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18. April 2015, 9:32 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Ehrenhaftes Experiment

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Weg mit der Ideologie, her mit der ökonomischen Vernunft: Wir sollten Cannabis freigeben.

Es ist Zeit für ein „ehrenhaftes Experiment“. Eines, das uns die starke Verbindung von individueller Freiheit und Verantwortung vor Augen führt. Eines, das klarmacht, wo die Grenzen staatlicher Regulierung zu ziehen sind und warum sie eher ferner vom als näher am Menschen gezogen werden sollten. Eines, das erwägt, die Befähigung des Menschen ernst zu nehmen zum Gebrauch seiner Vernunft und zur eigenständigen Entscheidung über das, was gut oder schlecht für ihn ist.

Wir sind für die Freiheit geboren, sagt der Philosoph Jean-Jacques Rousseau. Aber man traut sie uns in vielem nicht zu. Und in manchem trauen wir sie uns selbst auch nicht zu. Freiheit ist nicht selbstverständlich, sondern muss mühsam erkämpft werden. Das ist anstrengend, manchmal sogar eine Zumutung. Freiheit bedeutet auch Unsicherheit. Mit ihr müssen wir umgehen, zum Beispiel indem wir mutig entscheiden, was wir wollen, was uns guttut. Grenzen? Keine, mit einer Ausnahme: Die eigene Freiheit endet an der Grenze zur Freiheit des anderen. Sie endet nicht an der Grenze der Vorstellungskraft regulierungswütiger Politiker, der Bedenkenträger und Ewiggestrigen, und sie endet auch nicht an der Grenze derer, die Freiheit mit Ideologie verwechseln.

In die Debatte über eine freiheitliche Weltanschauung, die für den Menschen ganz generell gültig sein sollte, zieht man in Deutschland gerne bis in die letzten Synapsen aufgeputscht mit Einwänden. Wie steht es auf einem inzwischen fast zehn Jahre alten amerikanischen T-Shirt in meinem Schrank: „Everyone is entitled to my opinion.“ Jeder hat das Recht, meiner Meinung zu sein.

Es gibt eine Reihe von Themen, bei denen dieser ideologische Kampf um das an sich unideologische Gut Freiheit verbissen geführt wird. Dazu gehören die Religion, die Sterbehilfe, die gleichgeschlechtliche Ehe; viele Fragen, die Einwanderung und ausländische Kulturen berühren, und auch die Drogenpolitik. Bei all diesen Streitthemen gibt es gute Argumente für einen freien Blick auf die Fakten, der immer Voraussetzung für eine freiheitliche Bewertung ist. Aber der freie Blick macht uns angreifbar in der Überzeugung, die oft mühsam geschaffen wurde und die sich wie ein Schutzschild um den Menschen legt. Wer schon eine feste Meinung hat, führt sie als Schutzschild in bewegten Zeiten und wird nicht ständig erschüttert. Das mag das Leben leichter machen, aber nicht besser. Und die Dynamik, die in einem individuellen Leben, aber auch einer Gesellschaft und Zivilisation angelegt ist, wird dann ausgebremst.

Wir haben uns in dieser Woche eines der genannten Themen gewählt, um es mit freiem Blick und offener Argumentation zu durchdenken. Nachdem dies in vielen Gesprächen und Diskussionsrunden in der Redaktion geschehen ist, beziehen wir klar Position auf der Grundlage von ökonomischen Argumenten. Wir plädieren für die Freigabe von Cannabis.

Cannabis zu verbieten und den Gebrauch mit strafrechtlicher Verfolgung zu belegen ist antiaufklärerisch, weil es unterstellt, Menschen seien nicht in der Lage einzuschätzen, was ihnen guttut oder auch nicht. Es ist unfreiheitlich, weil es den Menschen der Möglichkeit beraubt, über sein Glück und Wohlsein in den Grenzen der Schädigung anderer selbst zu entscheiden. Und es ist vor allem unökonomisch, weil die Verfolgung der vermeintlichen Täter viel Geld kostet, weil potenzielle Steuereinnahmen durch Legalisierung ausbleiben und weil ein Schwarzmarkt entsteht, der Preise diktiert und mafiöse Züge trägt.

1920 begann in den USA durch ein Gesetz die Zeit der Alkoholprohibition. Was als „ehrenhaftes Experiment“ („Noble Experiment“) deklariert wurde, verkam zum Gegenteil: mehr statt weniger Alkoholgenuss, mehr statt weniger illegale Orte des Konsums. Und der Schwarzmarkt blühte. Wir haben es bei Cannabis in Deutschland mit denselben Problemen zu tun. Es wäre ehrenhaft für eine freie Gesellschaft, den Schritt der Veränderung dieses Mal in die richtige Richtung zu tun.

wiwo.de

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