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19. Februar 2016, 9:22 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Der Engel der Geschichte

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Der Engel der Geschichte blickt zurück und schaut auf die Trümmer vergangener Zeit. Er würde so gerne die Verwüstungen heilen, doch aus dem Paradies weht ein Sturm, der sich in seinen Flügeln verfängt. „Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.“ Mit dieser Metapher hat der deutsche Philosoph Walter Benjamin 1940 beschrieben, dass es zwischen Vergangenheit und Zukunft einen klugen Vermittler braucht. Nicht den Zufall und nicht allein die Zeitläufte, sondern einen, der etwas gelernt, ja verstanden hat und es auf das Kommende anzuwenden weiß.

Was hat der Engel nach dem zweiten Weltkrieg gemacht? Er hat sich aufgerafft, die Flügel gestrafft und den Wiederaufbau gewagt. Was hat er getan als der Kalte Krieg vorbei war? Er ist an der Grenze zwischen Ost und West gewandert, hat mal hier- mal dorthin geschaut, oft unsicher, wo Zukunft und wo Vergangenheit ist. Es war ein Sturm der Hoffnung, der dem Engel damals die Flügel zerzauste und ihn weit zu tragen schien.

Jetzt schaut der Engel der Geschichte auf Syrien. Er sieht ein Land in Trümmern. Er sieht 250  000 tote Syrer. Er sieht zwölf Millionen Menschen auf der Flucht. Er sieht ein Volk, dessen Lebenserwartung in den vergangenen vier Jahren um 20 Jahre dezimiert worden ist. Aus dem „Rendevouz mit der Globalisierung“, wie Wolfgang Schäuble es genannt hat, ist eine blutige und zerstörerische Begegnung geworden. Was noch vor kurzem als Polyamorie einst gegnerischer Systeme mit globaler Zugewinngemeinschaft greifbar schien, ist zur militarisierten Gütertrennung zulasten von Wohlstand und Wachstum geworden.

Syrien, das ist das Armageddon einer komplett aus den Fugen geratenen Geopolitik. Das Land ist nur noch Spielball weltpolitischer Interessen. Der russische Ministerpräsident Dimitri Medwedew spricht wieder vom Kalten Krieg. Das ist kein Zynismus und trotzdem falsch. Der Kalte Krieg war überschaubar gegenüber der jetzigen weltpolitischen Lage: West gegen Ost. Jedes Land wusste, wo es hingehört. Die Achsen der neuen Machtkonstellationen verlaufen changierend. Zwischen den USA und Syrien, zwischen Saudi Arabien und Iran, zwischen Russland und der Türkei. Die letztgenannte ist die, über die wir uns am meisten Sorgen machen müssen. Ist es unvorstellbar, dass russische Truppen über die türkische Grenze gehen? Nein, das ist es nicht. Die Blaupause haben wir mit der Ukraine auf dem Tisch liegen. Und dann? Dann wäre das womöglich der NATO-Bündnisfall. Und dann ist die Welt wirklich eine andere.

Wo ist er hin, der Engel der Geschichte? Er steht an der Grenze zu Syrien, im Blick das zerstörte Land und die Trümmer der Globalisierung. Aber er spürt keinen Wind des Fortschritts im Rücken. Und wenn er sich umdreht, sieht er die Trümmer Europas. Die Reste einer Union, zerstritten und handlungsunfähig. Der Engel wird künftig an jeder Landesgrenze wieder seinen Pass zeigen müssen und nur mühsam vorankommen. Der Sturm, der von diesem Europa ausgeht, bedeutet, dass es keine Lehren aus der Geschichte gibt. Er ist nicht der Fortschritt, sondern Böe in die Vergangenheit.

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