MM_Japanische-Lebensweisheit
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28. Oktober 2016, 15:50 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Mission impossible

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Helmut Schmidt war wohl das letzte große Vorbild der Deutschen. Über seine politische Leistung lässt sich durchaus streiten, und doch ist er zu einer Symbolfigur des aufrechten Deutschen geworden. Schmidt durfte Menschenrechtsverletzungen in China bestreiten, ohne dass ihm dies geschadet hätte. Er konnte Menschenmengen in Begeisterung versetzen, indem er in stoischer Ignoranz jeden Rauchverbots eine Mentholzigarette nach der anderen qualmte.

Vielleicht lässt das spät verstehen, warum den Deutschen historisch nie eine Revolution gelungen ist. Vielleicht zeigt es auch nur, dass man zum Vorbild wachsen und dabei über dem Alltagskleinklein stehen konnte. Schmidt starb, als die Zeit, in der das gelingen konnte, längst Geschichte war. Das schreibe ich ohne Bedauern. Rein analytisch. Es ist die Erklärung dafür, warum die Suche nach einer vorbildhaften Persönlichkeit für das Bundespräsidialamt zum Scheitern verurteilt ist: Mission impossible.

Im Umfeld einer anderen Zeitenwende, der 68er Bewegung, schrieb Siegfried Lenz seinen Roman „Das Vorbild“ (1973). Darin treffen sich drei Menschen, um ein Schulbuch zu erarbeiten. Als sie beginnen, am Kapitel „Lebensbilder – Vorbilder“ zu werkeln, scheitern sie. In den siebziger Jahren hat der bewusste Aufstand gegen Institutionen, Autoritäten und Normen die Suche nach der ungebrochen vorbildhaften Persönlichkeit im ersten Lauf verunmöglicht. Wer seine Vorbilder mit Sockel abreißt, kann schwerlich neue aufbauen. Heute ist die Sache nicht leichter geworden. Bei angestrengtem Nachdenken, wer das überhöhte bundespräsidiale Erwartungsformat ausfüllen könnte, bleibt manch einer vor der leeren Liste sitzen.

Für unsere Gegenwart der wachsenden gesellschaftlichen Konflikte, des Misstrauens gegenüber der Politik und einer kritischen Haltung zur vermeintlichen Elite, stünde ein anderer Weg offen. Warum gilt für die oberste Repräsentanz des Staates nicht, was bis zum Bundeskanzleramt für jeden anderen Job gilt: Man muss hineinwachsen, sich in und mit dem Amt entwickeln und es damit auch prägen können. Eine Persönlichkeit aus der Mitte der Gesellschaft wäre gerade richtig in dieser Zeit, in der Zusammenhalt zunehmend rasanten Fliehkräften ausgesetzt ist.

Bundespräsident oder Bundespräsidentin sollen „die Einheit“ des Staates verkörpern. Dann wählen wir ihn oder sie doch direkt und demokratisch nach dem Prinzip der Bestenauswahl, das für jeden einfachen Beamten gilt. Wer glaubt, Deutschland vertreten zu können, muss willens und in der Lage sein, sich dem Wettbewerb zu stellen. Wer das nicht will oder kann, gehört nicht ins Schloss Bellevue. Eine Direktwahl des Bundespräsidenten wäre keine politische Revolution. Es wäre ein kleines Rauchzeichen ans Volk: Wir haben etwas verstanden.

So wird es freilich nicht laufen. Längst folgt der Suchprozess allein den Kriterien parteipolitischen Geschachers. Wer zur einen Seite gehört, ist für die andere nicht wählbar. Nicht aus sachlichen oder persönlichen, sondern aus taktischen Gründen. Das ist der Stoff, aus dem Politikverdrossenheit gemacht ist. Unter diesen Bedingungen kann man das Amt schlicht abschaffen.

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