, Sport- oder Filmstars, Produktinnovationen und Wettbewerbe. Überall beteiligen sich Menschen, auf unterschiedliche Art, in unterschiedlicher Intensität und zu unterschiedlichen Dingen. Das Netz ist gross und unsere digitalen Erfahrungswelten können völlig unabhängig von einander sein – auch wenn wir uns alle im selben Netz engagieren, müssen sich unsere subjektiven „Internets“ nicht berühren.

Vierter Mythos: Beteiligung ist immer wünschenswert und gut Das könnte man annehmen, ist aber eine sehr normative Sicht und stimmt so auch nicht durchgängig. Zum einen nutzen in Deutschland vor allem die Menschen mit höherem sozioökonomischen Status das Internet (sog. „Entscheider“), zum anderen muss Beteiligung eben nicht nur gute Seiten haben. Auch beim Einkaufen im Netz, beim Spielen von Onlinegames, beim Arbeiten im Netz beteiligen wir uns. Das kann auch Folgen haben, die nicht zum traditionellen Begriff der Beteiligung passen: Im politischen Umfeld z.B. den „Clicktivism“ oder „Slacktivism“, bei dem sich Beteiligung auf ein „Like“ auf Facebook für eine Protestbewegung reduzieren kann. Im sozialen Miteinander kann übermäßige Beteiligung sogar zur Fragmentierung von Öffentlichkeiten führen, wenn die Hochengagierten nur noch das wahrnehmen, was ihre Interessen betrifft und dazu passt. Und manchmal führt zu viel Beteiligung schlicht zu Überlastung: „Informationsüberlastung“ und „Technostress“ sind die Folgen.

Fünfter Mythos: Das Internet ändert alles oder nichts So ist das mit der Diskussion um neue Technologien: Es bilden sich schnell zwei extreme Sichtweisen heraus, und die Wahrheit liegt meist irgendwo in der Mitte. Durch das Internet werden nicht plötzlich alle Menschen aktiv, sozial oder gar politisch. Aber mit der These, Beteiligung im Netz diene in erster Linie dazu, dass sich Schmalspuraktivisten nach dem Klick auf den Like-Button besser fühlen, machen wir es uns auch zu einfach. Zur Erinnerung: Das Netz als „Massenmedium“ ist keine zehn Jahre alt. Wir haben erst wenige Schritte getan in eine neue Zeit, die ganz sicher wesentlich durch das neue Medium geprägt wird. Es ist ein Marathon, kein Sprint. Auf dem Weg muss man gelegentlich Pause machen, sich besinnen, zurückschauen und nach vorne, um zu sehen, wo man herkommt und wo es hingeht.

Unsere neue Studie mit einer Übersicht über die Forschung zum Themenfeld Beteiligung im Netz zeigt: Es gibt grob drei Konzepte, die genauer angeschaut werden müssen und helfen zu verstehen, dass Beteiligung im Internet ein variantenreiches Konzept ist. Das Netz kann ermöglichen, also in erster Linie Zugang zu Informationen bieten. Es kann einbinden, also Interaktionsmöglichkeiten, Dialog und Austausch schaffen. Und es kann ermächtigen, uns die Möglichkeit geben zu kooperativen Interaktionsformen bei Gestaltungs- und Entscheidungsprozessen. Die drei Beteiligungsformen unterscheiden sich mehr als graduell. Damit wir sie verstehen und interpretieren können, müssen wir ein paar alte Hüte der Deutung ablegen.

Wir sehen auch: Das Internet ermöglicht uns sehr vielfältige Formen der Beteiligung. Manche davon ähneln dem, was wir schon immer unter dem Begriff verstanden haben, anderes öffnet neue Türen und Perspektiven. Immer weniger lässt sich klar zwischen Beteiligung analog und digital, offline und online unterscheiden. Die Welten verschwimmen. Immer mehr Menschen beteiligen sich auf unkonventionelle Art im Netz, jenseits der bekannten institutionalisierten Formen. Vielleicht passt auch der Begriff „Beteiligung“ nicht mehr recht zu dem, was er in Zeiten des Internet beschreibt. Vielleicht müssen wir vielmehr von „vernetzter Aktivität“ („connective action“), sprechen, wie das die Forscher Lance Bennett und Alexandra Segerberg tun?

Es lohnt sich, einige der genannten Mythen zurückzulassen, um besser zu verstehen, was Menschen treibt, sich unterschiedlich im und mit dem Netz zu engagieren. Beteiligung ist nicht immer gleichzusetzen mit höchster Aktivität und lebenswichtigen Entscheidungen. So wie politische Beteiligung nicht nur ein Wahlakt sein kann. Es kann auch Beteiligung sein, wenn ich im Netz einen Lippenstift zugunsten der AIDS-Hilfe kaufe oder eine Facebook-Seite like, die schlicht Aufmerksamkeit für oder gegen etwas schafft. Und Zahlen alleine sagen uns wenig. Sind eine Million „Likes“ so viel wert wie 100 Wählerstimmen? Und wer entscheidet das?

Hohe Hürden im Verständnis von Beteiligung zu setzen, sie allein normativ zu begreifen und auf politische Aktivitäten zu beschränken, bedeutet, vielen Menschen die Absicht und Möglichkeit abzusprechen, aktiver Teil im digital vernetzten Leben zu sein. Das wäre eine ziemlich arrogante Haltung, und sie trifft in vielerlei Hinsicht nicht das, was das Internet uns an neuen Gestaltungsformen eröffnet. Schließlich geht es nicht immer nur um mehr, schneller, weiter. Wie viele Menschen was in welcher Zeit gemacht haben, um sich über das Internet in einen Prozess einzubringen, gibt noch keine Auskunft darüber, was das für sie selbst und das Ergebnis gebracht hat.

Die Begleitforschung zur Enquetekommission „Internet und digitale Gesellschaft“ hat festgestellt, dass die Online-Beteiligung kaum positive Auswirkungen auf das Verhältnis zwischen den Bürgern und der Politik, sondern einigen Frust bei den Nutzern ausgelöst hat. Frust entsteht vor allem dann, wenn Erwartung nicht zur Wirklichkeit passt. Wenn wir an Beteiligung im Netz denken, sollten wir darum unsere Erwartungen der Realität annähern – und dabei die ganze Vielfalt der Wirklichkeit(en) im Netz anerkennen.

siehe auch: Tagesspiegel vom 4. April 2014

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