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22. Dezember 2014, 10:55 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Fortschritt in mehr als 140 Zeichen

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Die Welt ist voller Unruhe und Veränderung, und doch gibt es wenig wahrhaft Neues. Die nächste Dekade aber bringt Aufbruch.
Der Jahreswechsel steht bevor – ein guter Moment, um einmal innezuhalten und Bilanz zu ziehen. Der persönliche Blick gehört jedem alleine. Der übergeordnete Blick gehört zur Selbstvergewisserung eines Landes, eines Wirtschaftsstandorts, einer Gesellschaft.

Wir beginnen bald das Jahr 2015, nach Ansicht vieler Experten der Einstieg in ein Jahrzehnt der großen Veränderungen. Braucht es die wirklich, mag manch einer seufzend fragen. Veränderung hatten wir doch in den vergangenen Jahren genug.

Das stimmt, und es stimmt doch auch nicht. Der deutsch-amerikanische IT-Unternehmer und Risikokapitalgeber Peter Thiel hat sein Resümee der zurückliegenden Jahre klar auf den Punkt gebracht: „Wir wollten fliegende Autos – wir bekamen 140 Zeichen.“ Damit meint Peter Thiel die Länge der Botschaften, die wir auf Twitter versenden: 140 Zeichen, mehr geht nicht. Und er nimmt dies als Symbol für Erneuerung, die sich in engen Grenzen hält und damit nicht wirklich eine ist.

Aufruhr statt Veränderung durch Fortschritt: Die Bedrohung durch den radikalislamistischen Terror des sogenannten „Islamischen Staats“, die Krisen in der Ukraine, in Syrien, Sanktionen gegen Russland, der Niedergang des Rubel, die wieder aufflammende Staatsverschuldungskrise in Griechenland, Null- oder Minuszinsen für Geldanlagen, das alles stimmt nicht froh. Die Welt scheint sich rückwärts statt vorwärts zu drehen.

Wir arbeiten an Neuerungen, an technologischem Fortschritt, an dynamischem Wachstum. Aber der große Wurf bleibt aus. US-Ökonom Tyler Cowen hat schon in seinem Essay „Die große Stagnation“ (2011) nachgezeichnet, dass wahre Innovationen fehlen. Die Zeit der bahnbrechenden Veränderungen liegt zwischen dem Beginn des 20. Jahrhunderts und den Siebzigerjahren, die Phase also, in der es in Deutschland auch das Wirtschaftswunder gab. Die Erfindung des Computers, Antibabypille, Menschenrechte, die Ökologiebewegung, ziviler Flugverkehr, diese Errungenschaften prägen noch heute unsere Gesellschaft.

Auch das Internet gehört in diese Reihe. Aber wie das Zitat von Peter Thiel besagt: Die Chancen waren groß, aber wir haben sie bislang nicht groß genutzt. In den Worten von Ökonom Tyler Cowen: Große Schritte sind mit den Neuerungen möglich, die wirtschaftliche Entwicklung und Wachstum zeitigen und damit auch neue Arbeitsplätze bringen. Das Internet hat vieles verändert, aber es sind oft eben doch inkrementelle Veränderungen. Wir haben 140 Zeichen bekommen. Von fliegenden Autos kann nicht die Rede sein.

Das könnte sich in den nächsten zehn Jahren wandeln. Mit der Verbindung von Digitalisierung und Neurowissenschaft, den Fortschritten in der künstlichen Intelligenz, dem Internet der Dinge, also der digitalen Vernetzung von allem in unserer Welt, ist mehr verbunden als ein kleiner Schritt auf den Datenstrecken. Es könnt ein großer werden für die Menschheit. Warum? Weil mit der Verbindung von Informatik, Neurowissenschaften und Robotik die Grenzen unserer körperlichen Existenz und unseres Denkens tatsächlich verschoben werden.

In dieser Kombination ist es vorstellbar, dass Lahme gehen und Blinde sehen können, dass Unfälle aus dem Straßen-, Schienen- und Luftverkehr verbannt werden, dass wir die Entschlüsselung des menschlichen Genoms endlich in neue Chancen für uns verwandeln können. Das wäre dann ein echter Aufbruch in eine neue Zeit. Nicht eine der Stagnation, sondern eine des beflügelten Menschen, vielleicht sogar im doppelten Sinne des Wortes.

Was wir dazu brauchen? Mehr Selbstvertrauen, Geld für Forschung und Entwicklung und eine Prise Risikobereitschaft.

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