Miriam Meckel http://www.miriammeckel.de Hier habt Ihr die Gelegenheit, Eure Gedanken loszuwerden und neue Ideen in den Webdiskurs einzuspeisen. Für meine Studentinnen und Studenten soll dieser Blog die Gelegenheit bieten, sich untereinander und mit mir auch außerhalb von Vorlesungen und Seminaren auszutauschen. Aber er ist auch eine offene Plattform für alle, die gerne mitreden und dabei auch etwas zu sagen haben. Fri, 23 Jun 2017 09:56:27 +0000 de-DE hourly 1 Amazon: das Unternehmen für alles http://www.miriammeckel.de/2017/06/23/amazon-das-unternehmen-fuer-alles/ Fri, 23 Jun 2017 09:56:27 +0000 http://www.miriammeckel.de/?p=2776

Die Chefs der IT-Konzerne haben sich wieder bei US-Präsident Trump getroffen, um ihm bei der Digitalisierung zu helfen. Derweil schreiben sie längst auch in der realen Welt die Geschichte des Wettbewerbs neu.

Gerade mal einen Monat ist es her, dass ein amerikanisches Wirtschaftsmagazin eine Warnung an Amazon-Chef Jeff Bezos aussendete: „Sie sind hinter dir her, Bezos“, schrieb die „Bloomberg Businessweek“ auf ihrem Titel und meinte den größten US-Einzelhändler Walmart, der mit einem neuen Plan zum Angriff auf Amazon blase. Inzwischen hat Amazon zum Angriff auf Walmart geblasen. Für 13,7 Milliarden Dollar will es den weltweit größten Biohändler Whole Foods übernehmen – ein nächster Schritt, Walmart das Leben schwerer und Amazon zum Unternehmen für alles zu machen.

Das ist ein kluger strategischer Schachzug von Jeff Bezos, den ein Bieterwettbewerb vielleicht noch erschweren mag. Kartellrechtlich dürfte die Sache glattlaufen. Amazon ist im Lebensmittelhandel bislang der David mit 0,2 Prozent Marktanteil für seinen Lieferservice Fresh, Walmart mit 15 Prozent Marktanteil der Goliath. Das ist so die Sicht, die man auf die Sache hat, wenn man die tradierten Kategorien des Kartell- und Wettbewerbsrechts anwendet. Und da liegt das Problem. Die erfassen nämlich längst nicht mehr, was hier geschieht.

Wettbewerb heißt für den Kunden: bessere Leistungen, neue Produkte, niedrigere Preise. Kann das auch in diesem Fall funktionieren? Amazon wäre mit dem eigenen Lebensmittelvertrieb Fresh vermutlich sehr lange in den roten Zahlen stecken geblieben, denn es ist mühsam und teuer, frische Ware für den Versand vorzuhalten. Mit dem geplanten Deal bekommt Amazon Zugriff auf Hunderte von Whole-Foods-Filialen, erwirbt also auf einen Schlag einen gut strukturierten Vertrieb und einen eingebauten Großkunden. Whole Foods braucht kontinuierlich frische Ware. Die wird der Biohändler künftig ganz sicher von Amazon beziehen.

Es wird damit für Amazon vielfach leichter, sein Einzelhandelsgeschäft auszubauen. Das wächst auf solidem Fundament und in einem Tempo, bei dem bestehende Konkurrenten oder Marktneulinge es schwer haben. Das Unternehmen ist rege dabei, sich selbst, seine Produkte und die Märkte, für die sie gemacht werden, immer wieder neu zu erfinden, stationäres und Onlinegeschäft zu integrieren.

Doch Innovation gibt’s nur so lange, wie monopolartige Strukturen nicht zur inneren Lähmung führen. Und auch wenn Amazon sich nach der Übernahme des Onlineschuhhändlers Zappos zunächst selbst Konkurrenz gemacht hat, bleibt es eine Frage von Glaube, Liebe, Hoffnung, ob die Kunden bei den Preisen dauerhaft von der Übernahme profitieren können.

Der Deal setzt auf die erste Silbe in Whole Foods. Whole heißt ganzheitlich, und das beschreibt ziemlich genau die Strategie von Amazon, dem Unternehmen, das früher einmal ein Onlinehändler war. Amazon will sich in Zukunft von jeder denkbaren ökonomischen Transaktion eine Scheibe abschneiden. Aus Amazon Web Services (AWS) wird dann ganz schnell Amazon World Services.

