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4. September 2015, 10:41 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Die Monopolsucher

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Konfliktlösung braucht Argumente. Sind wir schon zu feige, uns respektvoll dem Wettbewerb der Ideen zu stellen?

Eine häufige Kopfbewegung derzeit ist der Blick über die Schulter. Entweder um schnell zu schauen, wer jetzt wieder hinter uns und unseren bevorzugten Lebensbedingungen her ist. Oder um denjenigen zu finden, den man für die Misere einer empfundenen Bedrohung der eigenen Existenz verantwortlich machen kann. In beiden Fällen schweift das Auge kurz und hektisch auf der Suche nach dem Sündenbock, der unfreiwillig Schuld übernehmen, die komplizierte Lage dadurch vereinfachen und den Ausgangspunkt für Lösungsansätze bieten soll.

Es gehört in diese Suchbewegung, dass die deutsche Politik fast durchgängig stoisch zwischen Wirtschaftsflüchtlingen und politisch Verfolgten unterscheidet, als seien diese beiden Fluchtgründe tatsächlich zwei grundsätzlich getrennte Dinge. Nach dem Beispiel für ein wirtschaftlich florierendes Kriegsgebiet kann man lange suchen. Schnell dagegen finden sich Belege dafür, dass die sicheren Drittstaaten, wie Ungarn und Serbien, so sicher nicht sind in der Gewährung von Menschenrechten, auf die sich Europa einst unabdingbar geeinigt hat. Flucht und Migration sind längst viel kompliziertere Umstände als es die dichotome Unterscheidung zwischen Geld und Recht zu fassen vermag. Wer also will, dass die Flüchtlingsfrage einfach beantwortet wird, der will nicht, dass sie beantwortet wird.

Im sächsischen Heidenau sind sich die Demonstranten nicht zu schade, die Bundeskanzlerin bei ihrem Besuch mit dem F-Wort zu beschimpfen. Der Bundeswirtschaftsminister bezeichnet bei seinem Besuch in Heidenau Menschen als „Pack“. Auch wenn er damit berechtigt Wut und Härte gegenüber rechtsextremen Straftätern zum Ausdruck bringen will: Es gibt Begriffe, die entbinden die Angegriffenen von der Pflicht zur Reaktion, weil sie nur ein Signal senden: das der Gesprächsverweigerung jenseits von Argumenten.

Bei Facebook werden Einträge geblockt, sobald eine nackte Frauenbrust zu sehen ist. Sätze wie „dem würde ich gerne seine dreckige Scheinasylantenfresse über den Teer ziehen und dann richtig reintreten“ (13. August um 15:33), bleiben dagegen über Tage online.

In den USA werden Schüler und Studentinnen umgekehrt zunehmend vor Worten und Ideen geschützt, die ihre Weltsicht erschüttern könnten. Lehrer und Professoren müssen nun „Trigger“-Warnungen ausgeben, falls etwas die Klasse oder den Einzelnen emotional in Aufruhr versetzen könnte. Wo kommen wir hin, wenn die jüngere Generation vor der Welt mit ihren Irritationen systematisch geschützt werden soll? Wir kommen dahin, wo wir schon sind – nur konsequenter.

Es gab nie eine Zeit besserer Voraussetzungen für Argumente. Argumente zur Handhabe von Konflikten, um auf Basis von Fakten politische oder wirtschaftliche Lösungen zu finden. Die Welt der Fakten und Positionen steht uns offen, wir müssten sie nur nutzen. Für John Stewart Mill wäre das eine ideale Welt. In seinem Buch über die Freiheit (1859) beschrieb er, wie sich in einem Wettbewerb der Ideen auf dem Marktplatz der Meinungen die Wahrheit herausschält.

Vielleicht hat Mill die Kraft des Wettbewerbs überschätzt, vielleicht auch die der Menschen. Auf dem Marktplatz der Angsthasen, Sündenbockjäger und Stromlinienläufer haben die Monopolisten immer die Mehrheit.

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