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24. Januar 2016, 22:06 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Mehr Übersicht, bitte

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Davos zeigt die multipolare Welt. Wer in ihr nur einseitig denkt, verliert.

Trotz Krisenstimmung: Beim WEF ist wieder reichlich Champagner geflossen. Zum Glück mussten die Veranstalter den nicht in Öl bezahlen, denn dann wäre er vergleichsweise teuer geworden. Vor 18 Monaten gab es für ein Barrel Erdöl eine Flasche Jahrgangschampagner zum Preis von rund 100 Euro. Heute bekommt man dafür noch ein prickelndes Fläschchen bei Aldi. Der Stimmung in Davos wäre das vermutlich nicht zuträglich gewesen. Sie war allemal angeschlagen.

Als unsicher und verletzlich lässt sich die Gefühlslage vieler Managerinnen und Manager beim Weltwirtschaftsforum beschreiben. Das Jahr hat bescheiden begonnen. Zwar hat der Internationale Währungsfonds am Dienstag für 2016 einen leichten Aufschwung beim globalen Wachstum vorhergesagt. Geholfen hat das aber nicht. Nur noch 27 Prozent der Topmanager weltweit sind der Meinung, dass es mit der Weltwirtschaft 2016 bergauf gehen wird – zehn Prozentpunkte weniger als im Vorjahr.

Ist das die neue Verzagtheit der globalen Wirtschaftselite? Das wäre zu einfach. Es ist die neue Unübersichtlichkeit, wie sie der Philosoph Jürgen Habermas schon Mitte der Achtzigerjahre für die politische Welt beschrieben hat, die nun auch die globale Wirtschaft und ihre Führungsetage erfasst hat. Seit Jahresbeginn sind fast sieben Billionen Dollar Aktienkapital vernichtet worden.

Vielleicht nur kurzfristig, vielleicht für immer. Niemand weiß Genaues. Klar ist: Es war der mieseste Jahresstart, seit Börsendaten aufgezeichnet werden Viele Unternehmenslenker sind im Krisenmanagement bewandert und durch Erfahrung gestählt. Aber was sich derzeit abzeichnet, verlangt neues Denken. Die Krisen von heute sind wie ein Chemiecocktail. Mit jeder einzelnen lässt sich umgehen, aber zusammen entfalten sie eine unberechenbare Wechselwirkung. Nikolaus von Bomhard, Chef des weltgrößten Rückversicherers Munich Re, nennt das einen „Kumul an Unsicherheit“. Kumul, das ist Versicherungssprache für die Anhäufung von Einzelrisiken.

Der Netzwerkfaktor hat die Weltwirtschaft erfasst. Beispiel Öl: Seit der Westen die Sanktionen gegen Iran aufgehoben hat, ist der Ölpreis weiter gefallen. Das Land will nun wieder auf dem Ölmarkt mitspielen. Der ist aber längst gesättigt, auch weil die USA mit ihrer Fracking-Technologie ungeahnte Mengen fördern, was wiederum Saudi-Arabien auf die Palme bringt. Statt ihrerseits zu drosseln, fluten die Saudis den Markt weiter, um die Preise zu drücken und die Amerikaner aus dem Spiel zu werfen.

Eine Mixtur aus sicherheitspolitischen Strategien, technologischem Fortschritt, geopolitischen Risiken, Machtspielen um die Vorherrschaft auf Märkten und letztlich deren Gesetze führen zu der Gemengelage, in der wir nun stecken. Was kann der Vorstand eines deutschen Dax-Unternehmens da tun? Wenig.

Wie nie zuvor verlangt diese Zeit ein Umdenken: Dies ist eine multipolare Welt. Wer in ihr allein ökonomisch, politisch, national oder pro domo denkt, wird in den Wirren der Weltmärkte untergehen. Anders gesagt: Wenn in China ein Sack Reis umfällt, mag uns das noch egal sein. Hören die Chinesen auf, Champagner zu trinken, sollten wir uns Sorgen machen.

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