MM_Picasso
Zu den Kommentaren
27. November 2015, 8:15 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Teuflische Stagnation

WiWo_Titel_49_15_Energie_WEB

Wenn die EZB es schon nicht lassen kann, die Märkte mit mehr Geld zu fluten, sollte dieses Geld wenigstens Wachstum finanzieren.

Zwei unterschiedliche Weihnachtsgeschenke bescheren die Notenbanken dies- und jenseits des Atlantiks wohl im Dezember. In den USA stehen die Zeichen nun auf Zinserhöhung. Fed-Chefin Janet Yellen, im September noch zögerlich, den Schritt zur Anhebung des Leitzinses zu gehen, scheint entschlossen, ihn im Dezember nachzuholen. Dies bedeutet keineswegs, dass die Phase der Geldflutung zu Ende, die Büchse der Pandora wieder geschlossen ist.

Und doch: Es ist ein positives Signal der Normalisierung. Wo die Zinsen in einem ersten (und vermutlich für 2016 nicht letzten) Schritt steigen, scheinen die Märkte sich wieder stärker auf die bewährten Preismechanismen verlassen zu wollen. Das ist eine frohe Weihnachtsbotschaft beginnender wirtschaftlicher Normalisierung.

In Europa scheint man dagegen noch immer zu glauben, der Satz „viel hilft viel“ müsse auch die Geldpolitik prägen. Die Weihnachtsbotschaft, die aus der Europäischen Zentralbank herüberweht, ist wenig ermutigend: Im Dezember will die EZB ihre Anleihekäufe offenbar nochmals ausweiten.

Um im Bild zu bleiben: Es wäre Jesus in seiner Krippe in Bethlehem wohl kaum besser ergangen, hätten ihn die drei Könige mit Weihrauch, Gold und Myrrhe zugeschüttet. Das Jesuskind ist auf die Welt gekommen, um der himmlischen Stagnation etwas entgegenzusetzen. Für Wachstum im Glauben sorgte die von Bethlehem ausgehende Fantasie, nicht Gold in rauen Mengen. In der Euro-Zone werden die Märkte seit Jahren mit billigem Geld geflutet – ohne Wirkung.

Selbst angesichts einer im Euro-Vergleich positiven Entwicklung der deutschen Wirtschaft müssen auch wir uns eingestehen: In den vergangenen Jahren ist das Bruttoinlandsprodukt mit weniger als zwei Prozent gewachsen, die Zinsen sind tief bis negativ. Willkommen in der säkularen Stagnation. Etwa 12.000 Milliarden Dollar haben die Notenbanken in der Folge der Finanzkrise in die Märkte gepumpt.

Damit sollte Schluss sein, argumentiert der britische Ökonom Adair Turner. Statt weiter die Kapitalmärkte mit Geld zu fluten, sollten die Notenbanken es direkt an die Leute verteilen. Die Idee ist nicht ganz neu. Schon 1969 räsonierte Milton Friedman über Geld- versus Schuldenfinanzierung und schlug vor, die Regierung möge doch per Helikopter Dollar-Scheine auf die Bevölkerung regnen lassen. Turners Vorschlag ist mehr als vorweihnachtliche Absurdität.

Wo Quantitative Easing keine Wachstumsimpulse bringt, muss neu gedacht werden, verlangt er in seinem Buch „Between Debt and Devil“ (Zwischen Schulden und Teufel). Turner plädiert für die geldpolitische Direktfinanzierung von Individuen. So entstünde Wachstum, ohne dass die riesigen öffentlichen und privaten Schuldenberge noch größer werden. Das hat Charme, aber auch eine Kehrseite: Die Inflation könnte deutlich stärker anziehen als gewünscht, zudem könnten Regierungen die Geldschöpfung irgendwann als Normalzustand akzeptieren und missbrauchen.

Aber ist das nicht jetzt schon so? Wenn lockere Geldpolitik zum Normalfall wird, werden Marktmechanismen außer Kraft gesetzt und ökonomische Wertvorstellungen auf Dauer bedeutungslos. Etwas vorweihnachtliche Besinnung tut not, bevor man sich mit dieser teuflischen Stagnation abfindet.

wiwo.de

Be Sociable, Share!

Kommentare sind derzeit geschlossen.

© Miriam Meckel 2002 bis 2017