MM_Japanische-Lebensweisheit
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23. Februar 2015, 9:02 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Gas geben!

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Apple will Autos bauen. Bahnt sich beim Auto an, was andere Branchen schon durchgemacht haben: von der Hard- zur Software?

Der Apfel fällt in Deutschland oft nicht weit vom Stamm. Weil das ein so schönes altes Sprichwort ist und weil uns die Tradition manchmal näher ist als die Innovation. Jetzt aber fällt ein Apfel ziemlich weit vom Stamm. Der Stamm steht im kalifornischen Silicon Valley, der Apfel fällt jedoch mitten zwischen die Produktionsbänder der heimischen Autoindustrie. Es ist ein großer, starker Apfel, wie sein Codename „Titan“ signalisiert. Er ist leise gefallen, aber alle schauen hin.

Apple will in die Automobilbranche einsteigen. Bis zu 1000 Mitarbeiter sollen in Cupertino an der Entwicklung des Autos der Zukunft arbeiten. Und das ist nur das neueste Detail einer Entwicklungskurve, bei der manches Traditionsunternehmen aufpassen muss, nicht hinausgeschleudert zu werden.

Längst testet Google sein fahrerloses Auto unter Realbedingungen. Weniger im Fokus der Öffentlichkeit gelang es im vergangenen Herbst dem US-Unternehmen Local Motors, das erste 3-D-gedruckte Auto zu bauen. Jahre der Forschung, Vorbereitung und des Designs gipfelten in 44 Stunden. So lange dauert es, das Elektroauto zu drucken. Der Zweisitzer schafft derzeit eine Geschwindigkeit von 65 Kilometern pro Stunde und eine Reichweite von knapp 200 Kilometern pro Aufladung. Das ist noch nichts, verglichen mit den Leistungswerten deutscher Markenautos. Aber darum geht es nicht.

Das gedruckte Auto namens Strati ist Teil einer Branchentransformation, die auf dem deutschen Markt ein paar böse Bremsspuren hinterlassen könnte. Es klingt wie ein Treppenwitz der Industriegeschichte, dass Digitalisierung, Vernetzung – kurz: die Technologien des Virtuellen – nun ausgerechnet die deutsche Autowirtschaft herausfordern, die für ihre Ingenieurkunst, ihr Design und ihre Fertigungsqualität weltweit einen hervorragenden Ruf genießt. Doch das ist möglich.

Antrieb der Entwicklung ist nicht mehr Motorentechnologie, sondern Software. Die Kernfunktionen Design, Fertigung, Marketing werden durch Software, Elektronik und Automation ersetzt. Wie sagte John Rogers, CEO von Local Motors, zum Strati: „Tesla hat den elektrischen Antrieb bekannt gemacht. Wir aber verändern das ganze Auto.“

Die Zukunft des Automobils könnte sich an den drei Ks entscheiden. Da sind zunächst die Kundenwünsche: Mithilfe des 3-D-Drucks lässt sich die Autoherstellung weitgehend kostengünstig individualisieren. Kunden können ihre Wünsche per Konfigurator direkt ins Produkt überführen, zwei Tage später ist das Auto fertig. Bei einem Preis zwischen 18 000 und 34 000 Dollar wird man das auch nicht jeden zweiten Tag machen. Aber der Reiz des individualisierten Autos ist groß, wie der Erfolg einiger Tuning-Anbieter zeigt.

Für die Kundenbeziehung der Automobilfirmen birgt der Apple-Vorstoß eine echte Drohung. Kein anderes Unternehmen hat ein Kernprinzip der digitalen Wirtschaft so konsequent umgesetzt wie Apple: weg mit dem Mittelsmann. Falls Apple nun tatsächlich direkt mit Autozulieferern wie Magna Steyr zusammenarbeitet, gefährdet das die Poleposition der Autofirmen.

Das Kerngeschäft der Automobilwirtschaft wird sich damit ändern – von der Hard- zur Software. Die Computerbranche hat diese Entwicklung seit Ende der Neunzigerjahre schmerzlich durchgemacht. Seitdem ist der Großteil der Wertschöpfung von der Maschine auf die IT übergegangen. Unternehmen wie IBM, die bis dahin unangreifbar schienen, waren plötzlich angeschlagen.

Der US-Ökonom Clayton Christensen hat 1997 in seinem Buch „The Innovator’s Dilemma“ beschrieben, woran Unternehmen scheitern. Sie scheitern am Umgang mit disruptiven Technologien, die billiger und einfacher daherkommen, aber gerade deshalb am Markt erfolgreich sein und Traditionsunternehmen gefährden können. Christensens Buch stand übrigens auf der Bücherfavoritenliste von Apple-Gründer Steve Jobs.

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