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1. April 2016, 20:12 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Genosse Flüchtling

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Migrationsbarrieren sind ökonomisch unsinnig. Wir sollten Nationen als Genossenschaften verstehen – beitreten darf, wer zahlt. Das hat viele Vorteile.

Wo der Traum vom Besseren existiert, da bezaubert er Menschen. Wo die Chance winkt, den Traum zu verwirklichen, werden Menschen das versuchen. Der Ökonom Branko MilanoviÄ hat in einer Studie 2008 berechnet, dass 60 Prozent des Einkommensunterschieds zwischen der Bevölkerung in entwickelten und weniger entwickelten Ländern auf einen einzigen Faktor zurückzuführen sind: das Land, in dem man lebt.

Nicht die Familie, nicht die Gesundheit, nicht der Job sind ausschlaggebend. Es geht um das Glück, als Deutsche oder Schwede, oder das Unglück, als Burmesin oder Syrer geboren zu sein. Wenn das so ist, dann ist der Traum vom Leben in einem Land, das einem bessere Chancen bietet, unschlagbar, und dann ist Migration der Hebel für sozialen Aufstieg.

Dann wird es nichts und niemandem gelingen, diesen Hebel dauerhaft umzulegen, um das eigene Land, den eigenen Kontinent abzuschotten. Diese Erkenntnis bringt den US-Ökonomen Michael Clemens zur Schlussfolgerung: weg mit den Migrationsbarrieren!

In einem Papier von 2011 rechnet er vor, dass der Wohlstand in der Welt verdoppelt werden könnte, wenn alle Migrationshürden fielen. Der Effekt wäre größer als durch die spontane Beseitigung aller vorhandenen Beschränkungen für die vollständige Freizügigkeit von Handel und Kapital. Politische Regelungen, die Migration einschränken, sind nach Clemens „Billionen-Rechnungen auf dem Gehsteig“ der Globalisierung.

Kann die totale Freizügigkeit also die Lösung sein? Nein, kann sie nicht. Denn solange unterschiedliche Lebensstandards in den Ländern herrschen, führen sie zu Unwuchten. Je besser die Sozialleistungen eines Landes, desto mehr Zuwanderung aus ärmeren Ländern – mit den bekannten Folgen: Im Arbeits- und Wohnungsmarkt kommen in jedem Land die unter Druck, die weniger haben.

Die beiden Schweizer Ökonomen Margit Osterloh und Bruno Frey haben den Traum vom besseren Leben durch Migration durch eine interessante ökonomische Analogie auf den Boden der Gegenwart geholt. Sie wollen Länder mit ihren jeweiligen Sozialsystemen als Genossenschaften betrachtet wissen. Wer in ein Land kommen will, muss Anteilsscheine erwerben, also Eintritt zahlen. Das gilt auch für Flüchtlinge. Falls vor dem pawlowschen Aufschrei der Entrüstung Zeit zum Durchatmen bleibt, sollte man sich diese Idee genau anschauen. Sie hat vieles für sich.

Zum Ersten würde eine hoch emotionalisierte Diskussion versachlicht. Jeder, der kommt, leistet einen Beitrag. Bei anerkanntem Asylgrund wird das Geld zurückgezahlt. Geht jemand irgendwann wieder in sein Heimatland zurück, gilt Gleiches anteilig.

Zum Zweiten würde man den grausamen Schleppern das Handwerk legen. Wenn der gezahlte Eintritt in das ersehnte Land sicheren Transport und Lebensperspektive bedeutet, haben die Flüchtlinge eine Wahl. Sie werden wie autonome Individuen behandelt, nicht aber wie Schmuggelware.

Zum Dritten ließe sich bei konsequenter Umsetzung viel Geld für Grenzschutz und Registrierungsbürokratie sparen, und die Flüchtlinge müssten nicht Monate sinnlos in Aufnahmelagern herumhängen.

Dieses Genossenschaftsmodell für Lebensträume ist eine Ausformung der sozialen Marktwirtschaft in globalem Zuschnitt: Wahlfreiheit durch Wettbewerb, verbunden mit sozialem Ausgleich.

wiwo.de

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