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25. Oktober 2015, 11:24 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Deutschlands Wintermärchen

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Wer Deutschlands Abschottung fordert, verweigert sich der Realität. Globaler Wettbewerb nimmt keine Rücksicht auf Befindlichkeiten.

Deutschland und sein Sommermärchen, das war eine schöne Kombination. Weil überraschend, weil unerwartet. Weil auch entlastend für die Menschen in Deutschland, die ihr Land mögen und das auch gerne sagen möchten, ohne in eine dunkle Ecke gestellt zu werden. Dazu hat das neue Wir-Gefühl der Fußballweltmeisterschaft 2006 kräftig beigetragen. Sie hat uns befreit von den dumpfen Gefühlen, die andere Menschen Deutschland gegenüber haben, auch von denen, die wir selbst uns gegenüber haben.

Nun ist das Sommermärchen hin, und ein neues Wintermärchen beginnt. Nicht weil der DFB womöglich ein paar Millionen Schmiergeld verteilt hat, um die Fußball-WM 2006 für Deutschland zu sichern. Deutschlands Wintermärchen wird geschrieben von den grölenden Gesellen, die durchs Land ziehen, Flüchtlingsheime anzünden, Naziparolen an Wände schmieren und den Fremdenhass per Straßenmarsch in die Mitte der Gesellschaft zu treiben versuchen. Es ist ein Wintermärchen in Analogie zu dem Heinrich Heines, das er Mitte des 19. Jahrhunderts in seinen gleichnamigen Reiseaufzeichnungen beschrieb. Beobachtungen in einem Deutschland, das nach einer Phase des Aufbruchs, der revolutionären und befreienden Umbrüche, wieder in sich zurückfällt. Nein, mehr noch: hinter sich zurückfällt.

Es ist uns in Deutschland gelungen, nach zwei verschuldeten Weltkriegen wieder eine führende Rolle in der Weltgemeinschaft zu spielen. Es ist uns gelungen, nach Jahrzehnten der Ost-West-Trennung wieder zusammenzufinden und die Wiedervereinigung hinzubekommen. Es ist uns gelungen, eine nach dem Mauerfall gefährlich aufbrandende Welle des Fremdenhasses und der Anschläge einzudämmen. Aber jetzt? Jetzt hat man den Eindruck, das alles könnte Zufall gewesen sein. Nichts wirklich gewollt, nichts wirklich gelernt.

Sind wir heimlich davon ausgegangen, es gäbe auch in Zeiten der Globalisierung eine Brandmauer zwischen Wirtschaft und Gesellschaft? Haben wir gedacht, wir könnten ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts durch unsere Exportstärke erzielen, ohne dass davon Signale des Wohlstands in die Welt ausgehen? Man muss das befürchten, wenn man die Stimmen aus der Pegida-Bewegung und vom rechten Rand der AfD hört. Ganz so, als sei Deutschland ein Nationalstaat mit nationalem Markt, der unglücklicherweise irgendwie in der Welt steht, mit der er aber eigentlich nichts zu tun haben will oder sollte. Die Folgen dieser Wirklichkeitsverweigerung werden wir zu spüren bekommen.

Auf einem globalen Markt nimmt der Wettbewerb keine Rücksicht auf Befindlichkeiten. Wer an einem Ort nicht willkommen ist, zieht weiter. Eine Studie der Universität Wittenberg-Halle zeigt, dass Fremdenfeindlichkeit und rechtsextreme Kriminalität harte Faktoren sind, die gegen einen Standort sprechen. Internationale Unternehmen wenden sich ab, einheimische Unternehmen finden nicht mehr die richtigen Arbeitskräfte auf dem internationalen Markt. Es mag ja Menschen geben, die es als Traum sehen, uns alle an der Loreley sitzen und ein Deutschlandfähnchen häkeln zu lassen. Reich werden wir dadurch nicht. Armes Deutschland, wenn es das nicht erkennt.

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