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Innovations-Jetlag http://www.miriammeckel.de/2017/06/16/innovations-jetlag/ Fri, 16 Jun 2017 10:02:13 +0000 http://www.miriammeckel.de/?p=2771

Apple verliert an der Börse. Ein kleiner Absturz oder ein erstes Anzeichen für einen gefährlichen Innovations-Jetlag?

Es mag ein Zufall gewesen sein. Just am Tag des Kursabsturzes veröffentlichte die Investmentbank Goldman Sachs einen kritischen Bericht über die fünf großen US-Techunternehmen (Facebook, Amazon, Apple, Microsoft, Alphabet). Aber an Zufälle glaubt man an den Finanzmärkten selten. In dem Bericht stehen ein paar dezidierte Warnungen: Überbewertet und unbeweglich seien die Techgiganten, sie ähnelten inzwischen Versorgungsunternehmen.

Versorgungsunternehmen sind sexy wie Bügelbretter und noch weit weniger beweglich. Der Begriff ist also eine Ohrfeige für die Techbranche, die sich noch immer als Vorreiterin bei allem Fortschritt sieht. Und die Goldman-Analyse gibt Hinweise darauf, dass längst nicht alle Unternehmen gut genug auf die bevorstehende tief greifende nächste Transformation durch künstliche Intelligenz (KI) oder Machine Learning eingerichtet sind.

Nirgendwo ist Geschwindigkeit bedeutsamer als im Techsektor. Wer als Erster den Markt besetzt und die Kunden mit den eigenen Produkten vertraut macht, hat gute Chancen. Apple läuft hinterher. Das Unternehmen hat zu lange auf die Kraft des Bestehenden und die Faszination schöner Geräte gesetzt. In Zukunft entscheidet ein unsichtbarer Wettbewerbsvorteil über Geschäftsmodell und Marktpotenzial: das Sammeln von Daten und ihre Analyse.

Apple hat auf seiner Entwicklerkonferenz soeben wieder wenig Neues präsentiert. Klar, das Unternehmen bietet nun auch einen sprachgesteuerten intelligenten Lautsprecher an, aber den hat Amazon schon lange im Programm. Klar, das iPhone ist noch immer Umsatzbringer Nummer eins, aber 2016 gingen die Verkaufszahlen zum ersten Mal im Jahresvergleich zurück – ein Zeichen für Marktsättigung. Das iPhone wird nicht reichen, um die Zukunft zu gewinnen. Innovation verzweifelt gesucht …

Um den Innovations-Jetlag aufzuholen, müsste Apple eine radikale Wende vollziehen: weg vom Designfokus, hin zu echter Forschung. Auf den internationalen Konferenzen trifft man viele Forscherinnen und Forscher anderer Techunternehmen. Apple glänzte bislang durch Abwesenheit. Unter Tim Cook hat sich Apple auf den Datenschutz konzentriert und als Anti-Google positioniert. Das ist super für die iPhone-Kunden, aber steht leider konträr zu den Erfordernissen der KI-Zeit. Datensammeln ist da die Voraussetzung von allem.

Im vergangenen Jahr hat Apple begonnen, auch die Daten für Machine Learning konsequent zu verschlüsseln. Das könnte ein Wettbewerbsvorteil der Zukunft sein, wenn es dem Konzern gelänge, den Ansatz weiterzuentwickeln und gleichzeitig die vergangenen Versäumnisse aufzuholen. Im Moment ähnelt das Unternehmen eher dem griechischen Läufer Achill, der sich ein Wettrennen mit einer Schildkröte liefert. Sosehr er sich bemüht, er wird ihren Vorsprung nicht einholen. Der Vorsprung wird unendlich kleiner, aber bleibt. Die Schildkröte mag auch unbeweglich sein, aber sie ist früher gestartet.

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Rückkehr zur Stammesgesellschaft http://www.miriammeckel.de/2017/06/12/rueckkehr-zur-stammesgesellschaft/ Mon, 12 Jun 2017 05:16:22 +0000 http://www.miriammeckel.de/?p=2764

Der Mensch ist begabt zur radikalen Zuversicht. Das ist ein großes Geschenk. Wir tauschen es gerade gegen den Abwehrreflex.

Ein lebensgefährlicher Ausflug? Wer am vergangenen Wochenende in der britischen Hauptstadt auf der London Bridge oder am Borough Market unterwegs war, hat sich das nicht vorstellen können. Für 48 Menschen wurde er es. Für sieben war er gar tödlich.

Mehrere Anschläge haben am Mittwoch die iranische Hauptstadt Teheran erschüttert. Auch hier bekannte sich, wie in London, der sogenannte „Islamische Staat“ („IS“) zu den Anschlägen.

