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3. November 2014, 8:33 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Ermüdungsbruch

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Ein Hauch von Separatismus durchweht die EU. Der Wunsch nach neuen Grenzen und mehr Autonomie zeigt: Europa fehlt die Idee.

Eine Grenze löst sich selten auf: Am Sonntag, dem 9. November, wird das in Berlin geschehen. In abendlicher Dunkelheit sollen viele Tausend weiß leuchtende Ballons entlang des früheren Verlaufs der Mauer in den Himmel steigen. Ein schönes Bild und ein schönes Symbol zum 25. Jahrestag des Mauerfalls: Es wuchs zusammen, was zusammengehört.

Berlin wird an diesem Abend eine Insel des seligen Entgrenzens in einem Europa der neuen Sollbruchstellen sein. Jedenfalls wenn es nach den Wünschen vieler Menschen in einzelnen europäischen Regionen geht. Sie wollen nicht mehr Integration, sondern neue Grenzen. Ebenfalls am 9. November findet in Katalonien eine Abstimmung über die Abgrenzung der Region von Spanien statt. Das spanische Verfassungsgericht hat das Referendum verboten. Wie immer es nun am Sonntag heißen wird, ein Wort lässt sich auswechseln, die Motive bleiben gleich. Die Katalanen werden an die Urnen gehen, um zu zeigen: Wir wollen unabhängig werden.

In vielen EU-Staaten haben separatistische oder sezessionistische Bewegungen einen Riesenzulauf. Mit dem Baskenland bekundet in Spanien gleich eine zweite nördliche Region lautstark ihre Abspaltungswünsche. Das norditalienische Veneto sammelt fleißig Spenden, um die Selbstständigkeit schon einmal finanziell vorzubereiten. Vertreter eines unabhängigen Flandern sitzen seit einigen Wochen im belgischen Parlament. Die Probe aufs Exempel ist gemacht: Die Schotten haben sich im September gegen die Unabhängigkeit ausgesprochen. Danach brachten Busse die Unterstützertrupps frustrierter Katalanen, Südtiroler, Korsen, Bretonen und Finnland-Schweden wieder in ihre jeweils falsche Heimat zurück.

Es ist kein Zufall, dass es die wirtschaftlich starken Regionen sind, die sich auf die eigenen Füße stellen wollen. Die Schotten sitzen auf großen Ölvorräten in der Nordsee. Nach einer Abspaltung von Großbritannien hätten sie die Milliardeneinnahmen aus dem Ölgeschäft endlich alleine verbuchen können. Katalonien trägt etwa 20 Prozent zur Gesamtwirtschaftsleistung Spaniens bei. Von jedem Steuer-Euro, den die Region zahlt, bekommt sie 57 Cent zurück, der Rest geht in den Finanzausgleich für die ärmeren Regionen Spaniens. Ein Zustand, den viele Katalanen als „Steuerplünderung“ bezeichnen. Sie wollen endlich auch fiskalpolitisch unabhängig werden.

EU: Grenzen des Wachstums

Die Europa-Idee schwächelt. Sie löst keine Fantasie mehr aus, nicht an den Märkten und auch nicht bei den Menschen. Die Gegenbewegungen, die wir derzeit beobachten, setzen wieder auf den Dreiklang des Nationalstaats: Volkszugehörigkeit, geografische Abgrenzbarkeit, Selbstbestimmung. Grenzen werden immer dort besonders vehement neu gezogen, wo Entgrenzung das Leben unübersichtlich macht. Man wünscht sich die Welt kleiner, nicht größer.

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Es wächst zusammen, was zusammengehört. Das gilt für die deutsche Einheit, aber vielleicht nicht für Europa. Denn was nicht zusammengehört, wächst auch nicht zusammen, es sei denn, es gibt dafür überzeugende Gründe. Wachstum und Wohlstand sind die Treiber für Integration. So viel europäischer Realismus muss sein, auch wenn die Gründungsväter der Europäischen Gemeinschaft es gerne idealistischer gehabt hätten. Die Finanz- und Euro-Krise haben Europa die dämpfenden Fettpölsterchen von den dürren Knochen gefressen. Jetzt liegt das Skelett ziemlich blank und offenbart Ermüdungsbrüche. Man kann versuchen, die mit Beschwörungsformeln der europäischen Integration zu heilen. Oder man setzt auf stärkere Medizin: solide Staatsfinanzen, Investitionen in Wettbewerbsfähigkeit und transparente Sanktionsmechanismen.

Im Internet kursiert eine Karte, die das Bild eines Patchwork-Europa zeigt: So sähe es aus, wenn alle separatistischen Bewegungen umgesetzt würden. Es ist eine Erinnerung an das düstere Mittelalter: als ob es Tausend Grenzen gäbe und hinter Tausend Grenzen keine Welt.

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