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5. Juli 2015, 23:17 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Luftabschluss

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Die EU ist gegenüber Griechenland gescheitert – auch an sich selbst. Ein Neustart gelingt nur mit Reformen und Respekt.

Angela Merkel ist Physikerin. Als solche ist sie damit vertraut, grundlegende Phänomene der Natur zu erforschen und daraus allgemeingültige Gesetzmäßigkeiten abzuleiten. In ihrer Dissertation hat Merkel sich mit quantenchemischen Zufallsreaktionen beschäftigt, insbesondere mit Zerfallsreaktionen bei der Abfallentsorgung ohne Luftzufuhr. Insofern war sie gut vorbereitet.

Seit 2010 beobachten wir in der Entwicklung der Staatsschuldenkrise die Zerfallsreaktionen einer Währungsunion, die doch unauflösbar sein sollte. Im Falle Griechenlands wurde die Luftzufuhr durch die Austeritätspolitik der EU unter Führung von Deutschland jedenfalls sukzessive abgedreht.

Man muss Zyniker sein, der man in diesen Tagen leicht werden kann, um zu glauben, es könne irgendein masochistischer Lustgewinn für die Griechen damit verbunden sein, mit einer Euronorm-Spar-Plastiktüte über dem Kopf am Atmen gehindert zu werden. Wer kurz vor dem Ersticken ist, vertut seine Zeit nicht mit Verhandeln. Er schreit, so lange er kann, wehrt sich und schlägt um sich. Sollten die Griechen nun am Sonntag abstimmen (wobei unklar ist worüber), wird aus dieser negativen Energie keine positive entstehen.

Politik ist eben mehr als Mechanik. Politik adressiert Menschen, nicht Materie. In der Physik wirken Kräfte auf Teilchen ein, in der Politik wirken Argumente auf Menschen. Klingt ähnlich, ist aber sehr unterschiedlich. Wir wissen nicht, ob man Atomen Respekt oder Empathie entgegenbringen muss. Menschen erwartet das. Es gehört zu unserer zivilisatorischen Errungenschaft, dass wir diese Verpflichtung im Grundgesetz unveränderlich festgelegt haben. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Da steht nicht: die Würde des Deutschen oder die Würde des Europäers, der in einem Staat mit der schwarzen Haushaltsnull lebt.

Offenbar hat die EU lange gedacht, sie könne Griechenland behandeln wie ein Kleinkind, das nicht weiß, wo es langgeht, und so lange Züchtigung braucht, bis es endlich erwachsen wird. Erwachsen werden heißt hier: die Gesetzmäßigkeiten der Währungsunion akzeptieren, die keine sind und von vielen beteiligten Staaten, darunter auch Deutschland, längst vielfach gebrochen wurden.

Zugegeben: die griechische Regierung hat wenig dazu beigetragen, sich als erwachsener Verhandlungspartner am Tisch zu präsentieren. Aber hier wirkt auch eine verstärkende Wechselwirkung der autoritären Erziehungsversuche. Einem Kind kann man vielleicht noch sagen: „Solange du deine Füße unter meinen Tisch setzt …“. Unter Regierungschefs geht das nicht. Die Regierung Syriza ist nichts anderes als eine neue 68er Bewegung innerhalb der EU: „Revolution ist machbar, Herr Nachbar!“

Dabei gibt es ja gute Gründe für die von Griechenland eingeforderte Disziplin. Nur die fallen leicht unter den Tisch, wenn man wie die Mehrheit der Euro-Partner glaubt, vom einem Land alles fordern, aber sich selbst aus der Gleichung nehmen zu können. Hätte man die Griechenlandhilfe statt mit sturem Pochen auf theoretischen Regeln mit einem demokratisch abgesicherten Reformprozess und der Erkenntnis, dass die Währungsunion als Ganzes sich ändern muss, verknüpft, es hätten alle gewinnen können. Dass der Mut dafür gefehlt hat, kennzeichnet die Merkelsche Unschärferelation. Europas Anziehungskraft ist in ihr geschwunden.

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