Die allgegenwärtige terroristische Bedrohung ist das eine Problem. Das viel größere ist die Überforderung derjenigen, die uns vor ihr schützen sollen. Die „wehrhafte“ Demokratie, wie sie als Gedanke im Grundgesetz angelegt ist, erscheint derzeit in vielen Staaten löchriger als ein Sieb. Deutsche Behörden haben im Fall des Berliner Weihnachtsmarktattentäters Anis Amri immer wieder neue Versäumnisse, Inkompetenz oder einfach auch mangelnde Aktivität zu erklären versucht – ein Armutszeugnis für Deutschland. In Großbritannien sieht es nicht besser aus. Auch hier sind die Behörden manch einem Hinweis auf die Attentäter nicht nachgegangen. Zynische Randerscheinung: Einer der drei Männer war sogar in einer Reportage des britischen Fernsehsenders Channel 4 zu sehen gewesen, betend vor einer Flagge des „IS“. Titel der Sendung: „Die Dschihadisten von nebenan“.

Die Täter sitzen um die Ecke, und keiner merkt es. Aber sehr viele Menschen merken, dass sich hier gerade etwas verändert. Vom Globalisierungsschub der offenen Welt- und Handelsbeziehungen wird umgeschaltet. Volle Schubumkehr zurück in die Stammesgesellschaft. Mein Stamm – dein Stamm, das ist die neue Unterscheidung.

Marshall McLuhan, der kanadische Medientheoretiker, hat bereits Anfang der Sechzigerjahre vorhergesagt, dass die Globalisierung die Menschheit wieder auf das Denken der Stammesgesellschaften zurückführen wird. Wir rücken in der Welt zusammen und haben uns alle lieb? Dafür gibt es kein einziges Anzeichen, so McLuhan.

Der Schutzbedarf des Einzelnen schrumpft nicht, je offener und vernetzter die Welt wird, in der er lebt. Er steigt. Im Idealfall einer friedlichen Weltordnung muss ein Staat die Mittel der Abwehr nicht einsetzen. Aber wo gibt es den Idealfall?

Das Behördenversagen im Kampf gegen den Terrorismus ist für die Schubumkehr in vielen westlichen Gesellschaften mit verantwortlich. Der Welt offen entgegentreten kann nur, wer darauf vertrauen darf, dass er doch immer gegen das Schlimmste geschützt wird.

Ironie der Geschichte: Mit der Rückkehr zur Stammesgesellschaft verabschieden wir uns nicht nur von der Möglichkeit, den globalen Terrorismus gemeinsam zu bekämpfen, weil es anders gar nicht geht. Wir verabschieden uns auch von den Versprechen auf wachsenden Wohlstand und bessere Lebensbedingungen. Ökonomisch gesehen sind wir irgendwann auf dem Weg zurück zum Dorfplatz mit Brunnen und Gütertausch. Was also bleibt dann von der radikalen Zuversicht? Das Adjektiv.

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Der Terminator http://www.miriammeckel.de/2017/06/02/der-terminator/ Fri, 02 Jun 2017 16:38:26 +0000 http://www.miriammeckel.de/?p=2744

Donald Trumps Politik ist Fake News. Und ein großer Betrug an der amerikanischen Mittelklasse, die ihn gewählt hat.

Der Ausstieg aus dem Pariser Klimaabkommen war nur der Gipfel einer steinigen Woche, der Höhepunkt einer kumulierten Kombination aus Größenwahn und Ignoranz. Bei seiner ersten Auslandsreise rempelte der US-Präsident sich bar jeder Vorbereitung oder Kenntnis durchs politische Geschehen. Freihandel? Zur Worthülse verkommen. Klimaschutz? Braucht es nicht, Wetter war doch gut. Gedenken an die sechs Millionen jüdischen Opfer des Holocaust? „So amazing!“ Das alles kam den von Donald Trump strategisch so gehassten Fake News ziemlich nahe. Nicht faktensicher und bar jeder sozialen und historischen Kontextuierung.

Der wahre Knaller aber ist der Haushaltsentwurf, den das Weiße Haus unmittelbar vor der Reise vorgelegt hatte, denn der zeigt: Bei Trump ist im Budgethimmel Jahrmarkt.

Weil sich die Wirtschaft so prima entwickelt, will Trump in den nächsten zehn Jahren 5,6 Billionen Dollar Defizit abbauen. Dazu will er 3,6 Billionen einsparen, die restlichen zwei Billionen sind Mehreinnahmen aus dem hervorragend prognostizierten Wachstum von drei Prozent. Leider glaubt außer dem Weißen Haus niemand an dieses Zahlenspiel. Das Haushaltsbüro des Kongresses rechnet mit einem Wachstum von deutlich weniger als zwei Prozent. Die US-Notenbank liegt noch darunter.

