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20. Oktober 2014, 0:32 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Die ICH-Aktie

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Der Mensch als Investment, Erfolg und Lebensglück als Assets: Anleger investieren heute in einzelne Personen – und verdienen daran.

Nehmen wir den Kapitalismus endlich persönlich! Nicht in dieser weinerlichen oder affirmativen Abwehrhaltung gegenüber all den Argumenten, die sich auf der Soll- und Habenseite anführen lassen. Ganz konkret vielmehr: Wir sind das Kapital. Wir lassen nicht handeln, wir lassen uns handeln als Ich-Aktien an den Kapitalmärkten dieser Welt. Leben lohnt sich – jetzt auch finanziell.

Mike Merrill, der junge Mann auf unserem Titel, ist nur ein Beispiel von vielen für eine ganz spezielle Variante der Share Economy, die aus den USA zu uns nach Europa dringt: Der Mensch hat nicht nur ein Aktienportfolio – er ist jetzt auch eins. Die Idee dahinter ist einfach: Junge Menschen müssen in Ausbildung und Entwicklung investieren, um eine berufliche Position, Erfolg, Partnerschaft und Familie aufzubauen. Das kostet Geld, und davon haben wir in den Anfangsjahren individueller Lebens- und Karrierewege meist nicht genug. Warum nicht andere investieren lassen, um so die eigene Ausbildung zu bezahlen?

Die Idee ist eine kreative Antwort auf die zentrale ökonomische Frage des Bildungssystems. Jeder hat es nun selbst in der Hand, sich genug Geld für die eigene Ausbildung zu beschaffen. Nicht Herkunft und Familienvermögen zählen. Die richtige Idee, verknüpft mit einer brillanten Investmentstory für Ego und Alter Ego, gibt den Ausschlag. Das kann zum Beispiel den hochpreisigen exklusiven Bildungsmarkt der Business Schools öffnen und das Gut Ausbildung demokratisieren. Statt nach dem Studium Zigtausende an Schulden mit durchs Leben zu schleppen, lässt man andere zahlen: Du kaufst Anteile an mir, ich nutze dein Geld für mein Fortkommen – und die Rendite teilen wir uns.

Aber der Ansatz hat seinen Preis. Die Risiken, die mit der Anlageklasse Aktien im bekannten Börsengeschäft verbunden sind, gibt es auch hier. Ausbildung und Lebensplanung sind Langfristprojekte. Was tun, wenn aktivistische Investoren auf den Plan treten, die je nach Ego-Kurs heute dieses, morgen jenes Ziel ins Auge fassen? Dagegen helfen Absicherungen im Ich-Prospekt. Aber wenn es auf der Hauptversammlung dann rundgeht, kommt der Ich-Emittent schnell ins Schwitzen. Lässt sich der individuelle Kurseinbruch durch ein Aktienrückkaufprogramm stoppen oder gar ins positive Gegenteil verkehren? Wenn ja, woher nehme ich das Geld dafür, das ich schon vor meiner Anteilsausgabe an mir selbst nicht hatte? Und wie lange wird es dauern, bis clevere Fondsmanager die ersten Derivate der Ich-Aktie entwickelt haben und beginnen, mich zu shorten, also auf den Preisverfall meiner Aktien zu wetten?

Bildung und Lebensglück sind allemal eine wacklige Angelegenheit. Mit den Ich-Investments werden sie noch volatiler. Individuelles Glück und persönlicher Erfolg geraten zu Spekulationsobjekten. Wer Aktien an sich selbst ausgibt, unterwirft sich den Entscheidungen anderer. Der Einzelne ist so frei, auf Freiheit zu verzichten. Als Geschäftsmodell ist das unmenschlich – eine moderne Form der Sklaverei.

Theodore W. Schultz, Wirtschaftsnobelpreisträger 1979, der sich intensiv mit der Humankapitaltheorie befasst hat, sagte dazu: „Der bloße Gedanke, Menschen als Investment zu betrachten, ist für einige von uns anstößig. Unser Glaube und unsere Werte verbieten uns, Menschen als Kapital zu sehen.“ Milton Friedman sah das schon 1955 anders. In Deutschland ist bislang verboten, was in den USA möglich scheint. Nach dem Börsengesetz kann eine natürliche Person nicht an der Börse gehandelt werden.

Das mag sich ändern. Eine Konstante aber bleibt: In Sachen Risikoabwägung ist der Mensch verlässlich. Für den Investitionszeitraum Ausbildung hat er nur eine Ausfallwahrscheinlichkeit von 0,1 Prozent und wird damit zum Top-Asset. Hinter diesen 0,1 Prozent jedoch liegt der Schatten der 100 Prozent: Jeder wird irgendwann zum Totalausfall, rein biologisch betrachtet. Wir verkaufen, was wir nie ganz besitzen – die Ich-Aktie als Leerverkauf.

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