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11. März 2017, 12:09 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Der Gott des Wortgemetzels

Die Kanzlerin steht vor ihrem ersten Besuch beim neuen US-Präsidenten. Verständigung mit ihm führt über persönliche Anerkennung.

Kommunikation entsteht, wenn zwei Menschen nicht nur wechselseitig aufeinander einsenden. Nur dann werden auch Kompromisse zwischen sehr unterschiedlichen Positionen möglich. Am kommenden Dienstag wissen wir, wie das in der politischen Praxis unter veränderten Bedingungen gelingt. Bundeskanzlerin Angela Merkel trifft zum ersten Mal US-Präsident Donald Trump. Vielleicht wird die Konfrontationslinie nicht auf den ersten Blick sichtbar sein. Vielleicht wird die diplomatische Vernunft das Treffen in eine fast übliche Form fassen. Und doch hat die Begegnung es in sich: die kontrollierte Kanzlerin trifft auf den 140-Zeichen-Choleriker.

Die Vorbereitung auf eine erste Begegnung unter Bedingungen verschärfter Verunsicherung erinnert womöglich an das Training im Kickboxen. Der Angriff kann in jedem Moment von jeder Seite kommen. So bereiteten sich Regierungschefs ansonsten auf Besuche bei unberechenbaren Autokraten vor. In den transatlantischen Beziehungen führt niemand das große Angriffsarsenal mit. Es reicht ja ein Twitter-Sturm für das kleine Gemetzel zwischendurch.

Für Angela Merkel wird der Besuch eine mühsame Pflichtübung, die zeigt, wie sich die Achse der Weltläufe jüngst verschoben hat. Trump praktiziert einen Politikstil der systematischen Verunsicherung und der mangelnden Vorhersagbarkeit. Ob das Strategie oder schlicht Sprunghaftigkeit ist, lässt sich schwer sagen. Macht aber auch keinen Unterschied, denn das Ergebnis ist in beiden Fällen gleich: Staats- und Unternehmenschefs wissen nicht, womit sie bei ihm rechnen müssen.

Merkel hat auch eine Weile gebraucht, mit Trumps Vorgänger Barack Obama warm zu werden. Aber aus dem langen Anlauf ist so etwas wie eine politische Freundschaft erwachsen. Der letzte Auslandsbesuch Obamas ging nach Berlin. Das letzte Telefonat seiner Amtszeit mit einem Staatschef führte er mit Merkel. Mit dem Amtswechsel zu Trump war die Leitung symbolisch tot. Mitarbeiter der Bundesregierung wussten zunächst nicht, wen sie für welche Themen in Washington ansprechen sollten. Fanden sich Ansprechpartner, musste man denen behutsam erklären, dass die deutsche Regierung weder in Bonn noch in Frankfurt sitzt.

Trump hat schon vor Amtsantritt bekundet, Angela Merkels Flüchtlingspolitik sei „geisteskrank“. Die Kanzlerin bedankte sich mit einem Glückwunschtelefonat zum Amtsantritt, in dem sie Trump beherzt an die demokratischen und freiheitlichen Werte erinnerte. Jetzt wird es Zeit für Realpolitik. Es muss gelingen, den freien Handel zu sichern, Trumps wilde Ideen für Strafzölle einzuhegen und Respekt gegenüber Nato und EU einzufordern.

Wenn Trump nur in Ansätzen die Persönlichkeit ist, als die er erscheint, narzisstisch und jähzornig, lassen sich diese Ziele nur auf dem Weg der persönlichen Anerkennung ansteuern. Argumente reichen da sicher nicht. Wer den Narzissten für sich gewinnen will, führt nicht das Florett, sondern den Handspiegel.

wiwo.de

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