Trump will außerdem eine Steuerreform angehen, die aufkommensneutral umgesetzt werden soll. Dann müsste er entweder die Steuerbasis verbreitern und Schlupflöcher stopfen. Oder er rechnet damit, dass die Steuersenkungen sich durch zusätzliches Wachstum selbst finanzieren. Man braucht schon ziemlich viel magisches Denken, um an das Gelingen dieser Versuchsanordnung zu glauben. Manisch wird dieses Denken allerdings, wenn dasselbe zusätzliche Wachstum gleich zwei Mal Mindereinnahmen gegenfinanzieren soll: einmal den Schuldenabbau und einmal die Steuererleichterungen. Eins rechts, eins links, und den Verstand fallenlassen. Das ist Fiskalvoodoo.

Die Püppchen, die der US-Präsident damit aufspießt, sind seine Kernwähler. Die amerikanische Mittelschicht hat zu großen Teilen Trump gewählt, weil sie von Washington und der politischen Klasse enttäuscht sind. Trump redet ihnen nach dem Mund und sich seine Welt skrupellos schön. Natürlich wird dieses Budget so nicht umgesetzt werden. Aber die Linien sind klar angelegt. Der einzige Posten, der steigt, sind die Verteidigungsausgaben. Bildung und Ausbildung, Stipendienprogramme, Suchtbekämpfung, vieles, worauf auch die Mittelschicht angewiesen ist, wird gekappt.

Es lohnte sich, dieser Tage noch einmal die Folge der US-Serie „House of Cards“ anzusehen, in der Frank Underwood, fiktiver US-Präsident, eine Fernsehansprache an sein Volk hält, um radikale Kürzungen der Sozialprogramme anzukündigen. Der zentrale Satz lautet: „You are entitled to nothing.“ Ihr habt auf gar nichts Anspruch. Das ist ein programmatischer Satz für Serie und Wirklichkeit. Nicht nur die internationale Staatengemeinschaft und Europa müssen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Das gilt für jede Amerikanerin und jeden Amerikaner. Im Guten war das mal der amerikanische Traum. Heute ist es der amerikanische Albtraum.

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Die Furcht vor großem Denken http://www.miriammeckel.de/2017/05/26/die-furcht-vor-grossem-denken/ Fri, 26 May 2017 13:35:09 +0000 http://www.miriammeckel.de/?p=2737

Mit den 54 Milliarden Euro Steuermehreinnahmen kann man die Bürger entlasten. Oder Deutschland digital anschlussfähig machen.

Wo ist er hin, der Mut mal einen richtig großen Schritt Richtung Zukunft zu gehen? Wir könnten Deutschland in die Poleposition bringen. Mal eine politische Entscheidung der Vernunft treffen zugunsten der Generationen, die nach uns kommen. Mal nicht am Tisch der großkoalitionären Kompromisse am kleinsten gemeinsamen Nenner kleben bleiben.

Bis zum Jahr 2021 wird der Staat nach Berechnungen des Arbeitskreises Steuerschätzung 54 Milliarden Euro mehr Steuereinnahmen verbuchen als bislang geplant. Das ist eine gute Nachricht. Die schlechte folgt noch über dem Strich. CSU-Chef Horst Seehofer verspricht für die kommende Legislaturperiode eine „große, wuchtige Steuerreform“. Hörte man von irgendeiner politischen Seite wenigstens mal eine große wuchtige Idee, wie man das Geld zugunsten zukünftigen Wohlstands und gleichbleibender Wettbewerbsfähigkeit einsetzen könnte, es gäbe wenigstens die Chance auf eine Debatte, wie Deutschland seine Zukunft denken will. Aber die Ambitionen zu solchen visionären Gedanken liegen bei allen Parteien auch im Monat Mai noch im Winterschlaf.

Unterm Strich kriegen wir also wieder Weihnachten im Sommer – einen Wahlkampf der Steuerentlastungspläne, der sich nur um die Frage dreht: Wer verspricht mehr? Doch die Versprechen werden in den Runden zur Aushandlung einer nächsten Koalition einige der Gaben sein, die so lange unter dem Weihnachtsbaum ein- und wieder ausgewickelt werden, bis nur Packpapier übrig bleibt.

