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10. Januar 2015, 11:12 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Freiheit

A sign reads 'not afraid' as thousands gather for a vigil on Place de la Republique in Paris on Wedn

Ein feiges Attentat tötet Menschen und bedroht unsere Demokratie: Freiheit ist immer nur konkret, nie nur abstrakt möglich.

Es stockt einem der Atem und das Denken bei den Bildern und Tönen aus Paris. Der Anschlag, bei dem zwölf Menschen sterben mussten, ist grausam und radikal. Und er trifft ins Herz der demokratischen Gesellschaft. Die gesamte Führungsriege eines Satiremagazins wird durch mutmaßlich islamistische Attentäter niedergemäht. Die Polizisten, die Journalisten schützen sollen, ebenso. Al-Qaida gegen „Charlie Hebdo“? Die feige vermummte, diktatorische Doktrin gegen das offene Visier der Freiheit von Meinung und Kritik.

Wo auch immer sich die mutmaßlichen islamistischen Angreifer verorten, bei al-Qaida oder beim sogenannten „Islamischen Staat“ („IS“), ihr Ziel ist identisch: Sie wollen die freiheitliche demokratische Gesellschaft zerstören zugunsten eines vermeintlichen Tugendstaats, der sich an einer fehlgeleiteten Interpretation des Koran ausrichtet. Dass dies ausgerechnet in Frankreich geschieht, ist auch symbolisch, denn dort hat es schon einmal den Versuch gegeben, einen Tugendstaat zu errichten.

Maximilien de Robespierre wollte in der Folge der Französischen Revolution mithilfe grausamen Terrors einen Tugendstaat erschaffen. In seiner Rede vor der Nationalversammlung 1792 hat er gesagt: „Terror ist nichts anderes als Gerechtigkeit, prompt, sicher und unbeugsam.“ Das ist die Diktion der Engstirnigen, der Diktatoren und vermeintlichen Tugendwächter, und sie hat sich bis heute kaum verändert.

Fast wären damals die zarten Ansätze von Meinungsfreiheit sogleich wieder erstickt worden, niedergelegt in Artikel 11 der Erklärung der Menschenrechte von 1789. Diejenigen, die verstanden hatten, was Robespierre ihnen und der Gemeinschaft antun wollte, haben ihm schließlich das Handwerk gelegt. Das historische Beispiel zeigt: Einsicht in den Wert der Freiheit ist Voraussetzung dafür, sie mit aller Kraft zu verteidigen.

Die Meinungsfreiheit ist eine grundlegende Freiheit, auf der viele weitere Freiheiten aufsetzen, die wir heute genießen. Ohne Meinungsfreiheit gibt es keine politische Freiheit. Ohne Meinungsfreiheit gäbe es viele Formen des Wettbewerbs nicht. Ohne Meinungsfreiheit stockt irgendwann auch das Wachstum. Wer nicht aushalten kann, dass andere nicht seiner Meinung sind, dessen Welt- und Selbstsicht ist schwach und zögerlich. Einer Weltsicht, die mit Gewalt durchgesetzt werden muss, mangelt es an Überzeugungskraft. Das Korsett der Doktrin braucht es nur da, wo das Rückgrat fehlt.

Was vergangene Woche in Paris geschehen ist, kann ein Wendepunkt sein. Ein Klima der Angst kann Menschen verstummen lassen, sie zu Mitläufern im Mainstream machen. Es kann aber auch zum Verhängnis für die werden, die durch Terror Angst und durch Angst Anpassung an eine vermeintliche Tugend erzwingen wollen.

Bei der Meinungs- und Pressefreiheit gibt es für uns also keine Alternative. Es gibt sie nicht nur ein bisschen oder theoretisch. Es gibt sie nur konkret und praktisch, ganz oder gar nicht. Wenn jetzt die ersten Stimmen laut werden, die Satire wie bei „Charlie Hebdo“ nur eingeschränkt von der Meinungsfreiheit abgedeckt sehen, ist das die beängstigende Folge eines beängstigenden Anschlags.

Die „Financial Times“ kommentierte, man möge doch ein wenig „common sense“ walten lassen in Redaktionen wie „Charlie Hebdo“, weil man wisse, dass die Provokation von Muslimen einen Schlag gegen die Freiheit zur Folge haben kann. Der Schlag gegen die Freiheit liegt auch in solchen Zugeständnissen. Meinungs- und Pressefreiheit gibt es nicht abstrakt oder in der Theorie. Es gibt sie nur konkret und in der Praxis.

Die Islamisten gewinnen nicht durch schreckliche Anschläge wie dem in Paris. Sie gewinnen, indem sie uns verführen, unsere Freiheit vorausschauend zu beschränken und zu einem theoretischen Recht und Anspruch verkommen zu lassen. Das darf nicht sein.

wiwo.de

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