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16. Februar 2015, 18:10 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

In Ewigkeit, ihr Armen

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Probleme verschieben und dann voll auf Kollisionskurs: Griechenland und die EU spielen das Feiglingsspiel.

Zwischen Griechenland und der EU wird derzeit viel gereist, aber es bewegt sich nichts. Einander in Ablehnung und widerstreitenden Interessen zugeneigt, belauert der eine den anderen in Angriffsstarre. Und beide wissen: Wer sich bewegt, hat verloren.

In der Spieltheorie nennt man diese Situation Feiglingsspiel, „Chicken game“: Zwei Autos rasen aufeinander zu, wer zuerst ausweicht, ist ein Feigling und hat verloren. Halten die Griechen nun nicht Kurs und an ihren Forderungen der Umschuldung oder des weichen Schuldenschnitts fest, hat die neue Regierung von Alexis Tsipras schon nach gut einer Woche ihre Autorität eingebüßt. Sie war zu feige, sich der europäischen Sparknute entgegenzuwerfen? Das werden die so begeisterten Wähler/-innen und Fans nicht mögen. Und die EU merkt: Sie kann ihre Forderungen durchsetzen

Umgekehrt gilt für sie das Gleiche. Zuckt sie ob des forschen Kollisionskurses der Griechen, ist ihre Ernsthaftigkeit im Bemühen um Haushaltskonsolidierung und fiskalpolitische Verlässlichkeit dahin. Sie ist dann nicht mehr Spielmacher, hat ihren Trumpf aus der Hand gegeben (es gibt nur einen!), und die Märkte bekommen ein klares Signal: Willkommen zurück in der Zockerbude Europa, in der Verschuldungsgrenzen nicht mehr sind als Leitplanken, die man getrost umnieten kann.

Also bleiben die Fronten starr. Mit dem Ergebnis, das auch das Feiglingsspiel kennt: Wenn keiner ausweicht, gibt es den Crash. Und der kann tödlich sein.

Bei der Kollision von zwei Autos lässt sich das lebhaft vorstellen. Im Falle Griechenland gegen die EU braucht man ein wenig Fantasie. Verlängern wir einfach die Strecke, auf der die Autos fahren, und zwar endlos. Griechenland und die EU spielen auf Zeit. Die bilateralen Kredite aus dem ersten Rettungspaket sollen schon jetzt erst ab 2020, die EFSF-Kredite aus dem zweiten Rettungspaket ab 2023 zurückgezahlt werden. Warum nicht alles noch weiter verschieben? Es ist ja genug Zukunft da. Wie lange bleiben Griechenland und die EU dann in der Konfrontationsstarre stecken? Auf Ewigkeit, ihr Armen.

Leider haben wir es nicht nur mit einem Zeitproblem zu tun. Es geht auch um die Sache. Denn im Laufe der vergangenen Jahre haben sich die Spielregeln geändert. Vielleicht spielt Griechenland noch dasselbe Spiel wie zum Eintritt in die Europäische Währungsunion. Der Euro-Bund aber hat die Regeln geändert. Er hat sich Schritt für Schritt, Vertrag für Vertrag mehr an die Idee einer politischen Gemeinschaft angenähert und dafür Kompromisse in Kauf genommen.

Schon beim Beitritt Griechenlands zur Europäischen Union 1981 war klar: Die wirtschaftliche Integration würde schwierig werden. Ein ungeteiltes, freies Europa war es wert. Denn es gibt viele gute Argumente für ein politisch geeintes Europa, da müssen wir nur Richtung Ukraine blicken.

Es gibt allerdings weniger gute Argumente dafür, Griechenland eine ökonomische Vollkaskoversicherung ohne Selbstbeteiligung anzubieten und es so in der Hoffnung zu wiegen, andere würden schon zahlen, wenn es knallt.

Inzwischen hat die EU Griechenland die Police gekündigt, und seitdem sind die Griechen wieder auf die ökonomische Realität zurückgeworfen. Welchen Horizont bietet ein Land, in dem etwa ein Viertel der Bevölkerung in Armut lebt und rund 50 Prozent aller Jugendlichen arbeitslos sind? Dass manch einer dem lieber ausweichen möchte, ist verständlich – Feigling oder nicht.

Es gibt noch eine Variante des Feiglingsspiels: Zwei junge Männer rasen in ihren Autos einen Weg entlang. Nicht gegeneinander, parallel zueinander auf einen Abgrund zu. Wer zuerst aus dem Auto springt, hat verloren. Die Szene stammt aus dem Film „…denn sie wissen nicht, was sie tun“ mit James Dean. Bevor die Kontrahenten Kurs Richtung Abgrund nehmen, entsteht ein kurzer Dialog: „Weißt du was? – du gefällst mir.“ „Warum machen wir das dann?“ „Irgendwas muss man doch machen.“

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