Es ist richtig, den Bürgerinnen und Bürgern etwas zurückzugeben, wenn sich die Staatsfinanzen besser gestalten als erwartet. Aber es gibt auch Probleme, die sich nicht allein im Vertrauen darauf lösen lassen, dass jeder Einzelne schon freiwillig dazu beitragen wird. Dazu gehört Deutschlands miserabler Fortschritt bei der Digitalisierung. Allein 23.000 Gewerbegebiete werden ihrem Namen nicht mehr gerecht, weil dort digital nichts läuft. Die Leitung, auf der die Politik in Berlin steht, gibt’s da gar nicht.

Warum hat niemand den Mut, mal groß zu denken? 80 Milliarden Euro wird es kosten, ganz Deutschland mit einem schnellen Glasfasernetz auszustatten. Jetzt ist die Zeit, das zu tun. Und dabei gibt es gleich noch die Chance auf eine kleine politische Gewinnmitnahme. Immer wieder wird am deutschen Handelsbilanzüberschuss herumkritisiert. Mit solch einem Investitionsvolumen hätte man ein handfestes Argument, um es den Dauernörglern entgegenzuhalten. Schließlich: Auch für die Bildung wäre das ein Riesenschritt. Deutschland hat keine Ressourcen außer hervorragend ausgebildete junge Menschen, die nächsten Unternehmerinnen der Digitalzeit.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat den großen Steuerentlastungsplänen zwar eine Absage erteilt. 15 Milliarden Euro sind mit ihr drin. Auf die Ideen für digitales Wachstum warten wir noch. Auf jedes Investitionstöpfchen kommt ein Deckel. Auf jedes Köpfchen leider auch.

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Der Neuling und die Etablierte http://www.miriammeckel.de/2017/05/17/der-neuling-und-die-etablierte/ Wed, 17 May 2017 07:03:43 +0000 http://www.miriammeckel.de/?p=2724

Emmanuel Macrons Sieg ist ein Weckruf für Europa: Weiter so geht nicht mehr. Das sollte auch Berlin beherzigen.

Es gibt zwei Arten von Kriegsreportern, die lebensgefährdet sind. Solche, die neu dabei sind, und solche, die schon lange dabei sind. So ähnlich ist das auch in der europäischen Politik. Emmanuel Macron, dem jungen wirtschaftsliberalen Sieger der französischen Präsidentschaftswahl, gebührt der Respekt und Dank all derer, die zu Recht gefürchtet haben, was bei anderem Ausgang der Wahl auf dem Spiel gestanden hätte. Europa nämlich. 60 Jahre harte Arbeit an der politischen Befriedung durch Integration, am wirtschaftlichen Wachstum durch den Binnenmarkt. Macron ist frisch im Geschäft. Er muss von nun an galant auf den Kompromisslinien balancieren, die er nicht selbst gezogen hat. Und er könnte schneller abstürzen, als selbst Bösgläubige sich wünschen mögen. Angela Merkel, die erfahrene Regierungschefin, die sich mithilfe eines lebenden Sparbuchs in Gestalt ihres Finanzministers durch die Euro-Krise gerettet hat, ist lange im Amt. Mit fast zwölf Jahren zu lange, glaubt manch ein Beobachter. Im Mai 2010 sagte sie: „Scheitert der Euro, scheitert Europa.“ Sieben Jahre später wissen wir, dass Europa auch ganz anders scheitern kann als durch den Euro. Durch Kriege in anderen Teilen der Welt, die eine millionenfache Flucht gen Westen auslösen, durch Terror, durch Ermüdungsbrüche im Gerüst der EU. Auch durch hartnäckigen Nationalismus und populistische Bewegungen, die den Bürgerinnen und Bürgern versprechen, man könne die Zeit zurückdrehen und die Welt vom Fortschritt der vergangenen Jahrzehnte „befreien“.

Der Neuling und die Etablierte, sie müssen miteinander arbeiten. Nur über die deutsch-französische Achse wird eine Übersetzung gelingen, die den europäischen Wachstums- und Integrationsmotor wieder anspringen lässt. Macron will dazu zwei Dinge angehen: Reformen im eigenen Land, auch um endlich wieder die Stabilitätskriterien einhalten zu können. Aber er fordert ebenso eine fundamentale Reform für die politische Führung der Euro-Zone. Mittelfristig muss die Europäische Union (EU) in der Verteidigungs-, Sicherheits- und Migrationspolitik enger zusammenarbeiten. So weit, so gut. Wenn es aber an die Finanzierung des Ganzen geht, drehen in Berlin sofort wieder alle am Rad. Keine 24 Stunden nach der Wahl sendete die Bundeskanzlerin ihr Warnsignal Richtung Paris: keine Änderung der deutschen Politik. Der Wahlsieg Macrons hat eine echte Bewegung erzeugt. Es wird schwer genug sein, das Momentum zu halten und weiterzuentwickeln. Ihn hochleben zu lassen für den Sieg, um ihm noch im Jubelsprung öffentlich ins Knie zu schießen, ist schlicht bigott. Offenbar fehlt es in der Bundesregierung an echter Erkenntnis und Überzeugung, dass diese Chance eines europäischen Neuanfangs so schnell nicht wieder kommt. Europa ist nicht selbstverständlich. Es ist dem Teufel des Retronationalismus gerade noch mal von der Gabel gesprungen. Wer glaubt, das hieße „weiter so“, agiert blasiert. Man kann sich Europa sparen, wenn man meint, es ginge auch ohne. Ersparen kann man es sich nicht.

