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13. November 2015, 19:17 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Schall und Wahn

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Die Debatte um die Flüchtlinge radikalisiert sich. Dringend notwendig sind detaillierte wirtschaftspolitische Antworten.

Zuschriften enden in diesen Tagen gerne mit „meine Verachtung“. Das ist kein Schreibfehler, es ist so gemeint wie geschrieben. Zuvor steht, man möge nachts durch eine dunkle Straße laufen, wo man dann hoffentlich erwartet werde. Oder noch viel einfacher: Ich setze dich vor einen Spiegel, halte dir eine Pistole an den Kopf, und du kannst deinem Hirn beim Explodieren zuschauen.

Das zweite Beispiel verstört auf den ersten Blick. Doch eigentlich ist das erste viel irritierender. Wie kommen Menschen mit Familie und einem Job, zugehörig zur deutschen Mittelschicht, dazu, unter Angabe von Namen und Adresse solche Dinge zu schreiben? Es wäre zu einfach, das als Schall und Wahn abzutun. Denn dazu gibt es zu viele Beispiele für Menschen, die plötzlich Dinge sagen und schreiben, die ihnen früher nicht einmal eingefallen wären. Es wäre auch zu einfach, zu beklagen, dass es im Internet zu viele Animateure der Entgrenzung gibt, die bestärkend wirken für die Verrohung der Sprache.

In dieser Sprache spiegelt sich der Zustand einer Gesellschaft. Demnach kann es um die deutsche derzeit nicht so richtig gut bestellt sein. Die verzögerten Entscheidungen in der Flüchtlingskrise, das parteipolitische Hickhack, Widersprüche im Stundentakt und die Erkenntnis, dass zwar viel entschieden werden kann, damit aber lange noch nichts getan ist, verunsichern viele Menschen inzwischen zutiefst. Manche verfallen dann in Schweigen. Andere gehen in den Angriff über.

Diese Sorgen um die Flüchtlingskrise gehören ernst genommen. Verschweigen hilft denen, die sich die aus Verunsicherung oder Angst resultierenden Aggressionen zunutze machen. Meinungsfreiheit heißt, dass auch unbequeme Dinge gesagt werden können. Man darf gegen Flüchtlinge sein, auch wenn das keine besonders differenzierte politische Position ist. Man darf ob der Flüchtlingszahlen Angst um die Zukunft haben und das auch sagen. Diese Sorgen müssen in der Debatte eine größere Rolle spielen.

Dringend brauchen wir detaillierte Antworten auf die drängenden Fragen: Wie genau schaffen wir das? Was macht dieser Flüchtlingsandrang mit uns? Was kostet er uns? Wie profitieren wir von der Zuwanderung? Wo sind die Grenzen? Weil die politische Debatte noch immer nicht über „wir schaffen das“ hinausgekommen ist, befördert sie, dass die Fronten sich verhärten.

Das erzeugt eine perfide Logik: Gerade diejenigen, die jenseits des Schutzes durch Meinungsfreiheit gegen Flüchtlinge hetzen, stilisieren sich zum Opfer. Jeder Widerspruch zu den Aggressionen gegen Flüchtlinge wird nun umgekehrt als Gesinnungsterror diffamiert. Man darf alles sagen, nur nichts gegen Diskriminierung und Hetze. „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ gilt nur noch für die Konformisten des Andersseins.

Das ist der Tod einer vielfältigen, kontroversen Diskussion über die Frage, was für eine Gesellschaft Deutschland künftig sein will. Diese Frage aber muss gestellt und beantwortet werden. Von der Politik mit verlässlichen Informationen und Details zu den beschlossenen Maßnahmen. Aber auch von jedem Einzelnen. Jeder läuft einmal durch eine dunkle Straße. Dabei begegnet man immer jemandem. Zunächst einmal sich selbst.

wiwo.de

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