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12. Juni 2015, 13:55 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Endspiel

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Griechenland ist pleite. Höchste Zeit, das endlich anzuerkennen. Die Verschleppungsstrategie ruiniert ein vereintes Europa.

Das Gezerre um die Zukunft Griechenlands ist beispielhaft – für die Widersprüchlichkeit und Inkonsequenz innerhalb der Europäischen Union. Die Alternativen sind klar: Entweder die EU-Staaten schieben immer mehr Hilfsmittel nach Griechenland; damit bessern sie schlicht immer nur wieder neue Macken im europäischen Integrationsfirnis aus, unter dem eine Staatspleite Griechenlands längst unübersehbar durchscheint. Oder sie lassen Griechenland pleitegehen.

In diesem nervtötenden Spiel haben wir nun das finale Stadium erreicht. Griechenland und die EU erinnern langsam, aber sicher an Clov und Hamm, die beiden in Aussichtslosigkeit vereinten Protagonisten aus Samuel Becketts Bühnenstück „Endspiel“. In gegenseitiger Abneigung sind sie doch aneinandergekettet ohne Aussicht auf Veränderung. „Etwas nimmt seinen Lauf“, sagt einer der beiden, als die Vorräte zu Ende gehen.

Auch zwischen Griechenland und der EU nimmt etwas seinen Lauf. Schon 2010 musste eine ehrliche Analyse zum Ergebnis kommen, dass Griechenland unter normalen Vorgaben nicht zu retten ist. Inzwischen belaufen sich seine Schulden auf 180 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Zwei Drittel davon liegen bei den europäischen Steuerzahlern. Nach fünf Jahren Verhandlung sind wir also jetzt an dem Punkt angekommen, an dem es wirklich schlimm ist – für beide Seiten.

In einem beispiellosen Gezerre schieben IWF, EU-Kommission und EU-Mitgliedstaaten mit immer neuen Zeitschienen, Drohungen und Beschwichtigungen, je nach Stimmungslage, die Entscheidung vor sich her. Man möchte nicht ausrechnen, was die fünf Jahre ergebnislosen Verhandelns auf dem Stundenlohnniveau von Staatschefs Europa gekostet haben. Dafür hätte man vermutlich ganz Südeuropa retten können.

Griechenland wird teuer, ob innerhalb oder außerhalb der Währungsunion. Niemand in der EU wird zusehen wollen, wie das Land, das zur EU gehört, zum Armenhaus Europas wird. Wir werden zahlen müssen, so oder so. Hören wir also auf, uns etwas vorzumachen. Die griechische Regierung will nicht reformieren. Sie geht den Kampf gegen Steuerflucht und Korruption sowie die Reform der Sozialsysteme schlicht nicht an. Stattdessen produziert sie immer neue Listen und spielt mit der EU ein Katz-und-Maus-Spiel, bei dem die Maus die Katze jagt. Das kann sie tun, aber bitte außerhalb des Regelwerks der Währungsunion, das schon großen Schaden genommen hat. Die EU wird nicht implodieren, wenn die Griechen aus der Währungsunion ausscheiden. Rekapitalisierung der Banken, eine gemeinsame Bankenaufsicht bei der EZB und erfolgreiche Reformen in Spanien und Portugal haben die EU in sich stabiler gemacht seit 2010.

Klarheit wäre nun angebracht: Griechenland ist pleite. Lieber verbrennen die Verhandlungsführer weiter Geld als sich die Zunge an dieser klaren Aussage. Es ist höchste Zeit, zu retten, was noch zu retten ist. Nicht in Sachen Geld. Das ist weg. Aber einen Rest an Respekt vor den ökonomischen und politischen Spielregeln der Europäischen Union, den könnte man noch bewahren. Der Schaden für Europa ist sonst weit größer als die 240 Milliarden Euro Kredite für Griechenland. Der Schaden wären dann die Trümmer der Idee, ein vereintes Europa könne verlässlich funktionieren. „Nichts am Horizont?“, fragt Hamm in Becketts „Endspiel“, als er wieder mit dem Fernglas in die Welt schaut. „Alles ist…“. Aus.

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