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Reaktion und Gegenreaktion http://www.miriammeckel.de/2017/05/10/reaktion-und-gegenreaktion/ Wed, 10 May 2017 13:42:27 +0000 http://www.miriammeckel.de/?p=2715

Es gelingt keinem politischen Kopf, Fortschritt als Chance zu erklären. Der gesellschaftliche Geist, er ist auf Grund gelaufen.

Es ist eine Selbstverständlichkeit, die das dritte Newton’sche Gesetz heute atmet. Aktion und Reaktion stehen in Wechselwirkung. Jede Aktion erzeugt eine gleich große Reaktion, die auf den Verursacher zurückwirkt. Das ist Physik. Erst einmal. Und es ist auch Politik oder vielmehr: Gesellschaftskunde. Die Banalität dieses Gesetzes wird nämlich ganz schnell böse, wenn man sie aus der Mechanik der Körperphysik ins Licht der Zeitläufte zerrt.

Da stehen sich dann ganz andere Kräfte gegenüber, die der liberalen Ordnung und der Verteidigung von Vergangenem. Sie kämpfen sehr hör- und sichtbar gegeneinander, vor allem an den Fronten der Globalisierung. Die britische Entscheidung zum Austritt aus der EU, die längst in der Illusionswelt des Gestrigen stecken geblieben ist, die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten aufgrund wirtschaftspolitischer Versprechen aus den Anfängen des Industriezeitalters und der Aufstieg rechter Parteien in vielen europäischen Ländern zeugen davon, dass gerüstet wird für die politische Wechselwirkung. Der Gegenschlag gegen den vermeintlich aktionistisch vorangetriebenen Liberalismus steht bevor. So wünschen es sich die Kadetten der politischen Nostalgie.

Vielleicht werden sie in diesem Jahrzehnt einen interimistischen Sieg davontragen. Das kann geschehen, wusste schon Joseph de Maistre, Angehöriger des katholischen Adels, der angesichts der Französischen Revolution Ende des 18. Jahrhunderts zum ersten Mal das reaktionäre Denken als Gegenstrategie zum Terror der Revolution beschrieb. Er war Vertreter der Gegenaufklärung. Die setzt, ganz im Newton’schen Sinne ein, wenn Nostalgie von der Hilfe zum Hindernis wird.

Psychologische Forschung zeigt, dass Nostalgie den Wandel erst erträglich macht. Aus der Erinnerung an das, was einst gut und schön war, entsteht Vergewisserung: Es kann wieder so werden. Aber Politik ist eben nicht Physik. Und so kann die Gegenreaktion auch ganz unproportional ausfallen. Dann wird Nostalgie zur Ideologie im Kampf ums Gestern.

Zurzeit gelingt es keinem führenden politischen Kopf, die Geschichte des Fortschritts über die Chancen zu erzählen, die mit ihm verbunden sind. Der Geist der Modernisierung ist irgendwie auf Grund gelaufen. Einst schrieb der kolumbianische Philosoph Nicolás Gómez Dávila: „Der Reaktionär ist die Reaktion auf den Aktionär.“ Den Satz eines weiteren radikalen Vertreters der Gegenaufklärung versteht man heute kaum mehr, weil „Aktionär“ in der deutschen Sprache nur mehr für Anteilseigner steht.

Warum eigentlich überlassen es die Aktionäre allein der Politik, überzeugend vom Fortschritt zu erzählen? Als Anteilseigner an den Unternehmen sind sie die wichtigsten Protagonisten der Modernisierung. Ihre Treuepflicht gilt nicht nur dem Unternehmen, an dem sie beteiligt sind. Sie gilt auch dem größeren Ganzen. Noch nie ist die Wirtschaft am Reaktionär gewachsen.

