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31. Juli 2015, 10:00 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Kernschmelze

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Hacker kapern Autos, Roboter werden zu intelligenten Waffen. Die künstliche Intelligenz braucht internationale Aufrüstungskontrolle.

Ein offener Brief von fast 2000 internationalen Forschern sorgt seit Tagen für heftige Diskussionen. Der Brief, veröffentlicht auf einer Konferenz über künstliche Intelligenz (KI) in Buenos Aires, fordert den vorsichtigen Umgang mit den Errungenschaften und Möglichkeiten dieser Technologie, ganz konkret: ein Verbot für Kampfroboter. Das klingt nach „Blade Runner“, nach „Terminator“ und einem Leben in der „Matrix“, in dem Menschen gegen Maschinen kämpfen, die nicht mehr zu stoppen sind. Also nach Science-Fiction.

Ist es aber nicht. Es ist Science-Faction. Innerhalb von Jahren soll es möglich sein, Roboter herzustellen, die nicht nur töten können, ohne dass noch ein Mensch in den Entscheidungsprozess einbezogen ist. Sie sind auch intelligenter als der intelligenteste Mensch, weil ihre Software selbstlernend ist, also Wissen aus Erfahrung generieren kann und auch dazu keinen Menschen mehr braucht. Computertechnologie entwickelt sich exponentiell. Der Punkt, an dem die Maschinen den Menschen überholen, ist irgendwann erreicht. Nun wissen wir: offenbar sehr bald. In der Evolutionsgeschichte der Computertechnologie werden wir zum müden Traktor, locker rechts überholt vom smarten Geschoss, bestückt mit künstlicher Intelligenz.

Die ersten Anzeichen dafür beobachten wir längst. Wie unsere Titelgeschichte beschreibt, ist es Hackern gelungen, Autos fernzusteuern und damit womöglich zur Waffe zu machen. Das ist eine reale Bedrohung für den Straßenverkehr, vor allem aber für die wichtigste deutsche Industrie. Es stimmt also ganz direkt, dass wir Gefahr laufen, von der Technik rechts überholt zu werden.

Bei den Forschern, die den offenen Brief unterzeichnet haben, handelt es sich nicht um ein paar langhaarige Ökofreaks, die am liebsten bei grünem Tee und Haschplätzchen von der heilen Welt träumen. Es sind die weltbesten Vorreiter der technologischen Innovation: Elon Musk, der den Tesla baut oder Raketen, die ins All fliegen und (meistens) heil wieder zurückkommen. Steve Wozniak, Mitgründer von Apple. Demis Hassabis, bei Google verantwortlich für das KI-Unternehmen Deep Mind. Stephen Hawking, berühmtester Physiker der Welt und kein Technologieverächter. Sie alle wollen weiterkommen, mit künstlicher Intelligenz arbeiten. Aber nicht so.

Wenn geschieht, was bislang kaum jemand für möglich gehalten hat, dann ist das ein Paradigmenwechsel. Die Technik ist nicht mehr Werkzeug des Menschen, sondern die Menschen werden Werkzeuge der Technik. Im militärischen Sektor wäre das dann die dritte globale Bedrohung für die Menschheit nach der Erfindung des Schießpulvers und der Atombombe. Leider werden wir dann von der Werkbank auf die Tribüne verbannt und müssen hoffen, dass jemand den bewaffneten Robotern mal das Sankt-Florians-Prinzip einprogrammiert hat.

Besser und effektiver wären internationale Zertifizierungsstandards, ähnlich einem IT-TÜV, vielleicht sogar eine technische Aufrüstungskontrolle für Gebrauchsgüter. Und eine politische Bewegung, die hinwirken muss auf etwas vergleichbar einem NATO-Doppelbeschluss für KI: Nutzung der Möglichkeiten bei gleichzeitiger Kontrolle des Missbrauchs.

Stephen Hawking sieht KI als größte Errungenschaft der Menschheit. Er sagt auch: Es wird leider die letzte sein.

wiwo.de

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