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12. Juni 2017, 7:16 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Rückkehr zur Stammesgesellschaft

Der Mensch ist begabt zur radikalen Zuversicht. Das ist ein großes Geschenk. Wir tauschen es gerade gegen den Abwehrreflex.

Ein lebensgefährlicher Ausflug? Wer am vergangenen Wochenende in der britischen Hauptstadt auf der London Bridge oder am Borough Market unterwegs war, hat sich das nicht vorstellen können. Für 48 Menschen wurde er es. Für sieben war er gar tödlich.

Mehrere Anschläge haben am Mittwoch die iranische Hauptstadt Teheran erschüttert. Auch hier bekannte sich, wie in London, der sogenannte „Islamische Staat“ („IS“) zu den Anschlägen.

Die allgegenwärtige terroristische Bedrohung ist das eine Problem. Das viel größere ist die Überforderung derjenigen, die uns vor ihr schützen sollen. Die „wehrhafte“ Demokratie, wie sie als Gedanke im Grundgesetz angelegt ist, erscheint derzeit in vielen Staaten löchriger als ein Sieb. Deutsche Behörden haben im Fall des Berliner Weihnachtsmarktattentäters Anis Amri immer wieder neue Versäumnisse, Inkompetenz oder einfach auch mangelnde Aktivität zu erklären versucht – ein Armutszeugnis für Deutschland. In Großbritannien sieht es nicht besser aus. Auch hier sind die Behörden manch einem Hinweis auf die Attentäter nicht nachgegangen. Zynische Randerscheinung: Einer der drei Männer war sogar in einer Reportage des britischen Fernsehsenders Channel 4 zu sehen gewesen, betend vor einer Flagge des „IS“. Titel der Sendung: „Die Dschihadisten von nebenan“.

Die Täter sitzen um die Ecke, und keiner merkt es. Aber sehr viele Menschen merken, dass sich hier gerade etwas verändert. Vom Globalisierungsschub der offenen Welt- und Handelsbeziehungen wird umgeschaltet. Volle Schubumkehr zurück in die Stammesgesellschaft. Mein Stamm – dein Stamm, das ist die neue Unterscheidung.

Marshall McLuhan, der kanadische Medientheoretiker, hat bereits Anfang der Sechzigerjahre vorhergesagt, dass die Globalisierung die Menschheit wieder auf das Denken der Stammesgesellschaften zurückführen wird. Wir rücken in der Welt zusammen und haben uns alle lieb? Dafür gibt es kein einziges Anzeichen, so McLuhan.

Der Schutzbedarf des Einzelnen schrumpft nicht, je offener und vernetzter die Welt wird, in der er lebt. Er steigt. Im Idealfall einer friedlichen Weltordnung muss ein Staat die Mittel der Abwehr nicht einsetzen. Aber wo gibt es den Idealfall?

Das Behördenversagen im Kampf gegen den Terrorismus ist für die Schubumkehr in vielen westlichen Gesellschaften mit verantwortlich. Der Welt offen entgegentreten kann nur, wer darauf vertrauen darf, dass er doch immer gegen das Schlimmste geschützt wird.

Ironie der Geschichte: Mit der Rückkehr zur Stammesgesellschaft verabschieden wir uns nicht nur von der Möglichkeit, den globalen Terrorismus gemeinsam zu bekämpfen, weil es anders gar nicht geht. Wir verabschieden uns auch von den Versprechen auf wachsenden Wohlstand und bessere Lebensbedingungen. Ökonomisch gesehen sind wir irgendwann auf dem Weg zurück zum Dorfplatz mit Brunnen und Gütertausch. Was also bleibt dann von der radikalen Zuversicht? Das Adjektiv.

wiwo.de

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