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17. Mai 2017, 9:03 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Der Neuling und die Etablierte

Emmanuel Macrons Sieg ist ein Weckruf für Europa: Weiter so geht nicht mehr. Das sollte auch Berlin beherzigen.

Es gibt zwei Arten von Kriegsreportern, die lebensgefährdet sind. Solche, die neu dabei sind, und solche, die schon lange dabei sind. So ähnlich ist das auch in der europäischen Politik. Emmanuel Macron, dem jungen wirtschaftsliberalen Sieger der französischen Präsidentschaftswahl, gebührt der Respekt und Dank all derer, die zu Recht gefürchtet haben, was bei anderem Ausgang der Wahl auf dem Spiel gestanden hätte. Europa nämlich. 60 Jahre harte Arbeit an der politischen Befriedung durch Integration, am wirtschaftlichen Wachstum durch den Binnenmarkt. Macron ist frisch im Geschäft. Er muss von nun an galant auf den Kompromisslinien balancieren, die er nicht selbst gezogen hat. Und er könnte schneller abstürzen, als selbst Bösgläubige sich wünschen mögen. Angela Merkel, die erfahrene Regierungschefin, die sich mithilfe eines lebenden Sparbuchs in Gestalt ihres Finanzministers durch die Euro-Krise gerettet hat, ist lange im Amt. Mit fast zwölf Jahren zu lange, glaubt manch ein Beobachter. Im Mai 2010 sagte sie: „Scheitert der Euro, scheitert Europa.“ Sieben Jahre später wissen wir, dass Europa auch ganz anders scheitern kann als durch den Euro. Durch Kriege in anderen Teilen der Welt, die eine millionenfache Flucht gen Westen auslösen, durch Terror, durch Ermüdungsbrüche im Gerüst der EU. Auch durch hartnäckigen Nationalismus und populistische Bewegungen, die den Bürgerinnen und Bürgern versprechen, man könne die Zeit zurückdrehen und die Welt vom Fortschritt der vergangenen Jahrzehnte „befreien“.

Der Neuling und die Etablierte, sie müssen miteinander arbeiten. Nur über die deutsch-französische Achse wird eine Übersetzung gelingen, die den europäischen Wachstums- und Integrationsmotor wieder anspringen lässt. Macron will dazu zwei Dinge angehen: Reformen im eigenen Land, auch um endlich wieder die Stabilitätskriterien einhalten zu können. Aber er fordert ebenso eine fundamentale Reform für die politische Führung der Euro-Zone. Mittelfristig muss die Europäische Union (EU) in der Verteidigungs-, Sicherheits- und Migrationspolitik enger zusammenarbeiten. So weit, so gut. Wenn es aber an die Finanzierung des Ganzen geht, drehen in Berlin sofort wieder alle am Rad. Keine 24 Stunden nach der Wahl sendete die Bundeskanzlerin ihr Warnsignal Richtung Paris: keine Änderung der deutschen Politik. Der Wahlsieg Macrons hat eine echte Bewegung erzeugt. Es wird schwer genug sein, das Momentum zu halten und weiterzuentwickeln. Ihn hochleben zu lassen für den Sieg, um ihm noch im Jubelsprung öffentlich ins Knie zu schießen, ist schlicht bigott. Offenbar fehlt es in der Bundesregierung an echter Erkenntnis und Überzeugung, dass diese Chance eines europäischen Neuanfangs so schnell nicht wieder kommt. Europa ist nicht selbstverständlich. Es ist dem Teufel des Retronationalismus gerade noch mal von der Gabel gesprungen. Wer glaubt, das hieße „weiter so“, agiert blasiert. Man kann sich Europa sparen, wenn man meint, es ginge auch ohne. Ersparen kann man es sich nicht.

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