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3. Januar 2015, 10:20 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Wider das Feuer

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2014 war ein Jahr der kommunikativen Brandbeschleunigung. 2015 ist es Zeit für eine Besinnung auf den freien Marktplatz der Ideen.
Wer im voll besetzten Theater sitzt, soll nicht grundlos „Feuer!“ schreien. Der Schrei könnte zum Wendepunkt werden. Aus einer friedlichen wird eine aggressive, aus einer hoffnungsfrohen eine verzweifelte Situation. Die viel zitierte Redewendung hat Oliver Wendell Holmes 1919 geprägt, einst Richter am Obersten Gerichtshof der USA.
Holmes hat darauf verwiesen, dass nicht jede Zuspitzung von der Redefreiheit gedeckt ist, und hat dafür zurecht viel Kritik einstecken müssen. Ein frischer Blick auf sein Zitat offenbart eine andere Auslegeordnung. Wenn einer einmal „Feuer!“ schreit, erzielt er damit Wirkung. Wenn alle „Feuer!“ schreien, hört keiner mehr etwas.

Das zurückliegende Jahr hat uns gezeigt: Das leise, differenzierte Argument pfeift aus dem letzten Loch. 2014 hat das laute, undifferenzierte Argument, gerne garniert mit Überzeichnung und Drohung, die Zeichen gesetzt. Wir leben in Zeiten der verbalen Brandbeschleunigung.

Kurz vor Beginn des zurückliegenden Jahres veröffentlichte Papst Franziskus ein sozialkritisches Lehrschreiben, in dem sich ein bemerkenswerter Satz fand: „Diese Wirtschaft tötet.“ Kritisiert hat der Papst die Götzen Konsum, Konkurrenz und das Gesetz des Stärkeren, die das heutige Wirtschaftssystem bestimmten. Da hat er zum Teil Recht. Aber der Satz kommt mit einer Wortgewalt und Absolutheit daher, dass jedes differenzierte Argument dahinter verschwindet. Im gleichen Angang könnte man sagen: „Diese Religion tötet“ – und würde dafür von den Anhängern einer jeden Religionsgemeinschaft zurecht attackiert. All-Sätze ziehen Mauern hoch. Ein Argument, ein Gespräch oder einen fruchtbaren Streit fördern sie selten. Beispiele dafür offenbart unsere Welt alltäglich.

Ein großer Teil des Konflikts zwischen Russland und der Ukraine besteht aus gegenseitigen lauten Drohungen, die von den jeweiligen Bündnispartnern bekräftigt und weitervermakelt werden. „Wenn ich wollte, könnten russische Truppen in zwei Tagen nicht nur in Kiew, sondern auch in Riga, Vilnius, Tallinn, Warschau oder Bukarest sein.“ So wurde Wladimir Putin im Spätsommer aufgeregt zitiert. Der Kreml dementierte. Auch nach dem Dementi blieb ein Geruch nach verbrannter Erde.

In den USA toben seit Monaten Rassenkonflikte. Weiße Polizisten erschießen schwarze Jugendliche und umgekehrt. Die Botschaft, dass jedes Leben gleich zählt, geht im Aufregungsdiskurs über Anarchie und Zerstörung unter. Vielleicht nicht ganz überraschend in einem Land, in dem sich die politischen Präferenzen von Demokraten und Republikanern in den vergangenen zwanzig Jahren wie auseinander driftende Eisberge distanziert haben und Politik nie parteiischer war als heute.

Das schlimmste Beispiel aber: Köpfen als Kommunikation. Das ist die Botschaft des sogenannten „Islamischen Staates“ („IS“). Dessen Kämpfer schreien nicht einmal mehr „Feuer!“. Sie schneiden Kehlen durch und damit jedes Wort ab.

Diese Serie an Beispielen hinterlässt eine traurige Bilanz des zurückliegenden Jahres. Die Verhärtung von Positionen und ihre lautstarke, zuweilen radikale Äußerung führen dazu, dass manch einer sich nicht mehr die Mühe macht zu widersprechen. Stattdessen richtet er sich lieber in der Echokammer der eigenen Weltsicht ein. Fakten sind dort sekundär. Nicht die Flamme ist Voraussetzung für den Aufschrei „Feuer!“. Es geht nur noch um Aufmerksamkeit, die durch Gemütserhitzung erzeugt wird.

In einer Welt, die immer mehr zusammenwächst und dabei immer komplizierter wird, ist das der falsche Weg. Ein besserer wäre, um Argumente, Ideen und Lösungen zu ringen. Dazu braucht es, was Richter Holmes einst beschränken wollte: den offenen Wettbewerb der Meinungen. Auf dem „freien Marktplatz der Ideen“, wie John Stewart Mill schon 1859 schrieb, wird der Wettbewerb die Wahrheit hervorbringen. Wer daran interessiert ist, schreit nicht „Feuer!“, sondern produziert lieber eine zündende Idee.

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