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	<title>Miriam Meckel</title>
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	<description>Hier habt Ihr die Gelegenheit, Eure Gedanken loszuwerden und neue Ideen in den Webdiskurs einzuspeisen. Für meine Studentinnen und Studenten soll dieser Blog die Gelegenheit bieten, sich untereinander und mit mir auch außerhalb von Vorlesungen und Seminaren auszutauschen. Aber er ist auch eine offene Plattform für alle, die gerne mitreden und dabei auch etwas zu sagen haben.</description>
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		<title>Sich die Welt erschreiben</title>
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		<pubDate>Tue, 15 May 2012 21:51:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Miriam Meckel</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[Als ich neulich im Keller meines Vaters nach etwas suchte, machte ich eine Entdeckung, die mich ber&#252;hrt hat. Auf den Stahlregalen, zwischen den Vorr&#228;ten, Werkzeugen und Kartons, klemmte eine Keksdose. Und auf ihr klebte ein Etikett, das meine Mutter einst per Hand beschriftet hat. ‚Vanillekipferl’ steht darauf. Als ich dieses Wort las, kamen mir die [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.miriammeckel.de/wp-content/uploads/2012/05/schrift.jpg"><img class="alignnone size-medium wp-image-1794" title="schrift" src="http://www.miriammeckel.de/wp-content/uploads/2012/05/schrift-300x279.jpg" alt="" width="300" height="279" /></a></p>
<p>Als ich neulich im Keller meines Vaters nach etwas suchte, machte ich eine Entdeckung, die mich ber&#252;hrt hat. Auf den Stahlregalen, zwischen den Vorr&#228;ten, Werkzeugen und Kartons, klemmte eine Keksdose. Und auf ihr klebte ein Etikett, das meine Mutter einst per Hand beschriftet hat. ‚Vanillekipferl’ steht darauf. Als ich dieses Wort las, kamen mir die Tr&#228;nen.</p>
<p>In den B&#246;gen, die von einem geraden, symmetrischen V &#252;ber das a, n und i in die beiden geschwungenen ls f&#252;hren, erkannte ich ebenso die Schrift meiner Mutter wie in dem klassischen handschriftlichen k, dem fein gef&#252;hrten f und dem r, das immer ein wenig nach rechts verrutschte, und dabei einen wunderbaren Extrabogen schlug, bevor es in den letzten Buchstaben des Wortes &#252;berging. Meine Mutter lebt schon einige Jahre nicht mehr. Dieses kleine handschriftliche Klebeetikett ist geblieben.</p>
<p><em>Schreiben lernen als Lebenserfahrung</em></p>
<p>Ich habe als Kind meiner Mutter immer gerne beim Schreiben zugeschaut. Nicht nur, um mir abzugucken, wie man richtig schreibt. Es war vielmehr ein warmes, nahes Gef&#252;hl, das im Moment des Schreibens entstand. Ein Augenblick der Teilhabe, der pers&#246;nlichen Verbundenheit, als d&#252;rfe ich etwas sehr Privates, Inneres beobachten und w&#252;rde dadurch Teil davon. Ich habe oft neben meiner Mutter am Tisch gesessen, und wir haben geschrieben. Manchmal einfach in ein Kreuzwortr&#228;tsel hinein, zu dem ich als kleines Kind immer „Kreuzverdrehtsel“ sagte, um das Wort erneut &#252;ben, also schreiben zu m&#252;ssen, nein, zu d&#252;rfen.</p>
<p>Das Schreiben mit der Hand habe ich in der Grundschule gelernt, mit Hilfe von Schreibheften, in denen die Linien noch dreigeteilt waren. Damit wurde es leichter, die B&#246;gen des f, des g oder des h in der richtigen Proportion auszuf&#252;hren</p>
<p>Ich erinnere mich noch daran, wie m&#252;hsam es anfangs war, den Stift zu f&#252;hren, mit allen Krakeln und Kleksen, die dazugeh&#246;rten. Als ein F&#252;ller zum ersten Mal ins Spiel kam, war er nicht ohne Tintenkiller zu denken, mit dem man misslungene B&#246;gen oder Ausrei&#223;er an den Enden der ts und fs korrigieren konnte. Und jeden Mittag kam ich mit blauen H&#228;nden, oft auch mit blauen Flecken auf T-Shirt und Hose nach Hause.</p>
<p>Schreiben Lernen war ein m&#252;hsamer Prozess, und ich habe es tats&#228;chlich geschafft, in der Grundschule die einzige ungen&#252;gende Bewertung zu bekommen – in Handschrift. Auch heute kriegen Freunde und Mitarbeiter die Krise, wenn sie handschriftliche Notizen von mir bekommen, schnell dahin geworfen und meist unleserlich. Aber sie wissen immer sofort, von wem die Mitteilung kommt.</p>
<p>Schreiben Lernen ist auch ein lebenswichtiger Prozess. Nur als Alphabeten sind wir in der Lage, in allem an Welt und Leben teilzunehmen. Es k&#246;nnte etwas bedeuten, dass wir uns diese F&#228;higkeit mit unseren Fingern aneignen, sie uns Zug um Zug erarbeiten m&#252;ssen. Und dass die Spuren dieses m&#252;hsamen sich in die Welt Einschreibens f&#252;r immer in unserer individuellen Handschrift angelegt sind.</p>
<p>Inzwischen experimentieren viele Grundschulen in Deutschland mit der „<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Grundschrift" target="_blank">Grundschrift</a>“, die sich an die Druckbuchstaben anlehnt und den Kindern das Schreiben Lernen einfacher machen soll. Der Grundschulverband betont, es gehe nicht darum, die Schreibschrift wegzulassen, sondern man wolle den Kindern das Schreiben und den anderen das Lesen des Geschriebenen erleichtern. Das ist ein logischer Ansatz, aber er wird die Handschrift als Ausdruck des Einzelnen ver&#228;ndern.</p>
<p><em>Futura: die Schrift wird standardisiert</em></p>
<p>M&#252;ssen wir dar&#252;ber in Zeiten der Computerschrift &#252;berhaupt noch streiten? Hat die Handschrift nicht l&#228;ngst ihre Rolle und Bedeutung weitgehend eingeb&#252;&#223;t? Ich gebe freim&#252;tig zu: Auch ich schreibe inzwischen weniger und weniger mit der Hand. Das liegt zum einen daran, dass es eine Zeit in meinem Leben gab, in der mit das Schreiben ein wenig verleidet wurde. Ich war damals in der Politik, als Staatssekret&#228;rin in der D&#252;sseldorfer Staatskanzlei, und mein Schreiben mit der Hand wurde im Wesentlichen auf den Akt des „Mitzeichnens“ reduziert. F&#252;r alles andere war keine Zeit und Mu&#223;e. Das „Mitzeichnen“ klingt fast k&#252;nstlerisch, ist aber ein Verwaltungsvorgang, der vorsieht, dass man eine Akte in der „Mitzeichnungsleiste“ mit seinem K&#252;rzel abzeichnet, immer in einer speziellen Farbe (in NRW war das f&#252;r die Staatssekret&#228;re gr&#252;n), und immer in dem K&#228;stchen, das f&#252;r das jeweilige Ministerium vorgesehen ist. Die „Mitzeichnung“ war f&#252;r mich gleichbedeutend f&#252;r die B&#252;rokratisierung und Entzauberung des Schreibens. Und ich habe sp&#228;ter die Handschrift m&#252;hsam wieder f&#252;r mich neu entdecken und beleben m&#252;ssen.</p>
<p>Der andere, wichtigere Grund liegt in der Rolle, die der Computer inzwischen in meinem Leben einnimmt. Auch ich schreibe immer mehr mit einer echten oder virtuellen Tastatur, ins Laptop, auf dem iPad, mit dem iPhone. Selbst kleine Notizen, die am fr&#252;hen Morgen oder sp&#228;ten Abend noch ihren Weg per Bleistift in ein kleines Notizheft finden, das an meinem Bett liegt, schreibe ich unterwegs mit dem iPhone in „<a href="http://evernote.com/intl/de/" target="_blank">Evernote</a>“. Der Name sagt es: Dort werden sie digital abgelegt und doch gleichzeitig von mir in die „Cloud“ entlassen – die ewige Notiz, entpers&#246;nlicht und doch nie wieder vergessen.</p>
<p>Die Computerschrift ist standardisiert. Wir k&#246;nnen unterschiedliche Schrifttypen ausw&#228;hlen, wir k&#246;nnen sogar Schreibschrift maschinell imitieren. Damit ist das Arial der Individualisierung der Schrift am Computer aber auch schon ersch&#246;pft. Die meisten von uns sind heute ein Courir des Century, in dem der Computer das Schreiben &#252;bernommen hat, das heute Textverarbeitung hei&#223;t: Times Modern sozusagen im &#252;bertragenen Sinne. Die Futura geh&#246;rt dem Computer, und ich bin nicht sicher, dass dies nur einen Impact auf die formale Dimension des Schreibens hat.</p>
<p>Schon l&#228;ngst gibt es daher Gegenbewegungen. Wenn ich heute jemanden wirklich erreichen will, dann schreibe ich einen Brief – per Hand. Nicht nur weil er beim Adressaten zwischen den hunderten von digitalen Mails und unn&#252;tzen analogen Postwurfsendungen als Ausnahme der Regel schon einmal Aufmerksamkeit erzeugen wird. Auch weil ich neben den im eigentlich Brief enthaltenen Botschaften auch eine unausgesprochene &#252;bermittele: Du bist mir wichtig. Ich nehme mir die Zeit, mich hinzusetzen und wirklich dar&#252;ber nachzudenken, was ich dir sagen m&#246;chte, und dann schreibe ich es mit der Hand auf. Mit Hilfe eines F&#252;llers von Montblanc, der wunderbar schwer in der Hand liegt. Der Schreiben zu einer k&#246;rperlichen und sinnlichen Erfahrung macht. Und der eine so breite Feder hat, dass selbst meine Krakelschrift zu einem Ensemble von Buchstabenb&#246;gen wird, die manche Empf&#228;nger sch&#246;n finden.</p>
<p><em>Schreiben: Atemz&#252;ge des K&#246;rpers</em></p>
<p>Was also macht dieses Schreiben mit uns? Wenn ich einen Stift zur Hand nehme und zu schreiben beginne, lote ich meine Gedanken f&#246;rmlich in allen drei Dimensionen des Raumes aus. Ich kann die Buchstaben nach oben oder unten in die L&#228;nge ziehen, die Schrift nach rechts oder links kippen lassen oder auch fest aufdr&#252;cken, bis das Papier rei&#223;t, um einem einzelnen Wort materiell Nachdruck zu verleihen. Dabei bringe ich etwas auf den Punkt – im direkten Sinne des Wortes. Der Stift ber&#252;hrt das Papier, und in diesem Moment ist der Anfang eines Buchstabens, eines Wortes, eines Gedankens gesetzt, um sich aus meiner Welt in die der anderen fortzusetzen.</p>
