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15. März 2015, 16:18 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Moralische Bazooka

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Griechenland und Europa sind im Scheidungskrieg. Wut, Anfeindungen und Reparationsforderungen werden nichts retten.

Die Zeit der Reparaturen ist vorbei. Denn reparieren lässt sich nur, was in Grundzügen noch funktionstüchtig ist. Für die Beziehungen zwischen Griechenland und Europa darf man das bezweifeln. Die Mechanismen des Austauschs und der Suche nach politischen Kompromissen leiden an Materialermüdung. Dauerdiplomatische Annäherungsversuche zwischen Vertretern der Euro-Länder und der neuen griechischen Regierung mögen immer wieder ein paar neue dünne Äderchen der Beziehungsdrainage legen. Es dauert aber jeweils nicht lange, bis auch die wieder verstopft sind.

Was wir zwischen Griechenland und Deutschland oder Europa derzeit beobachten, hat alle Züge eines Scheidungsdramas, das auf Trennung ausgerichtet ist. In einem Scheidungskrieg gibt es vier Phasen. Zuerst kommt die Phase des Nichtwahrhaben-Wollens. Die hat sich in Griechenland bis 2009 hingezogen. Trotz eindeutiger Hinweise auf die prekäre Staatsverschuldung spätestens 2004 verharrte das politische Personal über Jahre in Selbstverleugnung und übermittelte falsche Defizitzahlen.

Dann folgt die Phase der aufbrechenden Gefühle. In der befinden wir uns derzeit. Trauer, Wut und Hass führen zu überzogenen Reaktionen. Es ist immer der andere schuld. Man fordert, er möge reparieren, was man selbst zu verantworten hat.

Ministerpräsident Alexis Tsipras hat in diesen Tagen die Schotten nun erst einmal richtig dicht gemacht. In einer Rede vor dem Parlament forderte er die Deutschen auf, endlich die aus dem Zweiten Weltkrieg ausstehenden Reparationen zu zahlen. Es geht dabei um Gesamtforderungen in Höhe von etwa 300 Milliarden Euro. Die Berechnungsgrundlage für diesen Betrag ist wegen Hyperinflation und weiterer historischer Bedingungen weitgehend unklar. Ein Schelm, der bei dem ermittelten Betrag an die Summe der griechischen Staatsschulden denkt.

Reparationen sind immer eine schwierige Sache. Lässt sich erlittenes Leid mit Geld reparieren? Lässt sich Geschichte reparieren? Als Mittel in einer rhetorischen Schlacht um die politische Deutungshoheit in der Euro-Krise sind sie gänzlich ungeeignet. Da entsteht schnell der Eindruck, hier handele es sich um eine Ablenkungsreparatur. Der Klempner schraubt an der Dichtung in der Küche rum, während das Bad längst unter Wasser steht.

Zwar sind sich die Völkerrechtler durchaus uneins, ob alle Ansprüche Griechenlands ungerechtfertigt sind. Eine Zwangsanleihe über 476 Millionen Reichsmark erpressten die Nazis 1942 von der griechischen Zentralbank, ohne dass dafür je etwas zurückgezahlt worden wäre. Dass der griechische Justizminister im Gegenzug nun droht, das Goethe-Institut und andere deutsche Einrichtungen in Athen in Zahlung zu nehmen, ist zu diesem Zeitpunkt dennoch schlicht daneben.

Tsipras wirft der Bundesregierung „juristische Tricks“ vor und fragt: „Ist diese Haltung wirklich moralisch?“ Die Moralkeule ist die Bazooka der Ausweglosen, sozusagen das letzte Mittel der Zentralbank für Gewissensfragen. Man flutet den anderen mit moralischen Vorwürfen. Doch das hilft nicht – und führt zur eigenen Abwertung.

Das Scheidungsdrama endet schließlich mit den Phasen der Neuorientierung und des neuen Lebensentwurfs. Für Griechenland würde das bedeuten: sich endlich den notwendigen Reformen zu stellen, die Korruption im Land wirksam zu bekämpfen, ein effizientes Steuersystem aufzubauen, es vor allem auch konsequent anzuwenden und vieles mehr.

Und vielleicht bedeutet es auch, sich wirklich von der Euro-Zone zu trennen. Wiedervereinigung in ferner Zukunft nicht ausgeschlossen. Dann aber mit einem richtigen Ehevertrag.

Ein Satz in der Rede von Alexis Tsipras vor dem Parlament lautete: „Manche sagen uns: Warum beschäftigt ihr euch mit der Vergangenheit? Schaut in die Zukunft!“ So ist es, möchte man antworten.

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