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26. April 2015, 18:33 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Teure Worte

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Am 7. Mai wählt Großbritannien. Für Europa steht Wachstum und Stabilität auf dem Spiel – ein Brexit wäre der falsche Weg.
Es sind fünf Worte, die Margaret Thatcher als britische Premierministerin 1984 sprach, die Großbritanniens Verhältnis zur EU noch immer scharf umreißen: „I want my money back!“ Ich will mein Geld zurück. Damals gelang es Thatcher mit ihren harten Worten, einen Rabatt für die Beitragszahlungen der Briten zum EU-Haushalt herauszuschlagen: 66 Prozent des Nettobeitrags. Das kann man Erpressung nennen oder auch politische Verhandlungskunst.

An beidem hat sich der derzeitige britische Premier David Cameron versucht, als er ankündigte, bei einem Wahlsieg ein für 2017 geplantes Referendum zur EU-Mitgliedschaft vorzuziehen (ein solches Referendum gab es bereits 1975). Cameron hat in der Folge immer wieder betont, er sei für den Verbleib des Vereinigten Königreichs in der EU, aber die Luft für dieses Pro-EU-Argument ist inzwischen in manchen Sphären so dünn geworden, dass es immer nur mit rhetorischem Begleitgeschwader auslaufen darf: Die EU-Verträge müssen geändert werden, damit Großbritannien wieder eigenständiger wird.

Mit der Ankündigung eines Referendums hat Cameron der britischen Wirtschaft, vor allem aber sich selbst eine Schlinge um den Hals gelegt, die andere zuziehen können. Zum Beispiel Nigel Farage, Vorsitzender der europakritischen Ukip-Partei, die es bei der Europawahl im Mai 2014 auf 27,5 Prozent brachte. Mit der „Armee des Volkes“ will Farage schnurstracks aus der EU marschieren.

Für die Zukunftsfrage Großbritannien/EU ist die Wahl so oder so ein Wendepunkt: Schafft Ukip es am 7. Mai auf 13 Prozent, wie manche Wahlprognose vorhersagt, verlieren die Tories die Mehrheit und Premier Cameron jede politische Vitalität. Schneidet Ukip gemäßigt ab, wird Farage Cameron in der EU-Frage vor sich hertreiben.

Damit aber steht auch die britische Wirtschaft vor einem Problem. Zurzeit floriert diese regelrecht. Großbritannien hat sich von der Finanzkrise erholt, mehr noch, 2014 hat es mit 2,8 Prozent das höchste Wachstum unter Europas klassischen Industrienationen erzielt. Das kann sich schnell ändern, wenn aus Worten Taten werden.

Ein Austritt, so eine aktuelle Studie der Bertelsmann Stiftung, würde sich für das britische Bruttoinlandsprodukt mit 0,6 bis 3,0 Prozent negativ niederschlagen. Rechnet man die dynamischen Effekte hinzu, also die Auswirkungen auf Investitionen und Innovationen, könnte sich der negative Effekt gar auf bis zu 14 Prozent erhöhen.

Die Mechanik dahinter ist klar: Tritt Großbritannien aus, muss es sich wieder auf nicht tarifäre Handelshemmnisse oder gar Zölle im Handel mit der EU einstellen – keine guten Aussichten für ein Land, das 50 Prozent seiner Exporte mit der EU abwickelt. Für die Bürger bedeutet das: steigende Preise. Für die Wirtschaft insgesamt vermutlich sinkende Wachstumsraten.

Das kann uns egal sein? Ganz sicher nicht. Wenn die Nachfrage nach teuren Importgütern sinkt,schlägt das auf die Industrieproduktion der Exportländer zurück, also auf uns. Besonders betroffen wären in Deutschland die Kfz-Branche, die Chemieindustrie und die Finanzdienstleistungen. Zudem müssten die verbleibenden EU-Staaten die fehlenden britischen Beiträge im EU-Haushalt ausgleichen. Für Deutschland bedeutet das jährlich rund 2,5 Milliarden Euro Mehrkosten.

Nicht alles, was Wert hat, lässt sich in Zahlen fassen. Den vielleicht gröbsten Schaden richtete ein Austritt Großbritanniens für ein wirtschaftlich starkes und geeintes Europa an. Während sich im Osten die neuen Riesen China und Indien weiter erheben, verheddert sich Europa in politischen Spielchen um Exitstrategien.

Eins ist doch klar: Es dauert, bis der Schaden eines EU-Austritts für die britische Volkswirtschaft schmerzhaft erkennbar wird. Dann aber ist es zu spät. Kein britischer Regierungschef kann sich dann hinstellen und sagen: Ich will mein Geld zurück. Das muss man wissen, bevor man Referenden ankündigt. Worte können richtig Geld kosten.

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