<p>Die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff sagt, dass alles „was mittels eines Stifts in vermittelten Z&#252;gen niedergeschrieben wird, eine ungleich intensivere k&#246;rperliche Spur legt, die sich im Ged&#228;chtnis einlagern kann, als W&#246;rter und S&#228;tze, die nur durch eine fl&#252;chtige Ber&#252;hrung der Tastatur entstehen“. Deshalb sprechen wir vom Schreiben als einer „Kulturtechnik“, die ebenso wie das Lesen Voraussetzung f&#252;r viele andere Techniken und Fertigkeiten des Menschen ist. Davon erz&#228;hlt auch das Wort „begreifen“ im Sinne von verstehen: Nur wer etwas physisch-materiell wirklich anfassen kann, ist auch in der Lage es zu erfassen.</p>
<p>Vielleicht l&#228;sst sich dieser Zusammenhang des Anfassens als Erfassen mit den f&#252;r das Schreiben abgewandelten Worten der amerikanischen Leseforscherin <a href="http://www.ascd.org/ascd/pdf/journals/ed_lead/el200903_wolf.pdf" target="_blank">Maryanne Wolf</a> erkl&#228;ren: Wir sind nicht nur, was wir schreiben. Wir sind auch, wie wir schreiben. Dabei geht es nicht um die irrwitzigen Annahmen der Graphologie, man k&#246;nne die Pers&#246;nlichkeitsmerkmale eines Menschen aus seiner Handschrift herauslesen. Es geht vielmehr um ganz konkrete Aktionen unseres Gehirns. Das verf&#252;gt n&#228;mlich bis ins hohe Alter &#252;ber neuronale Plastizit&#228;t, das hei&#223;t einzelne Nervenzellen oder ganze Hirnareale k&#246;nnen sich immer wieder neu, anders, intensiver vernetzen. Der G&#246;ttinger Neurobiologe Gerald H&#252;ther hat beispielsweise nachgewiesen, dass jugendliche <a href="http://www.planet-wissen.de/natur_technik/computer_und_roboter/social_media/vernetztes_gehirn.jsp" target="_blank">Powersimser</a> einen messbaren Zuwachs der Hirnareale aufweisen, die den Daumen steuern. &#196;hnliches geschieht durch Klavier&#252;ben. Oder durchs Schreiben.</p>
<p>Wenn wir Schreiben, erfassen wir also doppelt die Welt. In ihrer abstrakt-sprachlichen Bedeutung und dadurch, dass wir Spuren in unserem Gehirn anlegen, die seine Funktionsweise ver&#228;ndern k&#246;nnen. Auf diesen Spuren wandeln wir dann weiter, und was immer wir tun, ver&#228;ndert den Lauf der Bahnen, die durch vorheriges Handeln angelegt sind. Der Hirnforscher <a href="http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/gehirnforschung-der-rhythmus-des-denkens-124315.html" target="_blank">Ernst P&#246;ppel</a> hat einst den Arbeitsrhythmus des menschlichen Gehirns untersucht und dabei entdeckt, dass unser Gehirn in Drei-Sekunden-Schritten arbeitet. Wenn diese drei Sekunden, wie P&#246;ppel es sagt, der Atemzug der Seele“ sind, dann sind die fortlaufenden Sequenzen eines handgeschriebenen Texts die Atemz&#252;ge des K&#246;rpers. Und beide laufen parallel.</p>
<p><em>Schrift: Konturen des Lebens</em></p>
<p>Durch das Schreiben mit der Hand begreifen wir die Wirklichkeit. Wir zeichnen sie nach in ihren Lebenslinien und Konturen und bilden dabei unsere eigenen aus. Wir fahren die Weltkarte des Verstehens mit einem Stift ab und erobern uns verschiedener Sprachen L&#228;nder. Sicher, das ist die Welt der Worte als Signifikanten, die wir uns so erobern. Aber diese Reise geh&#246;rt zum Erfahren und Erleben dazu wie auch die durch die wirkliche materielle Welt der Signifikate, &#252;ber die wir dann wiederum schreiben k&#246;nnen mit den Worten, die wir uns zuvor erobert haben.</p>
<p>Etwas Besonderes geschieht, wenn wir einen handschriftlichen Text verfassen. Es ist die materielle Erschaffung von Sprache, und sie setzt eine bestimmte Reihenfolge voraus: erst denken, dann hinschreiben. Bei der Textverarbeitung am Computer kann, muss das aber nicht so sein. Copy und Paste, das Herumschieben ganzer Abs&#228;tze, das Verarbeiten von Text ganz im schlechten und falsch interpretierten Sinne des Satzes von Heinrich von Kleist &#252;ber die Verfertigung der Gedanken beim Sprechen, all das sind M&#246;glichkeiten des Schreibens am Computer.</p>
<p>Wenn ein Mensch einzelne Buchstaben lernt, so gelingt das viel besser durch Handschrift als durch das Tippen auf der Computertastatur. Das Lernen geht schneller, und es dauert viel l&#228;nger, bis die Buchstaben oder Zeichen wieder vergessen werden. Neuere Forschung zeigt, dass dies f&#252;r Erwachsene ebenso gilt wie f&#252;r Kinder. Einen anderen spannenden Unterschied aber gibt es: Eine <a href="http://joa.sagepub.com/content/16/4/180.abstract" target="_blank">Studie</a> zum kritischen Denken und Essayschreiben aus den USA zeigt, dass M&#228;dchen und Jungs deutlich mehr schreiben, wenn der Computer im Spiel ist. Tucholsky l&#228;sst den Computer gr&#252;&#223;en: Ich hatte leider keine Zeit, mich kurz zu fassen. W&#228;hrend die Qualit&#228;t des Geschriebenen aber bei den M&#228;dchen mit Hand oder Computer nahezu gleich blieb, verbesserte sie sich die Jungen ganz wesentlich, wenn die Maschine ins Spiel kommt. Das w&#228;re mal eine spannende These: Computer und Technik sind deshalb so oft von M&#228;nnern gemacht, weil sie damit heimlich ihre Denk- und Schreibschw&#228;che ausgleichen k&#246;nnen.</p>
<p><em>Globalese: die Zeichen der digitalen Zeit</em></p>
<p>All das zeigt, dass Schreiben mit der Hand mehr ausmacht als einen Text. Doch bei allen guten Argumenten f&#252;r das Schreiben mit Hand und F&#252;ller gibt es dennoch einige Aspekt in der Digitalisierung der Sprache, die uns das Leben leichter machen. Wir verstehen uns in Grundz&#252;gen l&#228;ngst auch &#252;ber Sprachgrenzen hinweg, ohne die jeweils andere Sprache gelernt zu haben. Der Computer macht es m&#246;glich, weil er geholfen hat, Bestandteile aus verschiedenen Teilen der Welt zu einer neuen Sprache zu verbinden. Unter der Bezeichnung „Globalese“ hat sich eine Rudiment&#228;rsprache etabliert, die als Mischung aus englischer Grundsprache mit den einfachen Strukturen chinesischer Grammatik und einigen indischen Spracheinfl&#252;ssen sowie Zeichen daherkommt. Der Anfang des alten Testaments lautet dann etwa so: „Number one, God make heaven and earth. Earth not very nice, nothing there. Also too dark. God make avatar go look-see waterfront. God say, Light on. Light on.“ Das ist nicht unbedingt literarisch sch&#246;n, aber fast &#252;berall verst&#228;ndlich.</p>
<p>Heute k&#246;nnen wir mit Hilfe von „Google Translator“ deutsche Texte in 65 Sprachen &#252;bersetzen lassen. Dabei entstehen zuweilen lustige Fehler. Und es ist eher eine passive Sprachkompetenz, die wir dadurch erlangen. Weil Englisch als Lingua Franca die einzige Fremdsprache ist, die man wirklich k&#246;nnen muss, ver&#228;ndert sich die aktive Sprachkompetenz. Wir wissen auch hier aus der Forschung, dass Menschen weniger bereit sind, sich Dinge zu merken, wenn sie immer alles im Internet nachschauen k&#246;nnen. Die aber, die wissen, dass sie nichts nachgucken k&#246;nnen, merken sich viel mehr. Wenn das auch f&#252;r Sprachen gilt, werden wir bald alle einsprachig. Alles andere ist ja im Netz.</p>
<p>Mit der wachsenden Digitalisierung unserer Kulturtechniken erleben wir etwas neu, das der Kommunikationsphilosoph Vilem Flusser schon 1978 in seinem Buch „Die kodifizierte Welt“ kritisiert hat. Damals ging es um das Bild, das neben den Text und dann vor den Text zu r&#252;cken drohte. Flusser sah im Bild die Oberfl&#228;che, die auf einen Blick erfasst wird und die komplexe Informationen synchronisiert. Ein Text, den wir lesen, erlaube uns hingegen die diachrone Verarbeitung der Information, und das sei ihrer Komplexit&#228;t eher angemessen. Diese Kulturkritik Flussers, die zu Zeiten des „<a href="http://newlearningonline.com/literacies/chapter-9-making-visual-meanings/mitchell-on-the-pictorial-turn/" target="_blank">Pictorial Turn</a>“, der wachsenden Bedeutung von Bildern in unserer Kultur, entstanden ist, l&#228;sst sich im Lichte der Digitalisierung neu deuten.</p>
<p>So l&#228;sst sich mit Hilfe des Computers ein individueller „<a href="http://www.computerwoche.de/netzwerke/web/2367130/" target="_blank">Schreibabdruck</a>“ eines jeden Menschen berechnen, mit Hilfe dessen weitere Texte desselben Individuums im Internet gesucht und erkannt werden k&#246;nnen. Das gelingt vermutlich nur so lange, wie wir unsere Schriftsprache noch nicht vollst&#228;ndig in ein banales digitales „Globalese“ &#252;berf&#252;hrt haben, das sich nach Standards richtet, die auch dem Computer das Unterscheiden unm&#246;glich machen.</p>
<p>So lange das nicht so ist, wird der datenbasierte „Schreibabdruck“ irgendwann als individualisierte Repr&#228;sentation des Schreibens in digitalen Zeiten die Handschrift ersetzen. Was ich dann auf der Keksdose im Keller meines Vaters statt des Aufklebers mit dem Wort „Vanillekipferl“ gefunden h&#228;tte? Ich wei&#223; es nicht genau. Wahrscheinlich eine lange, einzigartige Reihe aus bin&#228;ren Zahlen: 01110110 01100001 01101110 01101001 01101100 01101100 01100101 01101011 01101001 01110000 01100110 01100101 01110010 01101100.</p>
<p>[siehe auch. Die Zeit, Beilage "Wie Sie besser schreiben", Mai 2012, S. 42-45]</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Die Lautsprecher</title>