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Business Feminismus? http://www.miriammeckel.de/2017/05/06/business-feminismus/ Sat, 06 May 2017 16:52:55 +0000 http://www.miriammeckel.de/?p=2712

Gruppenselfie mit (von links unten im Uhrzeigersinn) Kanadas Außenministerin Crystia Freeland, Familienministerin Manuela Schwesig, IWF-Chefin Christine Lagarde, Königin Maxima der Niederlande, Bundeskanzlerin Angela Merkel, Nicola Leibinger-Kammüller (Trumpf), Ivanka Trump, Anne Finucane (Bank of America), MM

Wer Feminismus über wirtschaftlichen Erfolg definiert, nimmt angeblich die Gleichberechtigung nicht so ernst. So ein Quatsch.

Das war ein Moment für die Ewigkeit. Der Augenblick, als Bundeskanzlerin Angela Merkel auf der Bühne eines Berliner Hotels vor Hunderten Gästen des W20-Gipfels ins Stocken geriet. Auslöser war die Frage, ob sie sich selbst als Feministin bezeichnen würde. Es hat dann ein paar Wortrunden gedauert, bis eine Annäherung stattfand zwischen der Bundeskanzlerin und dem Begriff. Es war der Beginn einer Freundschaft, gespickt mit Resten an Misstrauen. Zumindest wollte die Kanzlerin die Frage mit nach Hause nehmen „ob ich Feministin bin oder nicht“.

Diese Frage muss jede Frau und jeder Mann für sich beantworten. Wer für Gleichberechtigung und Selbstbestimmung der Frau eintritt und diese Überzeugung nicht vor der Umwelt verheimlicht, darf sich so nennen. Dass manch eine(r) davor zurückschreckt, hat wenig mit dem Wort, aber viel mit den Schubladen zu tun, in denen Gedachtes manchmal gerne abgelegt wird. Kleinliche Auslegeordnungen aber haben noch nie weit geführt.

Es war richtig, dass sich die Runde mit Kanzlerin, IWF-Chefin Christine Lagarde, Ivanka Trump und anderen auf Frauen und Unternehmertum konzentriert hat. Die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Nur jedes zehnte Start-up in Deutschland wird von einer Frau gegründet. Weltweit sind 70 Prozent der von Frauen gegründeten Unternehmen unterfinanziert, weil die Gründerinnen keinen Zugang zu Krediten und anderen Finanzierungsmöglichkeiten haben. Und wären Frauen endlich im gleichen Umfang wie Männer erwerbstätig, unser weltweites Bruttosozialprodukt könnte bis 2025 um 28 Billionen Dollar wachsen. Wenn aus der W20- Runde nun also ein Fonds zur Förderung von Unternehmerinnen in Entwicklungsländern hervorgehen soll, dann ist das zumindest schon mal ein konkreter Ansatz.

Es ist aber aus der Runde mit der Kanzlerin flugs ein neuer Begriff entstanden, mit dem wir jetzt offenbar zwischen dem guten, richtigen und dem falschen, bösen Feminismus unterscheiden lernen sollen. Business-Feminismus heißt das neue Schmähwort, und es trifft alle, die Frauen auch zum Wachstumsmotor der Wirtschaft machen wollen. Da könnte ich dann doch ein bisschen sauer werden: Wie sonst, bitte, soll es gelingen, Frauen die gleichen Chancen und Möglichkeiten zu bieten, als dadurch, ihnen Rahmenbedingungen für Unternehmertum zu schaffen. Und zwar alles, was dazugehört: Bildung, Kinderbetreuung, Kapital und so weiter. Das bringt Wachstum, volkswirtschaftlich und ganz individuell.

Am eigenen unternehmerischen Tun wächst ein Mensch ungemein. Um das zu erkennen, muss man keine Feministin sein. Das schafft man als Realistin. Als solche erkennt man auch leicht, dass Begriffe, wie Menschen, mit der Zeit gehen. Der Feminismus hat mal mit „mein Bauch gehört mir“ angefangen. Wir dürfen den Bedeutungsraum getrost ergänzen. „Mein Unternehmen gehört mir“ zählt heute zum Repertoire derer, die sich Feministinnen nennen.

 

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Von Deutschland lernen http://www.miriammeckel.de/2017/04/28/von-deutschland-lernen/ Fri, 28 Apr 2017 06:53:09 +0000 http://www.miriammeckel.de/?p=2703

Ivanka Trump gilt als wahre First Lady der USA. Noch vor ihrem Vater, Präsident Donald Trump, war sie in Deutschland zu Gast. In ihrem ersten Interview mit einem nicht-amerikanischen Medium verrät die 35-Jährige, welche Absichten hinter ihrem Besuch stecken.

