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24. Mai 2015, 11:45 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Die zweite Odyssee

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Europa ist in der Krise und verdient doch unser Vertrauen. Sein Mehrwert liegt jenseits des Euro. Reißen wir uns mal zusammen.

Wenn ein Mensch weiß, dass er in 14 Tagen gehängt wird, kann er sich wunderbar konzentrieren. Ein wahrer Satz des englischen Schriftstellers Samuel Johnson, der in Großbritannien derzeit neuen Widerhall findet. Das anberaumte Referendum über die britische EU-Mitgliedschaft hängt wie ein Fallbeil über der Zukunft des Landes. Die ersten Banken prüfen die Standortverlagerung, und die Rechnung ist unter dem Strich klar: Wenn sich die Briten verabschieden, dann nicht nur von der EU, sondern auch vom wesentlichen Wachstums- und Wohlstandstreiber Binnenmarkt.

Das ist nur eines von vielen Hindernissen, die Europas Kurs derzeit als Odysseezweiten Grades erscheinen lassen – eine Irrfahrt durch die Staatsschuldenkrise, die ergebnislosen Dauerstreitereien mit Griechenland, die Niedrigzinsen, bedingt durch die Geldschwemme, mit der die EZB die Märkte zu stabilisieren versucht. Vor allem aber ist es das selbstverständliche Leben in Frieden und Freiheit, das einen konträren Hang zum Dauernörgeln und zur Europakritik in vielen Ländern hervorgerufen hat. Beim Blick zurück sehen wir friedvolle blühende Landschaften. Was historisch dahinter liegt, bleibt verstellt.

Es ist der immer gleiche Mechanismus, der auch hier greift. Wenn die Erinnerung an die dunklen Tage schwindet, wenn das Gute längst Normalität geworden ist, wenn (Über)leben keine Frage der Position diesseits oder jenseits einer Grenze mehr ist, dann erkaltet das Herz auch gegenüber dem einst so Schönen und Besonderen. Erfolg erzeugt negative Wahrnehmungsstörungen. Der Sinn der europäischen Integrationsübung wird derzeit so herzhaft in Frage gestellt, wie nie nach 1945. Nationale Interessen rücken wieder in den Vordergrund, und altgediente Vorurteile gegenüber Nachbarstaaten und den Menschen, die dort leben, erwachen wieder zu voller Blüte. Die Klage über die Probleme Europas wird nicht nur an Stammtischen geführt, sondern bis hinein in die Vorstandsetagen von Unternehmen. Wenn man dort Sätze hört, was passieren müsse, damit wir wieder einmal aufgerüttelt werden, lassen sich Hitzewelle und Gänsehaut im eigenen Reaktionsempfinden kaum mehr unterscheiden. Uns gehts gut. Ja, sag mal, gehts uns noch gut?

Ob Grexit oder Brexit – es gilt, die aktuellen Probleme anzupacken, aber nicht zu überhöhen. Die Staatsschuldenkrise ist ein Übel. Gemessen an den historischen Erfahrungen Europas das kleinere. Schulden werden manchmal nicht zurückgezahlt – im Krieg gegen und in der Liebe zu Europa.

Als Robert Schuman 1950 zum ersten Mal über seine Idee einer Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl sprach, hat er die wichtigste Begründung von allen geliefert: es gibt keine bedeutendere Voraussetzung für Wohlstand und Wachstum als Frieden. Und nur im Frieden gibt es Freiheit. Für uns ist das heute selbstverständlich. Ist es nicht, wie ein Blick Richtung Ukraine zeigt. Wer auf den Verfall des Euro wettet, darf keine Hoffnung haben, ihn später wieder günstig zurückzukriegen, und verliert weit mehr als Geld.

Die erste Odyssee der griechischen Antike wäre übrigens fast gut ausgegangen – hätte Telegonos, der unbekannte Sohn Odysseus, seinen Vater nicht nach seiner Rückkehr getötet – angeblich ahnungslos.

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