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		<pubDate>Fri, 27 Apr 2012 08:55:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Miriam Meckel</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[Wir leben in st&#252;rmischen Gefilden. In scheissst&#252;rmischen Gefilden, um es pr&#228;zise zu sagen. Der Shitstorm ist die neue Ausdrucksform eines politischen Klimawandels in der &#246;ffentlichen Debatte. Was derzeit f&#252;r das Internet rauf und runter beschrieben wird, gibt es nicht nur im Netz, sondern auch im politischen Raum und den gedruckten Feuilletons. Ein Beispiel: Da legt [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.miriammeckel.de/wp-content/uploads/2012/04/Nur-Schreihals-rot-sch&#246;n.jpg"><img class="alignnone size-medium wp-image-1791" title="Nur-Schreihals-rot-sch&#246;n" src="http://www.miriammeckel.de/wp-content/uploads/2012/04/Nur-Schreihals-rot-sch&#246;n-300x274.jpg" alt="" width="300" height="274" /></a></p>
<p>Wir leben in st&#252;rmischen Gefilden. In scheissst&#252;rmischen Gefilden, um es pr&#228;zise zu sagen. Der Shitstorm ist die neue Ausdrucksform eines politischen Klimawandels in der &#246;ffentlichen Debatte. Was derzeit f&#252;r das Internet rauf und runter beschrieben wird, gibt es nicht nur im Netz, sondern auch im politischen Raum und den gedruckten Feuilletons.</p>
<p>Ein Beispiel: Da legt der Autor Christian Kracht seinen neuen Roman „Imperium“ vor, der vom Spiegel rezensiert wird. Unter dem absolutistischen Titel <a href="http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-83977254.html" target="_blank">„Die Methode Kracht“</a> suggeriert der Kritiker Georg Diez, es m&#252;sse endlich einmal gesagt werden, dass Kracht „ganz einfach der T&#252;rsteher der rechten Gedanken“ sei, der zeige, „wie antimodernes, demokratiefeindliches, totalit&#228;res Denken seinen Weg findet in den Mainstream“. Nachdem die Protestwelle durch die Feuilletons gezogen ist, schreibt Diez, es sei doch wohl legitim, nach der Verbindung zwischen Kunst und Leben eines Autors zu fragen.</p>
<p>Die Dramaturgie dieses „Debattenaufbaus“ ist spannend: Sie folgt dem „Reiz-Reaktions Schema“, das in der Kommunikationswissenschaft seit Dekaden mangels theoretischer Komplexit&#228;t zu den Altlasten eines vereinfachten Menschenverst&#228;ndnisses geh&#246;rt. F&#252;r die heutigen St&#252;rme im Feuilleton funktioniert es gut.</p>
<p>Hinter dem Shitstorm verbirgt sich ein Mechanismus, der durch eine emp&#246;rte Netzcommunity initiiert oder befeuert wird, oder auch eine Gruppierung, die in Deutschland mit dem Begriff des „<a href="http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-74184564.html" target="_blank">Wutb&#252;rgers</a>“ inzwischen zur neuen politischen Kategorie geworden ist. Manchmal ist der Impuls, der so viel Wind macht, gut gemeint, manchmal auch auf die Wutwelle hin angelegt. Dieser Mechanismus l&#228;uft als Viersatz pr&#228;zise wie ein Uhrwerk ab, programmierbar fast wie eine Computersoftware.</p>
<p>Im ersten Schritt wird – meist ohne ausreichende faktische Grundlage – ein vermeintlicher Sachverhalt benannt, der keinen Widerspruch duldet. Dieser Widerspruch wird dann im zweiten Schritt zu einem Tabu erkl&#228;rt, das endlich durch eine &#246;ffentliche &#196;usserung dekonstruiert werden soll. Die Einleitung ist eine Variation des Allsatzes „es muss doch m&#246;glich sein zu sagen, dass &#8230;“. Im dritten Schritt entsteht verl&#228;sslich und inzwischen unabh&#228;ngig von der Unterscheidung zwischen analogem oder digitalem Debattenraum ein Shitstorm, gegen den sich der Verursacher dann wiederum &#246;ffentlich zur Wehr setzt, indem er sich als aufrechter Kritiker inszeniert, der doch nur eine Debatte habe anstossen wollen. Deren Ausartung oder Misslingen beweise ja nur mehr, dass es sich bei dem angesprochenen Thema um ein Tabu handele. Womit wir wieder am Anfang des Kreislaufs w&#228;ren.</p>
<p>Irgendwie erinnert das Ganze in Anlehnung an <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Doppeldenk" target="_blank">George Orwells Roman „1984“</a> an ein „Doppeldenk 2.0“ Hier geht es nicht mehr darum, im eigenen Denken zwei widerspr&#252;chliche &#220;berzeugungen aufrecht zu erhalten und beide parallel akzeptieren zu k&#246;nnen. Hier wird die Widerspruchsthese sogar konsequent etabliert, um sich an ihr abarbeiten zu k&#246;nnen. Ein Stilmittel der Aufmerksamkeitsgenerierung also, doch das Ergebnis ist dem bei Orwell &#228;hnlich: So lange wie f&#252;r die „Debatte“ n&#246;tig, wird die Wirklichkeit verleugnet, um sie gleichzeitig f&#252;r den Widerspruch aktiv zu instrumentalisieren. So entsteht eine Form der kognitiven Realit&#228;tskontrolle, die durch die sich im Shitstorm engagierenden Massen durchgesetzt wird. <a href="https://twitter.com/#!/Robert_A_Wilson/statuses/165198611989266432" target="_blank">„Do not adjust your mind: It is reality that is malfunctioning.“</a></p>
<p>Das Beispiel Kracht/Diez ist kein Einzelfall. Die „Debatte“, die Pius Kn&#252;sel gemeinsam mit zwei Koautoren durch das Buch „<a href="http://www.zeit.de/2012/13/CH-Kultursubventionen" target="_blank">Der Kulturinfarkt</a>“ &#252;ber die vermeintliche staatliche &#220;berf&#252;tterung des Kulturbetriebs losgetreten hat, funktionierte &#228;hnlich. Gleiches gilt f&#252;r den deutschen Schriftsteller <a href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/das-israel-gedicht-von-grass/eine-erlaeuterung-was-grass-uns-sagen-will-11708120.html" target="_blank">G&#252;nter Grass</a>, der aus dem Nichts ein schlechtes Gedicht ver&#246;ffentlicht, indem er seiner Bef&#252;rchtung Ausdruck verleiht, Israel werde mit einem atomaren Erstschlag gegen Iran den Weltfrieden gef&#228;hrden, und dem daf&#252;r eine Wutwelle entgegenschl&#228;gt. Das Foto eines Kindes mit Pistole auf dem Titel der Weltwoche, das die „<a href="http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,827178,00.html" target="_blank">Raubz&#252;ge</a>“ der Roma in der Schweiz illustrieren soll, zielt ebenso auf die Aufregungs- und damit Auflagensteigerung, unter gezielter Inkaufnahme, das Foto g&#228;nzlich aus seinem Kontext zu reissen und damit gegen die journalistische Sorgfaltspflicht zu verstossen. Und dass die deutsche Frauenministerin sich soeben in einer Denkschrift „<a href="http://www.fr-online.de/meinung/schroeder-buch--danke--emanzipiert-sind-wir-selber--die-leere-im-denken-der-kristina-schroeder,1472602,14942574.html" target="_blank">Danke, emanzipiert sind wir schon</a>“ gegen die Emazipationsbewegung wendet und dabei gleich ein ganzes Buch schreibt, um sich selbst als Frauenministerin zu delegitimieren? Tja, das mag eher unter „Doofheit“ denn unter „Debatte“ abgebucht werden, um sich auch in diesem Beitrag einmal an der Zuspitzung zu versuchen.</p>
<p>Schauen wir ein wenig weiter in die Vergangenheit, so stossen wir auf den massiven &#246;ffentlichen Streit um Thilo Sarrazins Buch „<a href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/2.1763/das-buch/sarrazin-debatte-lesen-ist-nicht-genug-11042723.html" target="_blank">Deutschland schafft sich ab</a>“, auf die Aufregungsausbr&#252;che rund um die freundschaftliche Landespflege des ehemaligen deutschen Bundespr&#228;sidenten Christian Wulff oder die privaten und gleichzeitig politischen W&#228;hrungstransaktionen des <a href="http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/skandal-in-der-schweizer-nationalbank-ich-liess-meine-frau-gewaehren-1.1250779" target="_blank">Ex-Nationalbankpr&#228;sidenten Hildebrand</a>. Dieselben Mechanismen griffen, als der Autor <a href="http://www.fr-online.de/spezials/kehlmann-rede-im-wortlaut-die-lichtprobe,1473358,2725516.html" target="_blank">Daniel Kehlmann</a> in seiner Rede zur Er&#246;ffnung der Salzburger Festspiele 2009 das Regietheater zur „letzten verbliebenen Schrumpfform linker Weltanschauung“ herabstufte, ebenso wie in dem Moment, als der deutsche Aussenminister Guido Westerwelle 2010 dem Sozialstaat attestierte, er lade zu „<a href="http://www.sueddeutsche.de/politik/fdp-chef-dekadenzalarm-westerwelle-wild-wie-nie-1.66714" target="_blank">sp&#228;tr&#246;mischer Dekadenz</a>“ ein.</p>
<p>Wir k&#246;nnen diese Bespiele als &#252;berzogene, zum Teil alberne Ausbr&#252;che in einem politischen Diskurs betrachten, der gezwungen ist, permanent am Anschlag zu operieren. Im Daueralarm eines immer schnelleren, in immer k&#252;rzeren Zeittakten ablaufenden &#246;ffentlichen Agendasettings bleibt vielen nichts anderes &#252;brig, als selbst auch als Lautsprecher zu agieren. Wenn alle immer schreien, muss man lauter schreien um geh&#246;rt zu werden. Das Problem ist nur: Irgendwann h&#246;rt bei diesem Krach niemand mehr etwas. Die Textur des einzelnen Arguments bleibt auf der Strecke.</p>
<p>Es ist nicht nur ein Formproblem, dem wir bei den &#246;ffentlichen Debatten um Aufregerthemen begegnen. Ein inhaltlicher Wandel versteckt sich dahinter, der f&#252;r eine pluralistische Demokratie nicht gut sein kann. Wenn politische Gestaltung in der Konsensfindung zwischen entgegenstehenden Positionen liegt, dann braucht sie politische Meinungsbildung, die sich in der diskursiven Auseinandersetzung zwischen den Positionen und ihren Argumenten vollzieht. Das wird in der Emp&#246;rungskultur zuweilen schwierig.</p>
