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13. Oktober 2014, 22:41 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Kriegsökonomie

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Geschäftsberichte, Markenkommunikation und Terror als Produkt. Der „Islamische Staat“ agiert wie ein globaler Konzern.

Die Geschäfte der radikalen Terrororganisation „Islamischer Staat“ („IS“) laufen blendend. Das klingt schrecklich, ist aber wahr. Der Kampf um Kobane in Nordsyrien ist nur eine weitere martialische Transaktion. Sie ist ausgerichtet auf eine geopolitische Übernahme – so steigert der „IS“ seinen Macht- und Marktanteil gegenüber der internationalen Anti-Terror-Allianz. Mit bedrückender strategischer und operativer Präzision arbeiten sich die Dschihadisten im Mittleren Osten vor. Der „IS“ ist der reichste und bestorganisierte Terrorkonzern der Welt. Sein Produkt ist der Terror, seine Währung die Angst.

Seit 2011 wurde konsequente Arbeit geleistet. Der „IS“ agiert nicht nur auf schreckliche Weise kompromisslos. Er legt über sein Vorgehen in Geschäftsberichten („al-Naba“, die Nachricht) Rechenschaft ab – in Optik und Anmutung ausgerichtet an Konzernen der Weltwirtschaft und angereichert mit professionellen Infografiken. Ihre KPIs (Key Performance Indicators) heißen: Mordanschläge, Sprengstoffattacken, Enthauptungen.

Das Institute for the Study of War in Washington hat die Berichte systematisch ausgewertet. Allein für das Jahr 2013 verzeichnet das Portfolio der Terroristen 1083 Morde, 607 Granatenangriffe, 4465 Sprengstoffanschläge. Der Bericht liefert die Zahlen nach Bedarf auch noch differenzierter, auf einzelne Regionen der umkämpften Gebiete heruntergebrochen.

Die Geschäfte des „Islamischen Staats“ laufen auch finanziell blendend. Um die 425 Millionen Dollar soll die Terrormiliz allein durch die Plünderung der Zentralbank von Mossul erbeutet haben. Laufende Einnahmen stammen aus Schutzsteuern der Bevölkerung und dem Schwarzhandel mit Öl aus Quellen in den kontrollierten Gebieten. Für uns alle ist der Preis hoch: Menschen werden zu Hunderten brutal abgeschlachtet. Eine Milliarde Dollar hat der Kampf gegen den „IS“ die USA bereits gekostet. Es wird noch viel teurer werden – Kosten der Konjunktureinbrüche, Destabilisierung und des Vertrauensverlusts. In einer Ökonomie der Aufmerksamkeit ist Angst für Terroristen die härteste Währung.

Uneinigkeit und Partialinteressen bei den Stakeholdern im arabischen Raum treiben die Preise hoch. Saudi-Arabien unterstützt offiziell die US-geführte Allianz im Kampf gegen den „IS“. Doch auf versteckten Wegen fließt das Geld von Großfinanziers im Land in die Kassen der Terroristen. Die Türkei dagegen, Nato-Partner, wir erinnern uns dunkel, hat für ihre Panzer an der Grenze zu Syrien Dauerparkplätze eingerichtet. Da stehen sie nun rum. Präsident Erdogan will vor allem eines nicht: die Kurden in Syrien unterstützen – und liefert ein Beispiel für politischen „moral hazard“. Die Türkei will den Nato-Bündnisfall provozieren, um dann vom politischen „Bail-out“ zu profitieren. Diese Uneinigkeit der Staaten in der Region lässt sich durch den „IS“ wunderbar hedgen: als Absicherung seiner Strategie geopolitischer und ideologischer Anteilsübernahme.

Alles, was der „Islamische Staat“ tut, ist durch eine professionelle Kommunikation des Grauens unterlegt. Videos von Enthauptungen und Autobombenexplosionen sind überall im Internet zu finden und verbreiten sich viral. Im Umgang mit Twitter und YouTube schlägt der „IS“ manchen US-Großkonzern. Eine eigene App („Die Morgendämmerung der Freudenbotschaft“), die das Telefon der Nutzer hackt und „IS“-Botschaften am laufenden Bit sendet, wurde durch Google gestoppt. Aber: Ein Twitter-Konto wird abgeschaltet, zehn neue entstehen. Das Internet ist eine große Marketingplattform – auch für Terroristen.

Die Terrormiliz hat eine starke Marke. Sie lässt sich auch für die Rekrutierung von Nachwuchskämpfern effizient nutzen: „Employer Branding“ für potenzielle Selbstmordattentäter und Söldner des grausamen Tötens. Wie weit die Zuversicht in ein gelungenes Leben und eine hoffnungsvolle Zukunft bei denen heruntergewirtschaftet sein muss, die sich davon blenden lassen, will man sich kaum vorstellen.

WiWo 42 v. 13.10.2014

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