Jeder redet über die Trumps – aber live bestaunen kann man ein Mitglied der Präsidentenfamilie erst kommende Woche in Deutschland. Dann wird Ivanka Trump, First Daughter der USA und wohl einflussreichste Beraterin von US-Präsident Donald Trump, anreisen – und in Berlin auf Einladung von Kanzlerin Angela Merkel am W20-Gipfel im Rahmen der deutschen G20-Präsidentschaft teilnehmen sowie ein Siemens-Werk in der Hauptstadt besichtigen.

Trump, 35, polarisiert: Sie wirkt moderner, emanzipierter und weltoffener als ihr Vater. Andererseits hielt sie diesem im Wahlkampf trotz diverser Skandale die Treue und berät ihn nun gemeinsam mit Ehemann Jared Kushner im Weißen Haus.

Besonderes Interesse zeigt Trump an Wirtschafts- und Ausbildungsthemen. Mit der WirtschaftsWoche sprach sie im ersten Interview mit einem nicht-amerikanischen Medium über die Motive hinter ihrem Deutschlandbesuch.

Hier geht es zum Interview mit Ivanka Trump zur Berufsausbildung in Deutschland, Erfindergeist als Treiber der Wirtschaft und ihre eigene Vorbildrolle als Unternehmerin.

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Jammern im Abschwung http://www.miriammeckel.de/2017/04/02/jammern-im-abschwung/ Sun, 02 Apr 2017 07:02:40 +0000 http://www.miriammeckel.de/?p=2691

Wahlergebnisse und Wirtschaftsdaten zeigen: Wir können dem Frust ein Schnippchen schlagen – ein echtes Aufschwungrezept.

Donald Trump hat der Bundeskanzlerin zum Wahlergebnis im Saarland gratuliert. Huch? Optische Verwechslung? Gratulations-Tourette? Oder schlicht mangelnde Kenntnis des deutschen Staats- und Regierungssystems?

Vielleicht hat der US-Präsident vielmehr etwas verstanden, gestützt durch weise Berater, die es doch irgendwo im Dunstkreis des Weißen Hauses geben muss. Er hat verstanden, dass das kleine Saarland große Bedeutung haben könnte. Insofern nämlich, als nicht nur die Umfragen auf einen Abstieg der Mehrheitspartei CDU und einen Aufstieg der SPD hindeuteten. Es lag auch fest verankert in der anekdotischen Evidenz eines jeden Gesprächspartners, dass sich die allgemeine Unzufriedenheit in dieser Wahl Bahn brechen würde.

So lässt sich das Wahlergebnis im Saarland sicher nicht interpretieren. Das ist komisch, denn über nichts wird öffentlich auf Veranstaltungen, in Politik und Medien so viel lamentiert wie über die schwierigen Zeiten. Die sind vielleicht doch nicht so schwierig, wie ständig behauptet wird. Denn trotz des in dieser Woche formell erklärten Brexits, trotz der protektionistischen Töne von Donald Trump, trotz der Unsicherheit im Blick auf die bevorstehende Präsidentschaftswahl in Frankreich und trotz der akustischen Amokläufe des türkischen Staatspräsidenten ist etwas verblieben, das uns zuversichtlich stimmen kann.

Neudeutsch nennt man das Resilienz. Die Widerstandsfähigkeit, die einen Organismus, eine Person oder auch einen Staat und eine Gesellschaft in die Lage versetzt, mit Veränderungen umzugehen, Widersprüche auszuhalten und doch zuversichtlich in die Zukunft zu schauen. Resilienz ist ein Pfund, mit dem sich gerade in unübersichtlichen Zeiten wuchern lässt. Nur haben die Deutschen dafür eigentlich kein ausgeprägtes Talent.

Umso erfreulicher, dass der ifo-Geschäftsklimaindex diese Haltung auch für die Wirtschaft mit Zahlen unterfüttert. War die Stimmung bei den 7000 befragten Unternehmen ohnehin schon gut, so ist sie nun blendend. Der neuerliche Anstieg gilt sowohl der aktuellen Lage als auch den Erwartungen für das kommende Halbjahr. ifo-Präsident Clemens Fuest hat recht, wenn er folgert: „Der Aufschwung gewinnt an Kraft.“ Das ist eine schöne Botschaft und auch Messlatte für all die Zukunftsstänkerer, die immer schon Böses im Satz des Kaffees lesen, bevor den überhaupt jemand aufgebrüht hat. Oder wie Erich Kästner in „Emil und die Detektive“ schreibt: „Die Leute gehörten bloß zu der Sorte, die nicht zufrieden sein wollen, weil sie sonst zufrieden wären.“ Manchmal sagen Kinderbücher mehr als alle Statistiken.

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