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16. November 2014, 19:24 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Versprechen und Strafe

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Privatanleger sollen neuerdings Strafzinsen zahlen. Unverschämtheit? Nein, derzeit das richtige Signal für offensivere Anlagestrategien.

Auf Verbrechen steht Strafe. Fragt sich, welches Verbrechen die Anleger begangen haben, dass sie nun mit Negativzinsen bestraft werden. Keines – so lautet die naheliegende erste Antwort. An den Finanzmärkten hat die Kette von Schuld zu Sühne viele Glieder.

Noch immer stecken wir mitten in der Staatsschuldenkrise, die Wachstumsprognosen sind eher mau. Die Inflationsrate verharrt bei derzeit 0,8 Prozent. Und die Europäische Zentralbank (EZB) will die Niedrigzinspolitik fortsetzen und den Markt weiter mit billigem Geld fluten. Optimale Voraussetzungen für Anlagerenditen sehen anders aus.

Im Frühsommer hat die EZB zum ersten Mal formal die Nulllinie unterschritten. Banken, die Geld bei der EZB parken, müssen derzeit einen Strafzins von 0,2 Prozent zahlen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis der Negativzins auch die Privatanleger erreichen würde. Die Deutsche Skatbank hat mit einem ersten gezielten Stich versucht, das Thema Strafzins anzureizen. Wenn nun weitere Banken folgen, zeigt das: Ausgereizt ist es noch lange nicht.

In seinem Werk über „Die Philosophie des Geldes“ (1900) schrieb Georg Simmel: „Eine je größere Bedeutung der Zins im wirtschaftlichen Leben erhielt, desto geringer wurde er.“ Das war prophetisch: In diesen Zeiten gilt: Je mehr wir auf den sicheren Zins fixiert sind, desto weniger Rendite bringt uns das angelegte Geld.

Wo kein Verbrechen, da keine Strafe? In der Zinspolitik setzt diese Logik, scheint es, aus. Haben sich deutsche Anleger doch etwas zuschulden kommen lassen? Haben sie. Deutsche Anleger sind für diese Zeiten zu konservativ. Risiko? Nein, danke. In kaum einem anderen Land wird dem Sparbuch noch immer so gehuldigt wie bei uns.

Sparbuch, Lebensversicherung, Bausparvertrag und Immobilien sind der Deutschen liebste Anlageformen. Bei allen von ihnen gilt: Das Gefühl der sicheren Anlage ist teuer erkauft. Kleine Beispielrechnung: Eine Inflationsrate von 1,5 Prozent im vergangenen Jahr und 0,2 Prozent Zinsen auf dem Sparbuch ergeben minus 1,3 Prozent. Wir hatten längst Negativzinsen, bevor die EZB sie eingeführt hat.

Der Glaube an sichere Investments führt auch zu Verblendung. Anlagen finden reißenden Zulauf, wenn der schlaue Emittent „Sicherheit“ als Zauberwort verwendet. Dann kaufen sich Deutsche auch gern mal in windige Riesenradprojekte in Singapur, Peking oder Orlando ein. Irgendwann kommt die Stunde der Wahrheit und mit ihr oft der Totalverlust. Und dann ist das Geschrei groß. Stand doch „sicher“ drauf.

Unwissenheit schützt vor Strafe nicht. Weder beim überschätzten geliebten Sparbuch noch bei der unterschätzten Gefahr des Vermögensverlusts bei vermeintlich sicheren Investments. Wer sein Geld heute richtig anlegen will, muss sich vom Sparbuch verabschieden, die Anlagestrategie diversifizieren und vor allem auch überschaubare Risiken eingehen. Dazu kann der ärgerliche Strafzins durchaus einen Beitrag leisten: endlich die ängstliche Zurückhaltung deutscher Anleger gegenüber der Aktie zu brechen. Als Langfristanlage sind Aktien unschlagbar. Aus volkswirtschaftlicher Sicht darf der Strafzins ruhig richtig weh tun. Mehr als 2000 Milliarden Euro liegen auf deutschen Sparkonten herum. Geld, das mit jedem Tag weniger wert ist. Das Pro-Kopf-Vermögen ist bei uns im vergangenen Jahr nur um 2500 Euro gestiegen, in den USA um 10 000 Euro. Vermeintliche Anlagesicherheit bremst reales Vermögenswachstum. Höchste Zeit also, die Anlegerschockstarre zu durchbrechen.

Eine aktuelle wissenschaftliche Studie zum menschlichen Sparverhalten zeigt: Kluges Anlageverhalten wird zu einem wesentlichen Teil vererbt. Die deutsche Liebe zum Sparbuch als genetische Prädisposition? Dann sind wir nicht zu retten. Aber: Nach der Studie ist das Sparverhalten in den Genen verankert, die auch unsere Gewohnheiten beim Essen und Rauchen bestimmen. Es soll ja sogar Menschen geben, die sich das Rauchen abgewöhnt haben – aus Einsicht, nicht durch Strafe.

wiwo.de

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