<p>Allein die verwendeten Begrifflichkeiten weisen daraufhin, wie hier mit der grossen Kelle angerichtet wird. Da ist von der <a href="http://www.welt.de/print/die_welt/kultur/article13874900/Die-Methode-Diez-Wie-tickt-der-Mann-der-aus-Kracht-einen-Nazi-macht.html" target="_blank">„Kampfzone“ des Debattenfeuilletons</a> die Rede, vom „Fetisch Kulturstaat“, von „<a href="http://www.zeit.de/2012/13/CH-Kultursubventionen" target="_blank">Kulturver&#228;chtern</a>“ und dem „<a href="http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,825669,00.html" target="_blank">lyrischen Erstschlag</a>“. Kleiner geht’s nicht, oder? Was geschieht hinter diesen Begrifflichkeiten, die auf Seiten der Initiatoren ebenso wie ihrer Kritiker verwendet werden? Dahinter schimmert etwas Unangenehmes, Abstossendes auf: die Instantideologisierung: Man nehme einen Begriff, hafte ihn einem Autor, einem Politiker, einem Dichter an – und schon hat man ihn erfolgreich zum Kinderm&#246;rder, Nazi oder Antisemiten gestempelt. Selbst wenn der folgende Shitstorm sich gegen den Kritiker wendet, bleibt das Label haften, so wie alles, was einmal ins Internet eingeschrieben ist.</p>
<p>Der Diskurs im Netz hat uns viele neue M&#246;glichkeiten des Eindrucks und Ausdrucks unserer Lebenswelt gebracht, auch im Politischen. Aber es stimmt, dass die enorme Beschleunigung der Netzkommunikation manchmal dazu verleitet, erst zu schreiben und dann zu denken. Es stimmt auch, dass neben der „<a href="http://en.wikipedia.org/wiki/The_Wisdom_of_Crowds" target="_blank">Weisheit der Vielen</a>“ gelegentlich auch die „Dummheit der Massen“ im Netz zur Sprache kommt und jedes Ger&#252;cht, jede Unterstellung im Rausch der ubiquit&#228;ren Verbreitung durchs Internet schnell in eine Tatsache umgem&#252;nzt wird. Und es stimmt leider auch, dass die unangenehmen sozialen Ausw&#252;chse im sozialen menschlichen Miteinander nicht mehr auf den Streit zwischen Nachbarn der analogen Gartenparzellen beschr&#228;nkt bleiben, sondern in den Blogwarten des Netzes, gelegentlich gar in Ausw&#252;chsen einer selbsternannten Digital-Polizei, neue Ausdrucksformen gefunden haben.</p>
<p>Die typische Instantideologisierungsfrage m&#252;sste nun lauten: Wer ist schuld? Eine differenzierte Antwort, die den Beitrag der Thesengeber ebenso ber&#252;cksichtigt wie die gewandelten Rahmenbedingungen des &#246;ffentlichen Diskurses, l&#228;sst sich darauf nicht geben. Genau die brauchen wir aber in einer Welt, in der politische, &#246;konomische und soziale Fragen ob Vernetzung, Globalisierung und Beschleunigung immer komplexer werden. Deshalb geht es nicht um die Schuld- sondern um die Sinnfrage. Und die lautet: Wozu wird inzwischen bei jedem Streitthema sogleich aufeinander eingebr&#252;llt? Um Aufmerksamkeit zu erhalten nat&#252;rlich.</p>
<p>Aufmerksamkeit ist die neue W&#228;hrung der Emp&#246;rungskultur. Sie entsteht im Tausch von Reiz gegen Reaktion. So sind die Dynamiken, wenn alle permanent auf Sendung sind. Geht es dabei um die Sache? Lassen sich die Kulturf&#246;rderung, der Weltfrieden, die Literatur im Sturm retten? Dazu br&#228;uchte es doch Argumente, den Diskurs aus These und Gegenthese und den differenzierten Blick auf die Sache. Der Wutb&#252;rger hat eher sich selbst im Blick. Le débat, c’est moi!</p>
<p><a href="http://www.die-plattform.ch/wp-content/uploads/2011/09/Nur-Schreihals-rot-sch&#246;n.jpg" target="_blank">Bild</a>, Text siehe auch <a href="http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/literatur/die-lautsprecher_1.16625946.html" target="_blank">NZZ, 26.04.2012</a></p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Internetmuffel und Verlinkungschampions</title>
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		<pubDate>Sat, 21 Apr 2012 11:26:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Miriam Meckel</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Internetaktivisten der Unionsparteien verb&#252;ndeten sich j&#252;ngst zum „CNetz“ – einem weiteren Verein f&#252;r Netzpolitik, in diesem Falle f&#252;r „b&#252;rgerliche und verantwortungsvolle“. Zahlreiche Online-Beobachter reagierten kritisch bis sp&#246;ttisch: das gleichnamige analoge Mobilfunknetz stehe schliesslich kaum f&#252;r Innovation und Fortschritt. Und doch kann die Gr&#252;ndung als ein positives Zeichen der Auseinandersetzung mit Online-Medien in den Unionsparteien [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignnone" src="http://veracor.files.wordpress.com/2008/11/merkel_handy.jpg" alt="" width="300" height="400" /></p>
<p>Die Internetaktivisten der Unionsparteien verb&#252;ndeten sich j&#252;ngst zum „<a href="http://www.tagesspiegel.de/politik/cnetz-cdu-gruendet-internetverein/6477974.html" target="_blank">CNet</a>z“ – einem weiteren Verein f&#252;r Netzpolitik, in diesem Falle f&#252;r „b&#252;rgerliche und verantwortungsvolle“. Zahlreiche Online-Beobachter reagierten kritisch bis sp&#246;ttisch: das gleichnamige analoge Mobilfunknetz stehe schliesslich kaum f&#252;r Innovation und Fortschritt. Und doch kann die Gr&#252;ndung als ein positives Zeichen der Auseinandersetzung mit Online-Medien in den Unionsparteien gewertet werden. Denn allzu oft erweisen sich gerade Unionspolitiker als regelrechte Internet-Muffel.</p>
<p>Eine aktuelle <a href="http://isprat.net/fileadmin/downloads/pdfs/ISPRAT_Politiker_im_Netz_Uni_St_Gallen_Zb.pdf" target="_blank">Studie der Universit&#228;t St. Gallen</a> in Kooperation mit <a href="http://www.isprat.net/" target="_blank">ISPRAT e.V.</a> zeigt, dass die Bundestagsabgeordneten der Unionsparteien gemeinsam mit jenen der Linkspartei das Schlusslicht bilden, wenn es um die aktive Nutzung der Sozialen Medien geht. &#196;hnlich wie in Baden-W&#252;rttemberg regiert demnach im Social Web Gr&#252;n-Rot: gr&#252;ne und sozialdemokratische Abgeordnete sind im Durchschnitt besonders aktive Nutzer von Facebook, Twitter &amp; Co.</p>
<p>Dies mag auf den ersten Blick erstaunen, denn gerade die Bundeskanzlerin positioniert sich bei Analysen immer wieder als K&#246;nigin der politischen Social Media-Nutzer. Und tats&#228;chlich: <a href="http://www.facebook.com/AngelaMerkel" target="_blank">Angela Merkel</a> verf&#252;gt auf verschiedenen Plattformen &#252;ber zahlreiche Fans, Follower oder Freunde. Die Studie der Universit&#228;t St. Gallen setzte sich darum gemeinsam mit dem Forschungsverbund ISPRAT e.V. zum Ziel, einen Schritt weiter zu gehen und die tats&#228;chliche Nutzung der Sozialen Medien durch deutsche Bundestagsabgeordnete zu erkunden.</p>
<p>&#220;ber ein Jahr hinweg wurden darum die Kommunikationsaktivit&#228;ten der Politiker gemessen. Betrachtet wurden neben Facebook und Twitter auch die VZ-Plattformen, XING, MySpace, Youtube, Flickr und Blogs. Neben einer durchschnittlichen Anzahl an Freunden oder Kontakten wurde erhoben, in welcher Frequenz die Abgeordneten &#252;ber 12 Monate hinweg Statusmeldungen, Kommentare, Likes, Blogposts und Tweets absetzen oder Fotos und Videos hochladen. Das Forschungsteam erstellte daraufhin einen Index, um all diese Aktivit&#228;ten &#252;ber die mehr als 600 Abgeordneten des 17. Deutschen Bundestages hinweg vergleichbar zu machen.</p>
<p>Und siehe da: laut dem St. Galler „Social Media Activity Index 2011“ heisst die K&#246;nigin der Sozialen Medien nicht mehr Angela Merkel, sondern <a href="http://twitter.com/#!/elke_ferner" target="_blank">Elke Ferner</a> (SPD), gefolgt von ihrem Parteifreund <a href="http://twitter.com/#!/ulrichkelber" target="_blank">Ulrich Kerber</a>. Beide setzen in hoher Frequenz Mitteilungen vor allem auf Facebook und Twitter ab. Diese Plattformen erweisen sich auch sonst bei den Abgeordneten als popul&#228;r (Facebook: 277 Profile, Twitter: 219, MeinVZ: 169). Nur 42-46 Abgeordnete laden dagegen regelm&#228;ssig multimediale Inhalte auf Flickr und Youtube hoch oder ver&#246;ffentlichen l&#228;ngere Texte auf ihren Blogs.</p>
<p>Unter den Spitzenreitern des Social Media-Rankings finden sich auch in der St. Galler Studie viele bekannte Namen – Angela Merkel, <a href="http://www.facebook.com/FrankWalterSteinmeier">Frank-Walter Steinmeier</a> oder <a href="http://www.facebook.com/sigmar.gabriel">Sigmar Gabriel </a>profitieren dabei vor allem von ihrer Prominenz und verf&#252;gen &#252;ber ein stark ausgebautes Online-Netzwerk. Doch auch weniger verbreitete Namen positionieren sich unter den Champions der Social Media Nutzung – darunter die Berlinerin <a href="http://www.facebook.com/mechthild.rawert">Mechthild Rawert</a> (SPD), <a href="http://www.facebook.com/GabiHillerOhm">Gabrielle Hiller-Ohm</a> (SPD) aus L&#252;beck oder der Th&#252;ringer <a href="http://www.facebook.com/pages/Patrick-Kurth/162699174411">Patrick Kurth</a> (FDP). Diese besonders aktiven Nutzer schaffen „Kommunikationssynergien“ zwischen unterschiedlichen Plattformen, indem sie etwa Tweets oder Blogposts auch auf Facebook ver&#246;ffentlichen – das treibt die Aktivit&#228;tszahlen nach oben.</p>
<p>Die gute Nachricht aus Sicht der Netz-Optimisten lautet dabei: aktive Nutzer lassen sich tats&#228;chlich auf eine Interaktion mit ihren Netzwerken ein, sie kommentieren, empfehlen und liken und antworten auch auf die Anmerkungen Anderer. Schon fr&#252;here Studien postulierten einen demokratisierenden Effekt Sozialer Medien, indem ein direkter Austausch zwischen politischer Elite und Volk erleichtert wird. Die schlechte Nachricht lautet dagegen: gerade einmal 1% der Bundestagsabgeordneten z&#228;hlen zu diesen aktiven Nutzern Sozialer Medien. Zwar verf&#252;gen 66% &#252;ber eine Pr&#228;senz auf den Web 2.0-Plattformen – ein Grossteil davon pflegt seine Profile jedoch nur gelegentlich.</p>
