MM_Curie
Zu den Kommentaren
1. Dezember 2014, 19:48 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Vermessungswelt

WiWo_Titel_49_14_Staedtetest_FIN3

Das umfassende Datentracking führt zu angepasstem Verhalten und zum Ende des Solidaritätsprinzips: eine stille Enteignung.
Zerstören zieht immer, Hauptsache, es geht dabei laut und aufgeregt zu. Das Europäische Parlament will angeblich den IT-Konzern Google zerschlagen. Dafür fehlen ihm Kompetenzen, entscheiden muss die EU-Kommission. Das kann jeder nachlesen, dennoch ist die Aufregung groß und hat einen regen internationalen Briefverkehr ausgelöst. Der Finanzausschuss des US-Senats äußert in einem Brief tief gehende Zweifel an Europas Bekenntnis zu freien Märkten. Ein Schreiben des amerikanischen Computer- und Kommunikationsverbands findet es „zutiefst verstörend“, wie sehr der Fall Google in Europa inzwischen politisiert worden sei. Und EU-Digitalkommissar Günther Oettinger fühlt sich gezwungen, eine Enteignung Googles auszuschließen. Hoffentlich hat er das irgendwo aufgeschrieben. Viel Papier für die Akten. Viel Lärm um nichts.

So tickt die Diskussion über die Veränderungen unserer Wirtschaft durch Digitalisierung. Aufgeregt, unausgegoren, frei von belastenden Detailkenntnissen – einfach mal lospoltern. Still und unbemerkt arbeiten andere derweil an der wahren Revolution unserer digitalen Lebensverhältnisse.
Rechtsanwälte in der kanadischen Stadt Calgary greifen in einem Prozess vor Gericht zum ersten Mal auf die Daten eines Fitness Trackers zu. Die Armbänder messen die Aktivität ihrer Träger, zeichnen Bewegungen, Schritte, Pulsfrequenz, Schlafphasen auf und sichern die Daten über eine App. Im kanadischen Fall sollen die Aufzeichnungen einer jungen Frau helfen, ihre Ansprüche auf eine Versicherungsleistung nach einem Autounfall geltend zu machen. Beweisen die Daten eingeschränkte körperliche Aktivität, wird gezahlt, im umgekehrten Falle nicht.

Die Sparkassen DirektVersicherung in Düsseldorf bietet seit Beginn des Jahres einen Tarif, der nach US-Vorbild den Fahrstil des Kunden zur relevanten Messgröße erhebt. „Pay how you Drive“ heißt das – zahle so, wie du fährst. Eine kleine Datenbox im Auto zeichnet jede Fahrt auf und meldet die Daten an ein Rechenzentrum. Simple Folge: Je häufiger ich scharf bremse oder noch so gerade bei Gelb über die Ampel rausche, desto teurer wird meine Autoversicherung. Das klingt erst einmal vernünftig. Das Äquivalenzprinzip der kollektiven Risikoübernahme aller Autofahrer als Kunden einer Versicherung wird aufgebrochen zugunsten individueller Verantwortung für individuelles Verhalten. Wo ich genau messen und anhand aufgezeichneter Daten dokumentieren kann, wer sich wie risikoreich verhält, da muss das Kollektiv nicht einspringen.
Generali bietet als erste Krankenversicherung in Europa nun einen Tarif an, der auf Kundendaten basiert. Über eine App werden Schrittzahlen, sportliche Aktivitäten oder auch ärztliche Vorsorgetermine koordiniert. Wohl dem Gesunden, der mit einem festen Willen und guten Genen aufwarten kann. Er profitiert von einer günstigen Krankenversicherung. Wehe dem, der nur Faulheit, Wankelmut und ein hohes Krebsrisiko mitbekommen hat: Er wird mehr zahlen müssen. Und was ist mit jenen Menschen, die das eigene Verhalten nicht dauernd dokumentiert sehen wollen? Sie werden zu den Außenseitern der Vermessungswelt. Verdächtig durch den mangelnden Willen, sich auf Schritt und Tritt messen zu lassen. Schuldig des Widerstands gegen die Vergemeinschaftung aller Verhaltensweisen.

Bei der Autoversicherung geht es um die Lücke, die der Risikoteufel uns Menschen bei jeder Entscheidung lässt: Ich bin frei, etwas zu riskieren, aber ich muss die Verantwortung für meine Entscheidung übernehmen. Bei der Krankenversicherung geht es um gesellschaftliche Solidarität für ein Risiko, das außerhalb des eigenen Einflusses liegen kann: Krebs, ALS, Alzheimer. In der Vermessungswelt wird ein freies Leben zum Glücksspiel, das niemand versichern kann. Der Mensch wird der Freiheit seiner individuellen Lebensführung enteignet, und das gesellschaftliche Solidarprinzip wird zerschlagen. Das wäre mal politische Aufregung wert.

wiwo.de

Be Sociable, Share!

Kommentare sind derzeit geschlossen.

© Miriam Meckel 2002 bis 2017