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11. September 2015, 8:02 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Die Welt im Wettbewerb mit sich selbst

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Flucht und Migration sind der Normalfall. Jetzt zeigt sich: Wir sind wirklich in der Globalisierung angekommen.

An einem Tag gingen 10 000 Flüchtlinge in New York an Land, im Schatten der Freiheitsstatue, und den Herausgebern der „New York Times“ riss der Geduldsfaden: „Sollen wir etwa Europas sämtliche Armen, Kriminellen, Irren und Vagabunden aufnehmen?“ Das war im Mai 1887. Damals waren die Europäer die armen Schweine, und das gelobte Land hieß Amerika.

Heute heißt das gelobte Land Deutschland, und die armen Schweine kommen aus Syrien, Libyen und anderen von Krieg und Notstand geplagten Ländern. Die Geschichte der Menschheit ist eine der Wanderbewegungen. Da war die Zeit der großen Völkerwanderung im vierten bis sechsten Jahrhundert. Später die Auswanderungswellen in Zeiten des Kolonialismus vom 15. bis ins 20. Jahrhundert, in denen sich zehn Millionen Menschen auf den Weg machten, um ein besseres Leben zu finden. Etwa zwölf Millionen Menschen sind nach Ende des Zweiten Weltkriegs aus dem Osten in die Westzone geflohen.

Und bis 1973 kamen etwa 14 Millionen Arbeitsmigranten in die alte Bundesrepublik. Wanderungsbewegungen sind nicht die Ausnahme, sondern historische Regel. „Der normale Zustand der Atmosphäre ist Turbulenz. Das gleiche gilt für die Besiedelung der Erde durch den Menschen.“ So hat das Hans Magnus Enzensberger 1992 in seinem Essayband „Die Große Wanderung“ beschrieben. Als er das schrieb, hatte Deutschland gerade eine Wende hinter sich – mit der ganzen Bandbreite menschlicher Reaktionen, von der Begrüßungsbanane bis zum brennenden Flüchtlingsheim. Das Ende des Kalten Krieges hat manch einen verleitet, das „Ende der Geschichte“ auszurufen (Francis Fukuyama). Ein grandioser Irrtum. Es war nur das Ende des nun nicht mehr real existierenden Sozialismus und der Übergang von der bipolaren in die multipolare Welt. Einfacher ist es seitdem nicht geworden.

Die derzeitigen Flucht- und Wanderbewegungen sind Zeichen einer weiteren Wende, hin zur real existierenden Globalisierung, in der dieser Begriff so richtig mit Leben gefüllt wird. In dieser Globalisierung sind – Überraschung! – nicht nur Waren, Daten, Flugzeuge und Containerschiffe durch die Welt unterwegs, sondern auch Menschen, die sich ein Bild von der Welt machen können, in der andere anders leben als sie selbst.

Eine offene Welt, offene Märkte sind Voraussetzung für Wachstum und Wohlstand. Das wünschen wir uns. Aber das gibt es nur mit Menschen, nicht ohne sie. Dass viele Deutsche den Flüchtlingen derzeit offen entgegenkommen, zeigt: Wir haben etwas verstanden. In Zeiten der Globalisierung steht die Welt immer mit sich selbst im Wettbewerb.

Wer von Grenzzäunen oder ethnisch geschlossenen Gesellschaften träumt, wie es Ungarn tut, steht nicht nur den Flüchtlingen im Weg, sondern auch sich selbst. Wie sagte US-Senator Ellison DuRant Smith aus South Carolina 1924 vor dem Kongress: „Wir haben nun genug Bevölkerung in unserem Land, dass wir die Tore schließen und den reinen Amerikaner aufziehen können.“ Hätte er sich durchgesetzt, die USA wären nicht zur wichtigsten Wirtschaftsnation der Welt und zum Innovationsmotor geworden. Zu viel Reinheit gefährdet den Wettbewerb.

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