<p>Um den Einfluss Sozialer Medien auf die politische Kommunikation verstehen zu k&#246;nnen, reicht es eben nicht, nur die Anzahl Profile oder Freunde zu z&#228;hlen – die Frage ist: findet auf den neuen Plattformen tats&#228;chlich ein politischer Austausch statt? Leisten die Sozialen Medien also einen positiven Beitrag zum demokratischen Diskurs? Die Untersuchung zeigt, dass zwar nur wenige Abgeordnete wirklich im Alltag aktiv mit ihren Netzwerken kommunizieren, wo aber diese Chance genutzt wird, findet tats&#228;chlich ein lebendiger Diskurs statt. Abgeordnete haben also jede Chance, auch im Netz politisches Kapital aufzubauen.</p>
<p>Die Studie untersuchte auch m&#246;gliche Treiber der Social Media Nutzung. Ein signifikanter Einfluss besteht demnach zwischen Kommunikationsaktivit&#228;t und dem Alter, der Parteizugeh&#246;rigkeit und dem Wahlkreis der Abgeordneten. Am st&#228;rksten dabei der Einfluss des Alters: Je j&#252;nger ein Politiker oder eine Politikerin, desto aktiver nutzt er oder sie das Web 2.0. Die insgesamt geringe Aktivit&#228;t der Abgeordneten h&#228;ngt daher auch mit der Altersverteilung im Parlament zusammen. In der Regel bewegt sich das Alter hier zwischen 40 und 70 Jahren. Das Geschlecht der Parlamentarier hat dagegen keinen signifikanten Einfluss auf die Nutzungsintensit&#228;t.</p>
<p>Im Durchschnitt kommunizieren Gr&#252;ne und SPD besonders aktiv im Social Web, gefolgt von der FDP. Doch w&#228;hrend die SPD vor allem von einer Gruppe besonders aktiver Web 2.0-Champions profitiert, ist die Nutzung von Facebook, Twitter &amp; Co. unter den Gr&#252;nen und auch bei der FDP ein weit verbreitetes „business as usual“.  Schliesslich zeigt sich auch: Vertreter urbaner Wahlkreise sind besonders aktiv im Netz unterwegs, gefolgt von jenen l&#228;ndlicher Wahlkreise. Vertritt ein Abgeordneter dagegen einen strukturschwachen Wahlkreis mit einer niedrigen Besch&#228;ftigungsquote und einem hohen Durchschnittsalter, verh&#228;lt er sich online eher zur&#252;ckhaltend. Aus diesem Grund finden sich kleine Bundesl&#228;nder wie Saarland, Berlin und Hamburg an der Spitze des Aktivit&#228;tsrankings, neue Bundesl&#228;nder wie Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Sachsen bilden dagegen das Schlusslicht.</p>
<p>siehe auch <a href="http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,828743,00.html" target="_blank">Spiegel Online</a></p>
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		<title>Anschreiben gegen die berechenbare Welt</title>
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		<pubDate>Fri, 23 Mar 2012 10:04:53 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Miriam Meckel</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[siehe auch hier]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><iframe title="YouTube video player" class="youtube-player" type="text/html" width="425" height="344" src="http://www.youtube.com/embed/wLZ1GIZchAM" frameborder="0" allowFullScreen="true"> </iframe></p>
<p><a href="http://www.skizzenbuch.thalia.de/category/autoren_erzaehlen/" target="_blank">siehe auch hier</a></p>
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		<title>Mehr als Symbolik</title>
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		<pubDate>Mon, 27 Feb 2012 11:44:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Miriam Meckel</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[Es ist knapp 35 Jahre her, dass die U.S.-amerikanische Soziologin Gaye Tuchman die „symbolische Annihilation“ von Frauen in den Medien analysierte und kritisiert. Ob man „Annihilation“ nun als „Nichtigkeitserkl&#228;rung“ oder gar „Vernichtung“ &#252;bersetzt, ist nur mehr ein gradueller Unterschied. Der wahre Unterschied ist ein existenzieller: Frauen spielen in den Medien – auch 35 Jahre sp&#228;ter [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.miriammeckel.de/wp-content/uploads/2012/02/24percent.bmp"><img class="alignnone size-full wp-image-1777" title="24percent" src="http://www.miriammeckel.de/wp-content/uploads/2012/02/24percent.bmp" alt="" /></a></p>
<p>Es ist knapp 35 Jahre her, dass die U.S.-amerikanische Soziologin <a href="http://books.google.de/books?hl=en&amp;lr=&amp;id=S-YEWwAPTtcC&amp;oi=fnd&amp;pg=PA150&amp;dq=symbolic+annihilation+of+women+gaye+tuchman&amp;ots=csiuPiHCYd&amp;sig=IwkCx5jUVPQeJV0yTdy7kWzmoAU&amp;redir_esc=y#v=onepage&amp;q=symbolic%20annihilation%20of%20women%20gaye%20tuchman&amp;f=false" target="_blank">Gaye Tuchman</a> die „symbolische Annihilation“ von Frauen in den Medien analysierte und kritisiert. Ob man „Annihilation“ nun als „Nichtigkeitserkl&#228;rung“ oder gar „Vernichtung“ &#252;bersetzt, ist nur mehr ein gradueller Unterschied. Der wahre Unterschied ist ein existenzieller: Frauen spielen in den Medien – auch 35 Jahre sp&#228;ter – rein formal noch immer nicht die Rolle, die ihnen eigentlich zukommt. Sie sind vertreten, stark vertreten sogar, nur leider nicht in F&#252;hrungspositionen, nicht dort, wo die wesentlichen redaktionellen Entscheidungen getroffen werden, nicht als Intendantinnen, Chefredakteurinnen, Ressortleiterinnen – Ausnahmen best&#228;tigen die Regel. Deshalb fordern <a href="http://www.pro-quote.de/" target="_blank">300 Frauen</a> nun eine 30-Prozent-Quote f&#252;r Frauen in medialen F&#252;hrungspositionen.</p>
<p>Geht es also darum, Frauen mehr Hierarchiepositionen, mehr Geld, mehr Einfluss zu verschaffen, damit sie – endlich – mit M&#228;nnern gleichziehen? Ja, denn das ist durchaus ein legitimes Ziel in einer Gesellschaft 2012, die zur H&#228;lfte aus Frauen besteht. Vor diesem Hintergrund ist diese Forderung eine Selbstverst&#228;ndlichkeit.</p>
<p>Doch es geht um mehr: Medien sind zu einem erheblichen Teil an der Entstehung unserer Weltbilder beteiligt. Glauben wir wirklich, die wesentlich durch M&#228;nner gepr&#228;gte Schaffung dieser Weltbilder unterscheide sich nicht von der, an der mehr Frauen beteiligt sind. Glauben wir, es sei egal, ob wir von M&#228;nnern oder Frauen gemachte Medien nutzen und Themen entdecken? Glauben Medienh&#228;user und Verlage in Zeiten der schrumpfenden Auflagen und Marktanteile, sie k&#246;nnten einfach immer weitermachen wie bisher und die Kunden und Kundinnen w&#252;rden das schon hinnehmen?</p>
<p>Es ist ein demokratisches, ein gesellschaftliches und ein &#246;konomisches Gebot, Frauen den Weg in die Spitzenpositionen und an die Entscheidungsstellen in den Medien weiter und schneller zu &#246;ffnen. Ganz im Sinne Gaye Tuchmans: „Die Medien arbeiten mit Symbolen, aber ihre symbolischen Repr&#228;sentationen sind aus der Zeit gefallen.“ [&#220;bersetzung MM]</p>
<p>Wie die praktische &#220;bersetzung dieser „Symbole“ aussieht, belegt regelm&#228;&#223;ig das „<a href="http://www.whomakesthenews.org/gmmp-2010-highlights.html" target="_blank">Global Media Monitoring Project</a>“:  Gegenw&#228;rtig sind nur 24 Prozent der Menschen, &#252;ber die in den Nachricht geredet oder berichtet wird, weiblich. 2005 waren es 21 Prozent, 2000 18 Prozent.“ Manchmal geht es eben um mehr als Symbolik &#8230;</p>
<p><a href="http://www.pro-quote.de/was-wir-wollen/" target="_blank">Hier mitmachen</a></p>
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		<item>
		<title>Bruttol&#228;rmprodukt</title>
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		<pubDate>Mon, 06 Feb 2012 11:23:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Miriam Meckel</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[Wer die Bourbon Street in New Orleans betritt, wird gleich zweifach &#252;berw&#228;ltigt. Zum einen dadurch, dass es dort fast immer so riecht, als habe die Welt sich in den eigenen Schoss &#252;bergeben und nachher vergessen, sauber zu machen. Viel &#252;berw&#228;ltigende aber ist die akustische Schlacht, die dort jeden Abend ab etwa 19 Uhr um die [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.miriammeckel.de/wp-content/uploads/2012/02/DSC04250.jpg"><img class="alignnone size-medium wp-image-1774" title="SONY DSC" src="http://www.miriammeckel.de/wp-content/uploads/2012/02/DSC04250-300x199.jpg" alt="" width="300" height="199" /></a></p>
<p>Wer die Bourbon Street in New Orleans betritt, wird gleich zweifach &#252;berw&#228;ltigt. Zum einen dadurch, dass es dort fast immer so riecht, als habe die Welt sich in den eigenen Schoss &#252;bergeben und nachher vergessen, sauber zu machen. Viel &#252;berw&#228;ltigende aber ist die akustische Schlacht, die dort jeden Abend ab etwa 19 Uhr um die Besucher geschlagen wird. T&#246;ne werden zu Waffen, Musik wird zu L&#228;rm, bet&#228;ubend f&#252;r Ohren und oft auch f&#252;r die anderen menschlichen Sinne. In der Bourbon Street kann einem Riechen, H&#246;ren und Sehen vergehen.</p>
<p>In diesem Moment habe ich mich in den Worten Jim Morrisons gefragt: Was haben sie dieser heiteren Stadt angetan? Sie haben ihr musikalisches Erbe verw&#252;stet und gepl&#252;ndert. Ihr vor Morgengrauen mit der Waffe des Konsums ins Herz gestochen, ihr die Ketten des musikalischen Mainstreams angelegt und ihr die Stimmung verdorben.</p>
<p>Wie bei nicht endenden wollendem Maschinengewehrfeuer werden aus T&#246;nen L&#228;rmsalven, abgefeuert von beiden Seiten der engen Strasse aus den dicht nebeneinander liegenden Lokalen auf jeden, der sich vom Mississippi oder vom Louis Armstrong Park aus kommend hineinwagt.</p>
