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18. Januar 2015, 23:03 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Globaler Bildersturm

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„Je suis Charlie“ – der Anschlag von Paris hat gezeigt: Große Symbole entstehen schnell, die offene Kritik hat es weiterhin schwer.

Eine seltsame Verdichtung hat stattgefunden nach dem Anschlag in Paris. Eine Verdichtung auf wenige Worte und Bilder. „Je suis Charlie“, mit diesem empathischen Satz haben Millionen von Menschen ihre Solidarität mit den Opfern des islamistischen Anschlags auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ bekundet. Inzwischen hat er sich verselbstständigt.

Seit vergangener Woche sind beim französischen Institut zum Schutz geistigen Eigentums zahlreiche Anträge auf Markenschutz für „Je suis Charlie“ eingegangen. Die drei Worte machen sich nicht nur auf Transparenten gut, sondern auch auf Taschen, T-Shirts oder Brillenetuis. Entsetzen und Trauer sind auch ein Geschäftsmodell, wenn die Symbolik cool genug ist.

Einzelne Exemplare der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ wurden unmittelbar nach dem Anschlag im Internet und am Kiosk für bis zu rund 100 000 Euro angeboten, die Auflage war blitzschnell ausverkauft. Während die Zeitschrift sonst mit einer Auflage von 60.000 Exemplaren in Frankreich auf den Markt kommt, sind es nun fünf Millionen, die in 25 Ländern der Welt verkauft werden sollen. Und auch das reicht kaum, um den Kundenansturm zu bewältigen.

Aus dem Zielobjekt islamistischer Terroristen ist ein Kultobjekt humanistischer Kunden geworden. After-Attack-Branding durch die globale Kommunikation macht es möglich.

Innerhalb von Sekunden verbreiteten sich die Bilder des Attentats über das Internet. Ein Augenzeuge hatte gefilmt, wie ein Polizist von den Attentätern regelrecht exekutiert wird. Das Video hat er „aus Reflex“ auf Facebook gepostet. Nur 15 Minuten war es im Netz, aber das hat gereicht, um es einmal um die Welt zu schicken. Die Angehörigen des toten Polizisten sind entsetzt und traumatisiert, der Mann bereut. Das ist Reaktion. Die Aktion geht vor: Alles ist online, alles ist teilbar, es gibt keine Grenzen mehr, keine geografischen, keine technischen, auch keine der Empathie.

In dieser Zeit herrscht der Moment, der Impuls, das Symbol, das sich blitzschnell weltweit verbreiten lässt. Der Gedanke, die Haltung können oft gar nicht folgen. Und manchmal passt beides dann auch bald nicht mehr zusammen. Am vergangenen Sonntag reihten sich auch diejenigen Staatschefs und Regierungsvertreter als Demonstranten für die Pressefreiheit und zum Gedenken an die Toten von Paris ein, bei denen man hinter dem Symbol vergeblich nach der Substanz sucht: Vertreter Saudi-Arabiens, Katars, Russlands. Drei Tage nachdem der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoglu sich ebenfalls für die Pressefreiheit unterhakte, sperrte ein türkisches Gericht Internet-Seiten, auf denen eine Mohammed-Karikatur von „Charlie Hebdo“ gezeigt wurde. Zwei ultraorthodoxe Zeitungen in Israel retuschierten flugs die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel und die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini aus dem Bild des Trauermarsches. Frauen sollen aus religiösen Gründen lieber nicht auf Fotos abgebildet sein.

Symbole sind die allgegenwärtige Sprache unserer Zeit. Sie funktionieren global, in Politik, Wirtschaft und Terrorismus als Währung der Aufmerksamkeitsökonomie. Aber sie verkürzen die komplizierte Welt auf Bild und Slogan. In dieser Kürze liegt nicht nur Würze, sondern in ihr kulminiert oft auch plakative Wut oder Hass. Der Philosoph Karl Popper hat vor Jahrzehnten begründet, warum es den offenen, kritischen Diskurs braucht, um eine liberale, menschliche Gesellschaft zu schaffen: „Wir müssen für die Freiheit planen und nicht für die Sicherheit.“

Mit ihrer Teilnahme am Trauermarsch in Paris hätten die Staats- und Regierungschefs ein großes Zeichen setzen können. Wären sie denn wirklich mit den Menschen gelaufen. Es wäre ein gefährliches, aber echtes Zeichen gewesen. Die Medienbilder haben nachträglich gezeigt: Es gab wieder eine Lücke zwischen Symbol und Substanz. Aus Gefährdungsgründen verständlich, aber an dieser Stelle entlarvend. Es wurde eben für die Sicherheit geplant, nicht für die Freiheit des offenen Wortes und klaren Bildes.

wiwo.de

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