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25. November 2014, 9:11 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Multiorganversagen

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Mehr Bodenkontakt, Trennung von Person und Funktion, Regeltreue im Amt – was im Urteil gegen Thomas Middelhoff steckt.

Nein, es ist nicht nur die teure Posse eines pathologischen Narzissten, der gerne als wirkmächtig in die Geschichte des deutschen Managements eingegangen wäre. Im Fall des Thomas Middelhoff, im doppelten Sinne des Wortes, liegt auch Potenzial zur Veränderung. Durch Schaden wird nicht jeder Mensch klüger, Unternehmenskultur aber kann durch negatives Beispiel besser werden.

Die Reaktionen auf die Verurteilung des früheren Arcandor-CEO wegen Untreue fallen sehr unterschiedlich aus: Schadenfreude, Entrüstung, Fassungslosigkeit. Es geht ein Bewusstseinsrüttler durch manche Vorstandsetage. Eine Reisekostenabrechnung kann Menschen und Karrieren stoppen.
Sie steht für eine feine, aber unumgängliche Linie zwischen Person und Funktion. Vielleicht gibt es ja einen Gott, aber ganz sicher sitzt er nicht auf dem Vorstandssessel eines Unternehmens. Der Mensch, der auf diesem Sessel sitzt, ist fehleranfällig und im Job sogar ersetzbar. Diese Einsicht muss “Big T.”, wie Middelhoff einst genannt wurde, irgendwann abhandengekommen sein. Er dachte bis zuletzt, er könne der Frank Sinatra des deutschen Managements werden: “I did it my way.” Spielregeln waren für ihn individuell. Das macht jedes Zusammenspiel schwierig bis unmöglich.
Was früher einmal mit Führungsstil oder ähnlich weichen Begriffen beschrieben wurde, lässt sich heute konkreter fassen: kooperative Führung statt autoritäre Herrschaft, Governance statt (Selbst-)Gefälligkeit. Das ist der Knackpunkt im Fall Middelhoff. Mit einer Portion Zynismus ließe sich sagen: Sind bei uns nun die Gerichte für die Reisekostenregelungen in Unternehmen zuständig? Ganz sicher nicht. Dass es in diesem Fall so ist, liegt an vielfachem Versagen. Wo war der Aufsichtsrat von Arcandor, als Middelhoff Flüge mit Privatjet und Hubschrauber und eine Festschrift für seinen Vorgänger bei Bertelsmann aus der Arcandor-Kasse bezahlte? Wo war das Controlling des Unternehmens? Wo waren die externen Wirtschaftsprüfer, und wo war das Compliance Management? In der Medizin nennt man so etwas Multiorganversagen. Dem Überleben einer Person ist es ebenso wenig zuträglich wie dem eines Unternehmens.

Mit dem Ende der Deutschland AG wurden die typischen Kapitalverflechtungen zwischen Unternehmen aufgelöst. Manche personellen Verflechtungen über Vorstands- und Aufsichtsratsmandate aber blieben erhalten. Und die Anforderungen an eine Corporate Governance nach internationalem Standard wurden durchaus nicht überall konsequent umgesetzt. Unsere Recherchen haben gezeigt: Fehlende oder unklare Reisekostenregelungen für Vorstände, die externe Aufsichtsratsmandate wahrnehmen, sind durchaus kein Einzelfall. Es gibt gute Vorbilder: Manche Unternehmen, wie die Lufthansa, haben in der Satzung festgelegt, dass die Reisekosten der externen Aufsichtsratsmitglieder übernommen werden. Auch trägt zum Beispiel Bertelsmann, wiederum satzungsgemäß, die Kosten, wenn Henkel-Chef Kasper Rorsted, Mitglied des Bertelsmann-Aufsichtsrats, für die Sitzungen anreist. Viele andere Unternehmen können oder wollen keine Auskunft geben. Das liegt nach Aktienrechtler Oliver Maaß an mangelnden Regelungen in vielen Unternehmen und daran, dass selbst Aufsichtsräte mit hohen Vergütungen oft “Pfennigfuchser” sind. Sein Lieblingsfall, so Maaß, war “eine Auslagenrechnung über eine Banane”.

Den Witz über die Republik gleichen Namens können wir uns an dieser Stelle sparen. Aber vielleicht bleibt angesichts von “Big T.” doch eine Middelhoffnung: Wenn nicht Gerichte per Untreueparagraf über Reisekosten urteilen sollen, braucht es klare Compliance-Regeln und einen Aufsichtsrat, der sie durchsetzt. Auch die Wiederbelebung des gesunden Menschenverstands kann nicht schaden. Die gelingt, indem man nicht nur im Hubschrauber reist, sondern gelegentlich Kontakt zur Außenwelt sucht. Der letzte Satz des Songs “Major Tom” (völlig losgelöst) lautet übrigens: „Mir wird kalt.“

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