<p>Und das sind viele. Ich schaue mich um, aber es scheint die Besucher nicht zu st&#246;ren, dass mit harten Waffen um ihre Aufmerksamkeit, ihr Eintreten und ihr Geld gek&#228;mpft wird. Es scheint sie auch nicht zu st&#246;ren, dass der Kampf um akustische Aufmerksamkeit zu einem Dr&#246;hnen ger&#228;t, in dem sich einzelne Musikrichtungen kaum mehr auseinander halten lassen. Das Gemisch aus um die zehn Mann starken Jazzensembles, die mehr auf den Verst&#228;rker als auf ihr musikalischen K&#246;nnen vertrauen, aus dem Backbeat von Deep Purple und ACDC Songs und – oh Graus! – aus melodischen Fetzen von Justin Bieber Songs &#8211; ein Bruttol&#228;rmprodukt, in dem alles aufgeht. Gesteigert durch den Umsatzdruck der zahlreichen Lokale an dieser Hauptstrasse im French Quater ebenso wie durch die ungebremste Feierlust der Touristen, die keine Gnade kennt. Nicht einmal die der Selbstachtung. Die letzten G&#228;ste werden mit dem M&#252;ll und den Str&#246;men von Bier und anderen Fl&#252;ssigkeiten vom Gehweg gekehrt, wenn bereits der Morgen graut.</p>
<p>Und dies ist dann der Moment, in dem New Orleans f&#252;r einen Augenblick, vielleicht eine oder zwei Stunden, in einen Zustand zur&#252;ckversetzt wird, in dem man die Geburtsstadt des Jazz wiederentdeckt, so wie sie vielleicht einmal. Dann l&#228;sst es sich akustisch genussvoll auf den Pfaden des urspr&#252;nglichen Jazz von Joe „King“ Oliver, Louis Armstrong und Jelly Roll Morton wandeln, wie einzelne Musiker oder kleine Ensembles sie spielen, wenn der Krach sich gelegt hat. Dann wird aus L&#228;rm wieder Musik, und T&#246;ne werden zu Botschaften, die sich wundersam im H&#246;ren zu einem Gesamtkunstwerk f&#252;gen. Wenn ich sehr fr&#252;h morgens mein Ohr an das French Quater lege, dann h&#246;re ich die leisen, melancholischen T&#246;ne und die flirrenden Stimmen des Dixieland. Die wahre Sprache von New Orleans.</p>
<p>Es ist die Melodief&#252;hrung des „Canal Street Blues“, die mich lockt, viel zu langsam gespielt von einer einzelnen Trompete, die die T&#246;ne ineinander fliessen l&#228;sst. Ich folge der Melodie entlang einiger kleinerer Strassen, die die Bourbon Street mit dem Mississippi verbinden, und gelange an den kleinen Platz, an dem das „Café du Monde“ seinen 24-Stunden-Betrieb wie immer aufrecht erh&#228;lt, um den wenigen fr&#252;hen Ausfl&#252;glern und von der Nacht &#220;briggebliebenen Kaffee und ein Fr&#252;hst&#252;ck zu offerieren. Dort sitzt ein Mann auf einer der B&#228;nke, den Kopf &#252;ber die Trompete gesenkt, und spielt. Er hat eine schwarze M&#252;tze und eine Sonnenbrille auf und scheint nichts von seiner Umwelt wahrzunehmen. Ich setze mich auf die Bank gegen&#252;ber und h&#246;re zu. Irgendwann spielt der Mann Gershwins „Not for me“. Doch, das ist f&#252;r mich, denke ich, das ist meine Botschaft. Die Beignets in dem kleinen Pappsch&#228;lchen neben mir werden kalt, und mein Herz wird warm.</p>
<p><a href="http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/pop_und_jazz/bruttolaermprodukt_1.14771236.html" target="_blank">NZZ vom 4. Februar 2012</a></p>
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		<title>Meinungsfreiheit als Zumutung?</title>
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		<pubDate>Thu, 02 Feb 2012 15:03:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Miriam Meckel</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[Foto Freiheit ist eine Zumutung. Sie ist kompliziert und keineswegs selbstverst&#228;ndlich, und sie bleibt auch nicht von selbst, wenn einst erreicht. Das gilt f&#252;r das digitale ebenso wie das analoge Leben. Und ganz besonders f&#252;r die Meinungsfreiheit. Von der ist auch gedeckt, dass sich Politiker mit von Kenntnis weitgehend ungetr&#252;bten Ansichten in martialischer Sprache &#252;ber [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.miriammeckel.de/wp-content/uploads/2012/02/iStock_000002980229Small.jpg"><img class="alignnone size-medium wp-image-1768" title="iStock_000002980229Small" src="http://www.miriammeckel.de/wp-content/uploads/2012/02/iStock_000002980229Small-200x300.jpg" alt="" width="200" height="300" /></a></p>
<p><a href="http://tinyurl.com/7y3m4v8" target="_blank">Foto</a></p>
<p>Freiheit ist eine Zumutung. Sie ist kompliziert und keineswegs selbstverst&#228;ndlich, und sie bleibt auch nicht von selbst, wenn einst erreicht. Das gilt f&#252;r das digitale ebenso wie das analoge Leben. Und ganz besonders f&#252;r die Meinungsfreiheit. Von der ist auch gedeckt, dass sich Politiker mit von Kenntnis weitgehend ungetr&#252;bten Ansichten in martialischer Sprache &#252;ber mediale Schlachtordnungen &#228;u&#223;ern und dar&#252;ber, wie das Netz die b&#252;rgerliche Gesellschaft bedrohe. Auch das muss gesagt werden d&#252;rfen, ganz im Sinne des immer noch eindrucksvollen Satzes von Rosa Luxemburg: &#8220;Freiheit nur f&#252;r die Anh&#228;nger der Regierung, nur f&#252;r Mitglieder einer Partei - m&#246;gen sie noch so zahlreich sein &#8211; ist keine Freiheit. Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden.“</p>
<p>In Sachen Internet hat man gelegentlich den Eindruck, der Satz gelte nicht mehr. Er sei abgel&#246;st worden durch eine Bush-Doktrin 2.0 f&#252;rs Web: Mach keinen Unterschied zwischen einem verirrten Einzelnen und seiner Partei. Mach auch keinen zwischen einer &#196;u&#223;erung und der Plattform auf der sie stattfindet. Bek&#228;mpfe immer beides. Der gelassene Umgang mit geistigem Unsinn wird zur verbissenen Schlammschlacht, der Austausch von Argumenten zur bin&#228;ren Konfrontation. 0 oder 1. Ich kann nur f&#252;r oder gegen das Internet sein. F&#252;r das Internet zu sein, reicht als politisches Programm.</p>
<p>Die Parteien, die sich in dieser Konfrontation gegen&#252;berstehen, sind klar abgegrenzt: Auf der einen Seite die Politiker der alten analogen Welt mit ihren Regulierungsw&#252;nschen und -ans&#228;tzen. Auf der anderen Seite die Netzgemeinde, deren Glaubenss&#228;tze f&#252;r die neue digitale Welt inzwischen zuweilen im Wortsinne religi&#246;se Z&#252;ge annehmen. Das hat durchaus Tradition. John Perry Barlow, einer der fr&#252;hen Internetaktivisten, hat schon auf dem World Economic Forum in Davos 1996 gesagt: „Regierungen der industrialisierten Welt, ihr m&#252;den Giganten aus Fleisch und Stahl, lasst uns allein. Ich erkl&#228;re den weltweiten Gesellschaftsraum, den wir aufbauen, als unabh&#228;ngig von der Tyrannei, die ihr uns auferlegen wollt.“</p>
<p>Heute haben wir den weltweiten Gesellschaftsraum, von dem Barlow sprach. Die Regierungen der industrialisierten Welt haben dort wenig zu melden, es sei denn, sie engagieren sich, wie die Volksrepublik China, in der Zensur der Inhalte, um ihre B&#252;rger zu unterdr&#252;cken. Das Fundament f&#252;r diesen Raum sind die Server von Google, Facebook, Amazon. Der weltweite Gesellschaftsraum ist eine US location base. Seine virtuelle Infrastruktur, die unser aller Leben bestimmt, wird in den USA angelegt und betrieben. Von der „Tyrannei“ einiger weniger globaler Konzerne aus den USA, die uns ihre Bedingungen f&#252;r ein Leben im weltweiten Gesellschaftsraum aufdr&#252;cken, ist bislang kein historisches Zitat &#252;berliefert.</p>
<p>Es g&#228;be also Themen, die unter dem Schutz der Meinungsfreiheit kontrovers diskutiert werden m&#252;ssten – analog wie digital. Und es g&#228;be viele Argumente, die eine politische Auseinandersetzung lohnten. Dazu br&#228;uchte es eine echte politische Debatte, der zwischen Netzgemeinde und externer Welt stattf&#228;nden, nicht zwei selbstreferentielle Diskurse, die sich zur Verst&#228;rkung der eigenen &#220;berzeugungen in Angriffen auf die Aliens der jeweils anderen Welt ersch&#246;pfen.</p>
<p>Die Protestwelle um die US-Regulierungen SOPA und PIPA zum Schutz geistigen Eigentums hat gezeigt, wie stark die Netzcommunity geworden ist und wie einflussreich sie agieren kann. So sieht sie aus, die Weiterentwicklung der Demokratie in Zeiten von Social Media und Crowdsourcing. Niemand wird dieses Rad zur&#252;ckdrehen, und das ist gut so. Wenn Menschen ohne technische und rechtliche Zugangsh&#252;rden ihre Meinung zu politischen Fragen kundtun k&#246;nnen, ist immer etwas Gutes f&#252;r die Demokratie erreicht. Mit Einschr&#228;nkungen dieser M&#246;glichkeit und der mit ihr verbundenen fundamentalen Rechte m&#252;ssen wir vorsichtig umgehen. Wenn eine Ma&#223;nahme nicht notwendig und angemessen ist, darf es keine Regulierung geben. Zensurla l&#228;sst gr&#252;&#223;en.</p>
<p>Das bedeutet aber nicht, dass es gar keine Diskussion &#252;ber Regulierung mehr geben darf. Wer glaubt, dass Freiheit im Internet sich allein aus den Marktkr&#228;ften ergibt, glaubt an die Freiheit von Google, Facebook und Amazon. Er glaubt nicht an die Freiheit des Einzelnen und sein Recht auf Meinungs&#228;u&#223;erung, Pers&#246;nlichkeitsschutz, Privatsph&#228;re und Eigentum. Wir m&#252;ssen uns fragen, wie die digitale Infrastruktur unseres Leben aussehen soll, damit alle Freiheiten gesichert werden, von denen der Einzelne ebenso profitiert wie die Gesellschaft im Ganzen. Sich den Detailfragen der Sicherung von Freiheit im und f&#252;r das Netz zu widmen, ist schon Zumutung genug. Es lohnt nicht, sich im Angriff Andersdenkender zu ersch&#246;pfen.</p>
<p>[Handelsblatt vom 2. Februar 2012]</p>
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		<title>Der theoretische Pr&#228;sident</title>
