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6. Dezember 2014, 8:44 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Rette sich, wer kann

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Die geplante Aufspaltung von E.On zeigt: 
Ein Zeitenwandel steht an. Erhalten bleibt die Frage: Wohin mit den Atomaltlasten? 

Eine kommunikative Kernschmelze war es, was E.On-Chef Johannes Teyssen mit der Ankündigung zur Aufspaltung des größten deutschen Energiekonzerns geliefert hat. In der deutschen Energiepolitik sind viele Beteiligte aus Politik und Unternehmen intensiv bemüht, die argumentative Notkühlung anzuwerfen, damit die eine zentrale Frage nicht allzu schmerzhaft auf den Nägeln brennt: Kann die Energiewende so wie geplant gelingen? Teyssen hat darauf die Antwort gegeben: kann sie nicht.

Die geplante Aufspaltung von E.On ist erst einmal ein mutiger Schritt in Richtung Zukunft. Er wurde am Markt sogleich belohnt: Die E.On-Aktie legte zeitweise um mehr als sechs Prozent zu. Wenn klar ist, dass ein Unternehmen unter gegebenen Bedingungen vor die Wand fahren wird, dann ist genau das die Aufgabe von Management und Aufsichtsgremien: alle Schritte zu prüfen, die das verhindern. Nicht beantwortet ist die Frage: warum erst jetzt? Ist es nicht längst zu spät, das Ruder herumzureißen?

Die geplante Aufspaltung von E.On ist auch ein verzweifelter Schritt. Nach dem Motto „Rette sich, wer kann“ will das Unternehmen die zukunftsträchtigen Geschäftsfelder in einem, die Energiealtlasten in einem anderen Unternehmen bündeln. E.On kann diese strategische Kurve nehmen, weil es – anders als RWE und EnBW – nicht Staat und Politik im Unternehmen und damit im Nacken sitzen hat. Einen anderen Weg wählt der Energiekonzern Vattenfall: Er hat die deutsche Bundesregierung vor einem internationalen Schiedsgerichtshof verklagt und will 4,7 Milliarden Euro Entschädigung für den Atomausstieg. Als ausländischer Konzern kann Vattenfall das. Andere können das nicht.
Ob Befreiungsakt oder Verzweiflungstat: E.On-Chef Johannes Teyssen hat sich als der Zauberlehrling der deutschen Energiewirtschaft geoutet. Ganz im Sinne der Ballade Goethes hat er, unausgesprochen, aber doch für alle klar verständlich, gesagt: Die Geister, die wir riefen, werden wir nun nicht los. Es sind die Geister der Atomenergie. Sie sind technologisch unberechenbar, wie Fukushima gezeigt hat. Und sie sind ökonomisch unberechenbar, wie wir im Zuge der Energiewende Schritt für Schritt feststellen.

Wenn Ex-Umweltminister Jürgen Trittin nun fordert, umgehend eine realistische Höhe der Entsorgungskosten für die Kernkraftwerke zu ermitteln, dann wünscht man gerne fröhliche Rechenspiele. Die Ergebnisse werden ähnlich valide sein wie die Neujahrswünsche der Sternsinger. Klar scheint nur: Die 36 Milliarden Euro Rücklagen der Konzerne werden nicht reichen. Zum einen, weil das Geld nicht vor Insolvenz geschützt ist. Es steckt in den Kraftwerken, die sukzessive abgeschrieben werden. Zum anderen, weil Handlinienlesen gegen diese Berechnungen als ziemlich sattelfeste Angelegenheit erscheint.

Boil-out statt Bail-out

Die Botschaft von Johannes Teyssen war daher keine frohe. Sie kann vielleicht Teile von E.On retten, nicht aber die deutsche Energiewirtschaft. Machen wir uns also klar, dass wir nichts Genaues wissen. Dass die Altlasten der Kernenergie wie Blei in der Bilanz der Konzerne liegen. Dass irgendwann die Frage „Wer bezahlt eigentlich?“ an uns Steuerzahler zurückgespielt wird. Nach dem Bail-out in der Finanzindustrie kommt der Boil-out der Kernkraftwerke.
Dabei wurde die kommerzielle Nutzung der Kernenergie in Deutschland bereits üppig gefördert. Über 60 Jahre hinweg sollen bis 2010 mehr als 140 Milliarden Euro in die Vermarktung des Atoms geflossen sein. Im Lichte dieser Summe scheinen die 36 Milliarden Euro Rückstellungen kaum mehr wie ein müdes Glimmen.

Das ist die Botschaft jenseits von E.On: Die Energiewende wird uns noch teuer zu stehen kommen. Wo zu viele Subventionen fließen, erlahmt der unternehmerische Geist. Wo Unternehmen die Kosten für die Folgen ihres Wirtschaftens nicht tragen müssen, da muss immer wieder der Steuerzahler einspringen. Und wo die falschen Anreize gesetzt werden, da werden sie auch genutzt.

wiwo.de

 

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