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28. Februar 2015, 10:17 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Gleiche und Ungleiche

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Soziale Marktwirtschaft lebt vom Wettbewerb. Auch im sozialen Aufstieg. Dazu braucht es Chancengerechtigkeit, nicht Gleichheit.

Ungleichheit war früher eine Frage des Traurings. Gleich fünf Töchter muss das Ehepaar Bennet in Jane Austens Roman „Stolz und Vorurteil“ unter die Haube bringen. Dass sich Tochter Elizabeth gegenüber den Anträgen wohlsituierter Herren störrisch ablehnend zeigt, ist nicht nur gegen die gesellschaftliche Moral. Es bedeutet auch, eine Chance des gesellschaftlichen Aufstiegs auszuschlagen. Die einzige, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts garantiert funktioniert hat.

Heute gibt es andere Wege. In der sozialen Marktwirtschaft soll niemand warten, bis er oder sie die soziale Leiter rauf verheiratet wird. Persönlicher Lebenserfolg lässt sich individuell gestalten.

Ungleichheit schadet dabei nicht – im Gegenteil. Unterschiede in Einkommen, sozialem Status und Lebenssituation sorgen für Wettbewerb um Ziele und Positionen. Wir brauchen Unterschiede, die für uns einen Unterschied machen, so hat es der britische Soziologe Gregory Bateson verwirrend, aber klug beschrieben. Nur das Signal, es geht auch anders, setzt den Anreiz, etwas zu verändern. Wo alles gleich ist, wird auch jede Bemühung egal.

Falsch! Stopp!, ruft manch ein Ökonom, wenn Unterschiede als Voraussetzung von Wettbewerb und Wettbewerb als Weg zu Verbesserung genannt werden. Der Franzose Thomas Piketty hat die These wachsender Vermögens- und Einkommensungleichheit mit seinem Buch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ besonders lautstark und erfolgreich ins Gespräch gebracht.

Die Verteilung von Einkommen und Vermögen in einer Gesellschaft werden mit dem Gini-Koeffizienten gemessen. Er kann zwischen 0 (vollkommene Gleichverteilung) und 1 (einer hat alles) liegen. In Deutschland lag er 2012 nach einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) für das Vermögen bei 0,78. Die schlechte Nachricht: Kein anderes Land in der Euro-Zone hat eine höhere Spreizung bei Einkommen und Vermögen.

Die gute Nachricht: Der Wert hat sich in den vergangenen zehn Jahren nicht groß verändert. Deutschland wird also – entgegen manch alarmistischer These – nicht immer ungleicher.

So weit die Statistik. Aber was will sie uns sagen? Dass Wirtschaftswachstum, internationaler Handel und technologischer Fortschritt eine Gesellschaft nicht gleicher, sondern ungleicher machen? So einfach ist es nicht.

Vielleicht muss daher die Frage anders gestellt werden: Hilft es den armen Menschen in einem Land, wenn die Reichen weniger reich sind? Nein. Hilft es den Armen, wenn die Reichen ihren Reichtum mit ihnen teilen? Kurzfristig ja.

Eine Gesellschaft, die sich dauerhaft auf Umverteilung stützt, hat perspektivisch nichts zu bieten. Abhängig zu sein von den Almosen anderer ist, zugespitzt formuliert, die Wiedereinführung der Ständegesellschaft. Wer einmal einer sozialen Gruppe angehört, bleibt da, wo er ist. Der andere wird für ihn sorgen. Genau wie bei Jane Austen und dem Aufstieg über Heirat.

In der sozialen Marktwirtschaft ist der Gegensatz von Ungleichheit nicht Gleichheit, sondern Gerechtigkeit. Es geht nicht um gleiche Ergebnisse, sondern um gleiche Voraussetzungen. Jeder muss die Chance haben, seine Position in der Gesellschaft, sein Einkommen und seinen Aufstieg zu gestalten. Das ist gerecht.

Das aber ist in Deutschland so nicht der Fall. Zwei Drittel der Deutschen mit kleinen Einkommen schaffen es nicht mehr, in eine höhere Einkommensgruppe aufzusteigen. Das Elternhaus bestimmt über die Bildungschancen, und die bestimmen über Aufstieg und Einkommen. Das Ticket für die Lebensreise wird bei der Geburt gelöst: Holzklasse oder Businessclass.

Bücher sind ein Spiegel der sozialen Ordnung. Die Jane Austen von heute heißt – mit erheblichen Qualitätsabstrichen – E L James. In ihrem Werk „50 Shades of Grey“ wird gezüchtigt statt geheiratet. Wenn man die Elite nicht im übertragenen Sinne schlagen kann, dann wenigstens ganz konkret.

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