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		<pubDate>Sat, 07 Jan 2012 09:26:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Miriam Meckel</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[Foto, Text siehe auch taz, 7. Januar 2012 Seit Tagen kursiert im Netz ein Video des Komikers Oliver Kalkofe, in dem er die „wahre Presseerkl&#228;rung“ des Bundespr&#228;sidenten abgibt. Das kleine vorweihnachtliche Kabarettst&#252;ckchen greift typische Formulierungen Christian Wulffs auf und macht aus ihnen mit kleinen Ver&#228;nderungen eine Lachnummer. Doch ein Satz ist programmatisch. Er lautet: „Ich [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.miriammeckel.de/wp-content/uploads/2012/01/wulff_charakterlos630x354.jpg"><img class="size-medium wp-image-1750 alignnone" title="wulff_charakterlos630x354" src="http://www.miriammeckel.de/wp-content/uploads/2012/01/wulff_charakterlos630x354-300x168.jpg" alt="" width="300" height="168" /></a></p>
<p><em><a href="http://fakten-fiktionen.net/wp-content/uploads/2012/01/wulff_charakterlos630x354.jpg" target="_blank">Foto</a>, Text siehe auch <a href="http://www.taz.de/Essay-zu-Christian-Wulff/!85163/" target="_blank">taz, 7. Januar 2012</a></em></p>
<p>Seit Tagen kursiert im Netz ein Video des Komikers <a href="http://www.youtube.com/watch?v=dL2T30O2NQs" target="_blank">Oliver Kalkofe</a>, in dem er die „wahre Presseerkl&#228;rung“ des Bundespr&#228;sidenten abgibt. Das kleine vorweihnachtliche Kabarettst&#252;ckchen greift typische Formulierungen Christian Wulffs auf und macht aus ihnen mit kleinen Ver&#228;nderungen eine Lachnummer. Doch ein Satz ist programmatisch. Er lautet: „Ich respektiere die Pressefreiheit. Sie ist ein hohes und – theoretisch – wichtiges Gut.“ Mit diesem einen Satz erfasst Kalkofe das Grundproblem des Bundespr&#228;sidenten Christian Wulff. Wulff wei&#223; – theoretisch – um die Anforderungen an sein Amt und seine Amtsf&#252;hrung. Wulff h&#228;tte – theoretisch – zu Beginn der Kreditaff&#228;re aufkl&#228;ren und damit den ganzen Zauber beenden k&#246;nnen. Wulff h&#228;tte – theoretisch – ein guter Bundespr&#228;sident werden k&#246;nnen.</p>
<p>Angela Merkel wollte einen Berufspolitiker im Bundespr&#228;sidialamt. Nach dem R&#252;cktritt  Horst K&#246;hlers schien das die einzig erfolgversprechende Alternative, um eine Wiederholung zu vermeiden. So kam Christian Wulff ins Amt. Er hat einiges an politischer Erfahrung vorzuweisen. CDU-Mitglied seit seinem 16. Lebensjahr, 16 Jahre Landtagsabgeordneter, 14 Jahre CDU-Vorsitzender in Niedersachsen, sieben Jahre Ministerpr&#228;sident des Bundeslandes. Das sollte reichen. Sogar f&#252;rs Bundespr&#228;sidialamt.</p>
<p>Vielleicht reicht es nicht. Vielleicht reicht die Idee des heutigen Berufspolitikers von seinen Aufgaben und Pflichten nicht mehr aus, um ein Amt auszuf&#252;llen, wie das des Bundespr&#228;sidenten einmal gedacht war. Vielleicht hat SPD-Chef <a href="http://www.dradio.de/dlf/sendungen/interview_dlf/1213864/" target="_blank">Sigmar Gabriel</a> das Problem auf den Punkt gebracht als er stichelte, Wulff bringe nur „eine politische Laufbahn“ mit, sein Gegenkandidat Gauck hingegen habe „ein Leben“ vorzuweisen.</p>
<p>Max Weber spricht in seinem ber&#252;hmten Vortrag zu <a href="http://de.wikisource.org/wiki/Politik_als_Beruf" target="_blank">„Politik als Beruf“</a> aus dem Jahr 1919 von zwei Arten, Politik zu machen: „Entweder man lebt ‚f&#252;r’ die Politik – oder aber: ‚von’ der Politik.“ Christian Wulff hat lange von der Politik gelebt. Ob er f&#252;r sie lebt, steht derzeit wieder einmal in Frage.</p>
<p>Es mag f&#252;r die Bundeskanzlerin bequem sein, einen Berufspolitiker ins Amt zu hieben. Nur ist das Amt des Bundespr&#228;sidenten ja eben keines der Berufspolitik, sondern eines das nahezu &#252;ber den drei Staatsgewalten schwebend betrachtet wird. Als g&#228;nzlich freischwebend ist es allerdings nicht gedacht. Die Anforderungen an moralische Integrit&#228;t, politische Autorit&#228;t und Unabh&#228;ngigkeit sind beim Bundespr&#228;sidenten hoch. W&#228;ren sie es nicht, br&#228;uchten wir dieses Amt nicht mehr.</p>
<p>Christian Wulff wei&#223; das. Theoretisch. Er spricht es bei vielen seiner Auftritte und &#246;ffentlichen Reden an. Und es wirkt immer, als habe da jemand etwas einge&#252;bt, das er aufgenommen, aber doch nicht in seinem Wesenskern begriffen hat. Bei Christian Wulff geht es im gesamten vermeintlichen Aufkl&#228;rungsprozess der Kreditaff&#228;re theoretisch um die Sache. Praktisch geht es um ihn selbst. Christian Wulff fordert Respekt vor dem Amt ein und l&#228;sst diesen doch selbst vermissen. Er will nicht das Amt vor Besch&#228;digung sch&#252;tzen, sondern das, was dieses Amt ihm und seiner Familie erm&#246;glicht. Er ist der engagierteste Personensch&#252;tzer in eigener Sache, den ein Bundespr&#228;sident jemals hatte. In dieser Hinsicht war das <a href="http://www.spiegel.de/video/video-1170428.html" target="_blank">Fernsehinterview</a> am Mittwochabend eine Selbstoffenbarung.</p>
<p>Max Weber sieht drei Voraussetzungen f&#252;r einen guten Politiker. Die leidenschaftliche Hingabe an die Sache, die Verantwortlichkeit gegen&#252;ber der Sache und das Augenma&#223; und Distanz zu den Dingen. Das passt noch heute gut, insbesondere zu den Vorstellungen, die mit dem Amtstr&#228;ger im Bundespr&#228;sidialamt verbunden sind. Soweit die Theorie. Aber was ist mit der Praxis?</p>
<p>Christian Wulffs Umgang mit der Wahrheit ist ein taktischer. Das hat sich selbst mit dem <a href="http://www.n-tv.de/politik/Wulff-Interview-im-Wortlaut-article5138936.html" target="_blank">Fernsehinterview </a>nicht ge&#228;ndert, nach dem die <a href="http://www.tagesschau.de/inland/wulff748.html" target="_blank">BW Bank</a> bereits wieder der Darstellung des Bundespr&#228;sidenten widersprochen hat. Wahrheit ist kein Selbstwert in diesem vermeintlichen Aufkl&#228;rungsprozess. Wahrheit ist ein Instrument, das portioniert zum Einsatz kommt, wenn es nicht mehr anders geht. Selbst die notwendige faktische Aufkl&#228;rung versucht der Bundespr&#228;sident zu seinen Gunsten zu instrumentalisieren und macht daraus eine Transparenz-Offensive, die „unsere Republik offenkundig auch zu mehr Transparenz positiv ver&#228;ndern“ soll. So wird die versp&#228;tete Reaktion in Verteidigung zum proaktiven Impuls f&#252;r unsere politische Kultur umgedeutet.</p>
<p>Es setzt schon eine gewisse Portion Dreistigkeit voraus zu glauben, so einfach k&#246;nne man sich zum politischen Erneuerer stilisieren. Die leidenschaftliche Hingabe an Transparenz (eigentlich nur: das selbstverst&#228;ndliche Ma&#223;) h&#228;tte Wulff in der Landtagssitzung, in der es um seine gesch&#228;ftlichen Beziehungen zu Egon Geerkens ging, und auch bei den ersten Recherchen diverser Medien zu seinem Haus in Hannover beweisen k&#246;nnen. Aber das hat er nicht getan.</p>
<p>Christian Wulff denkt das Amt als seine Errungenschaft, die er so schnell nicht aufgeben will. Er will im Amt bleiben und sich darin sch&#252;tzen. Seine Leidenschaft richtet sich auf die eigene Person, nicht auf das Amt. Damit das nicht noch offenkundiger wird, kann er nicht ‚ich’ sagen kann, wo es n&#246;tig w&#228;re. „Man wird ein bisschen dem&#252;tiger, man wird lebenskl&#252;ger“, mit solchen S&#228;tzen spricht Wulff von sich in der dritten Person, so als ginge es gar nicht um ihn, sondern um irgendeinen bedauernswerten Menschen, den es zu verteidigen gilt. Er h&#228;tte es auch passivisch sagen k&#246;nnen, wie Karl Theodor zu Guttenberg es im Februar 2011 vorgemacht hat: „<a href="http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,746436,00.html" target="_blank">Es wurde zu keinem Zeitpunkt bewusst get&#228;uscht.</a>“</p>
<p>Welche Verantwortlichkeit gegen&#252;ber der Sache m&#246;gen wir einem Bundespr&#228;sidenten zugestehen, der es bei Kritik an seinem Finanz- und Informationsgebaren nicht unterhalb der Kategorie der Menschenrechte macht? Wulff hat Recht mit dem Satz „Es gibt auch Menschenrechte selbst f&#252;r Bundespr&#228;sidenten.“ Offenbar reicht diese allgemeine Annahme aus seiner Sicht aus, missliebige Berichterstattung unterbinden zu k&#246;nnen. Wie schwierig aber die <a href="http://cmiskp.echr.coe.int/tkp197/view.asp?action=html&amp;documentId=699729&amp;portal=hbkm&amp;source=externalbydocnumber&amp;table=F69A27FD8FB86142BF01C1166DEA398649" target="_blank">Abw&#228;gung</a> zwischen Pers&#246;nlichkeitsrecht und dem Grundrecht der Pressefreiheit ist, k&#246;nnte der Bundespr&#228;sident, der auch Jurist ist, wissen.</p>
<p>Theoretisch wei&#223; der Bundespr&#228;sident sicher, dass Pressefreiheit ein hohes Gut ist. Praktisch kann diese Erkenntnis sich bei ihm nicht wirklich durchgesetzt haben. Sonst w&#228;re es schlicht unvorstellbar, dass er unmittelbar nach ein paar allgemeinen Worten zur Pressefreiheit als <a href="http://www.stern.de/politik/zitate-wulff-und-die-pressefreiheit-1769397.html" target="_blank">„beste Grundlage f&#252;r eine erfolgreiche gesellschaftliche Entwicklung“</a> in Kuweit zum Telefon greift und einige Drohungen auf der Mailbox des Bild-Chefredakteurs hinterl&#228;sst. Ist der Mann schizophren? Lebt er in zwei Wirklichkeiten? Nein, er lebt in der Wirklichkeit des Christian Wulff, die Rechte und Anspr&#252;che vor allem in der Verantwortlichkeit f&#252;r die eigene Person und die ihr Nahestehenden kennt. Dieser Wirklichkeit der Wulffs war die Berichterstattung der Bildzeitung &#252;ber das glamour&#246;se Leben des jungen Pr&#228;sidentenpaares lange dienlich. Das ist nun anders. Und dass der Bundespr&#228;sident in dem bizarren &#246;ffentlichen Streit um Mailboxwortlaute nun gerade die Bildzeitung als Retter der Pressefreiheit auf das Schild bef&#246;rdert, ist nur ein weiterer Treppenwitz in seltsamen Zeiten.</p>
<p>Christian Wulff will jetzt lernen, ein guter Bundespr&#228;sident zu sein. Lernen am lebenden Objekt sozusagen. Er kann nicht alle Bundesb&#252;rger einzeln anrufen, um ihnen eine Statusnachricht auf der Mailbox zu hinterlassen. Diesmal nicht „bin auf dem Weg zum Emir“, sondern:„bin auf dem Weg zu mir.“ Aber er will im Umgang mit seinen Fehlern „Lernfortschritte unter Beweis stellen“. Stellt er sich k&#252;nftig selbst ein Halbjahreszeugnis &#252;ber diese Fortschritte aus? Und wo soll der Lernprozess enden? In der Perfektion eines Pr&#228;sidentendarstellers, dem es immer besser gelingt, die Rolle der obersten politischen Autorit&#228;t in Deutschland zu spielen? Theoretisch ist Wulff sicher in der Lage, praktisch dazuzulernen. Ob er dadurch an Augenma&#223; und Distanz zu den Dingen, vor allem zu sich selbst gewinnt, wei&#223; keiner.</p>
<p>Ist es spie&#223;ig, altmodisch oder weltfremd, sich einen Bundespr&#228;sidenten zu w&#252;nschen, der die Lernprozesse f&#252;r das Amt vor Amtsantritt durchlaufen hat? Der als moralische Autorit&#228;t gilt und zu wichtigen Fragen der Zeit Stellung nehmen kann, ohne st&#228;ndig durch die eigenen Vorbelastungen schon bei Begriffen wie „rechtens“, „Kredit“ oder „Pressefreiheit“ stumm bleiben zu m&#252;ssen? Der das Amt als Gabe und sich selbst als zeitlich begrenzten Amtstr&#228;ger sieht? Wenn das spie&#223;ig, altmodisch oder weltfremd ist, dann gilt das auch f&#252;r Amt des Bundespr&#228;sidenten. Dann brauchen wir es nicht mehr.</p>
<p>Ganz unabh&#228;ngig von diesem speziellen Amt aber gilt: Politiker wie Christian Wulff, die ein Amt vor allem als Karriereplattform, Wahrheit als taktisches Instrument und Pressefreiheit als theoretische Herausforderung ansehen, schaden dem Berufsstand der Politiker, vor allem aber der politischen Kultur, denn sie lassen das Vertrauen der B&#252;rger in die Politik weiter degenerieren. Wenn nicht mal der erste Mann im Staate beispielgebend daf&#252;r ist, dass er nicht nur ‚von’, sondern vor allem ‚f&#252;r’ die Politik, sprich das politische Wohlergehen eines Landes lebt, dann d&#252;rfen wir uns &#252;ber die vielen anderen, die Amts- und pers&#246;nliche Interessen locker vermischen, nicht wundern. Dann wird die politische Ich-AG zum Normalfall. Dann sch&#252;tzt uns nichts mehr vor den politischen Personensch&#252;tzern in eigener Sache.</p>
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		<title>Was frei sein will &#8230;</title>
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		<pubDate>Fri, 30 Dec 2011 10:31:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Miriam Meckel</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[So k&#246;nnte es auch im Moment Null nach dem Armageddon aussehen. Weite Fl&#228;chen mit Flecken von verbranntem Gras, mittendrin die H&#252;lle eines gelben Schulbusses und ein paar weitere Autowracks. Im Hintergrund die Berge in milchig-glei&#223;endem Licht. Hier wohnt kein Mensch, hier ist nur Stille. Ich stapfe in br&#252;llender Hitze durch die Landschaft und frage mich: [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.miriammeckel.de/wp-content/uploads/2011/12/Terlingua_Landscape.jpg"><img class="size-medium wp-image-1745 alignnone" title="SONY DSC" src="http://www.miriammeckel.de/wp-content/uploads/2011/12/Terlingua_Landscape-300x199.jpg" alt="" width="300" height="199" /></a></p>
<p>So k&#246;nnte es auch im Moment Null nach dem Armageddon aussehen. Weite Fl&#228;chen mit Flecken von verbranntem Gras, mittendrin die H&#252;lle eines gelben Schulbusses und ein paar weitere Autowracks. Im Hintergrund die Berge in milchig-glei&#223;endem Licht. Hier wohnt kein Mensch, hier ist nur Stille.</p>
<p>Ich stapfe in br&#252;llender Hitze durch die Landschaft und frage mich: Was kommt hier noch. Das Auto habe ich mitten im Big Bend Park abgestellt, am Abzweig zu einer Stadt, die keine ist: Terlingua, Texas. Hier kann kein Mensch leben. Nach gut einer Stunde scheinen doch ein paar H&#228;user am Horizont auf, H&#252;tten eher aus Holz und Wellblech, dazwischen ein paar bunt bemalte Caravans, die Jahrzehnte nicht mehr bewegt wurden. Das sind die Ausl&#228;ufer von Terlingua, dem Bergbau- und Quecksilberst&#228;dtchen an der Wende zum 20. Jahrhundert. Heute ist es eine Geisterstadt.</p>
<p>Terlingua hat ein Zentrum, in dem ein Rest des wilden und mond&#228;nen Lebens der Goldgr&#228;berzeit zu finden ist – das Starlight Theater. Ein alter, inzwischen modernisierter Schuppen, in dem jeden Abend irgendein verr&#252;ckter, einsamer Musiker seine Countrysongs zum Besten gibt. Dabei sitzt die &#252;berschaubare Zahl an G&#228;sten an der Theke und schl&#252;rft Margaritas f&#252;r zwei Dollar w&#228;hrend einer nie endenden „Happy Hour“.</p>
<p>Meinen Thekennachbarn stellt sich als britischer Musiker heraus. Er lebt seit zw&#246;lf Jahren in Terlingua, einer von 40 Anwohnern in dieser endlosen Ein&#246;de. „Was machst du hier so?“, frage ich ihn. Denkpause. „Ich stehe auf und gehe ein bisschen herum.“ Er kratzt sich am Kopf, um das Denken anzuregen. „Dann trinke ich meinen Kaffee und lese ein bisschen.“ Eine weitere Denkpause. „Und manchmal komponiere ich nachmittags einen Song“, schiebt er nach. „Manchmal aber auch nicht.“</p>
<p>Seit zwei Stunden sitzen wir nun an dieser Bar, trinken eine Margarita nach der anderen. Ich bin wie festgewachsen, w&#252;rde gerne f&#252;r immer bleiben. Diese Ruhe. Nichts Getriebenes ist hier. Einsamkeit und Weltenferne. Dann zieht mein Nachbar sein Handy aus der Tasche und checkt seine Emails. In diesem Laden am Ende der Welt gibt es bestes Breitband-Wifi. „Information wants to be free“, hat Stewart Brand 1984 auf der Hackers Konferenz in Kalifornien gesagt. Hier ist der Beweis: sie reist sogar bis in diese Geisterstadt.</p>
<p>Bewegt von dem Gef&#252;hl, meinen noch freien Platz in der Welt gefunden zu haben, versuche ich mich im Smalltalk, rede &#252;ber die wunderbare Landschaft, die Berge, den Rio Grande, der m&#228;chtig durch diese Gegend flie&#223;t. Mein Thekennachbar h&#246;rt stoisch zu, ohne ein Wort zu sagen. „Es ist Wahnsinn, am Rio Grande entlangzufahren. Man k&#246;nnte glatt r&#252;berschwimmen, und schon w&#228;r man in Mexiko“, plaudere ich vor mich hin. Pause. Der Mann nimmt den letzten Schluck seiner Margarita und dreht sich nochmal halb zu mir um. „Wag nicht mal, dran zu denken“, sagt er und geht.</p>
<p><a href="http://www.spiegel.de/reise/aktuell/0,1518,805355-2,00.html" target="_blank">Spiegel Online</a></p>
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		<title>Weltbesuch</title>
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		<pubDate>Sat, 24 Dec 2011 12:32:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Miriam Meckel</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Acht Mal klingelt es an der T&#252;r, acht Mal ein leicht gezogenes &#8216;riiing&#8217;. Entnervt durch die penetrante Bel&#228;stigung rei&#223;e ich die T&#252;r auf und starre feindselig auf den Menschen, der da steht. Ein junger Mann, ganz in wei&#223; gekleidet mit weichen Z&#252;gen und lockigem Haar, oder ist es ein M&#228;dchen? &#8216;Ja bitte&#8217;, sage ich und [...]]]></description>
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<p>Acht Mal klingelt es an der T&#252;r, acht Mal ein leicht gezogenes &#8216;riiing&#8217;.<br />
Entnervt durch die penetrante Bel&#228;stigung rei&#223;e ich die T&#252;r auf und starre feindselig auf den Menschen, der da steht. Ein junger Mann, ganz in wei&#223; gekleidet mit weichen Z&#252;gen und lockigem Haar, oder ist es ein M&#228;dchen?<br />
&#8216;Ja bitte&#8217;, sage ich und meine &#8216;bitte nein&#8217;.<br />
&#8216;Ich bringe Euch gute Nachrichten&#8217;, sagt der junge Mann.<br />
&#8216;Was f&#252;r gute Nachrichten?&#8217; frage ich skeptisch.<br />
&#8216;Umf&#228;ngliche&#8217;, antwortet der junge Mann mit offenem Blick.<br />
&#8216;Gute Nachrichten werden nicht spontan &#252;berbracht&#8217;, wende ich ein, &#8216;und schon gar nicht in gro&#223;en Mengen&#8217;.<br />
Wir stehen uns gegen&#252;ber. Einen kurzen Augenblick sieht es aus, als w&#252;rde sein Gesicht durchsichtig, das des jungen Mannes oder M&#228;dchens, und die Welt schiene hindurch. Dann hebt sich der Kopf ein wenig an.<br />
&#8216;Der Zufall kehrt ins Leben zur&#252;ck&#8217;, sagt er langsam und getragen.<br />
&#8216;Oh Gott&#8217;, rufe ich und schlage ihm die T&#252;r vor der Nase zu.<br />
Ich lehne meinen Kopf an das undurchsichtige Glas der Haust&#252;r und atme einige Male tief durch. Ein einzelner Schwei&#223;tropfen l&#228;uft mit den R&#252;cken herunter zwischen den Schulterbl&#228;ttern hindurch. Und meine Stirn klebt am Glas.<br />
Eine Stunde lang wandere ich durch die Wohnung wie ein gefangenes Tier, erst dann traue ich mich wieder zur Haust&#252;r. Ich &#246;ffne sie einen Spalt breit und luge hinaus. Da ist niemand mehr,<br />
Als ich die T&#252;r wieder schlie&#223;en will, f&#228;llt ein Lichtschein aus der Wohnung auf die oberste Treppenstufe. Auf einen Fu&#223;abdruck im Schnee.<br />
Dabei hat es gar nicht geschneit.<br />
Es ist sowieso viel zu warm, f&#252;r die Jahreszeit.</p>
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