MM_Adams
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30. Dezember 2011, 11:31 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Was frei sein will …

So könnte es auch im Moment Null nach dem Armageddon aussehen. Weite Flächen mit Flecken von verbranntem Gras, mittendrin die Hülle eines gelben Schulbusses und ein paar weitere Autowracks. Im Hintergrund die Berge in milchig-gleißendem Licht. Hier wohnt kein Mensch, hier ist nur Stille.

Ich stapfe in brüllender Hitze durch die Landschaft und frage mich: Was kommt hier noch. Das Auto habe ich mitten im Big Bend Park abgestellt, am Abzweig zu einer Stadt, die keine ist: Terlingua, Texas. Hier kann kein Mensch leben. Nach gut einer Stunde scheinen doch ein paar Häuser am Horizont auf, Hütten eher aus Holz und Wellblech, dazwischen ein paar bunt bemalte Caravans, die Jahrzehnte nicht mehr bewegt wurden. Das sind die Ausläufer von Terlingua, dem Bergbau- und Quecksilberstädtchen an der Wende zum 20. Jahrhundert. Heute ist es eine Geisterstadt.

Terlingua hat ein Zentrum, in dem ein Rest des wilden und mondänen Lebens der Goldgräberzeit zu finden ist – das Starlight Theater. Ein alter, inzwischen modernisierter Schuppen, in dem jeden Abend irgendein verrückter, einsamer Musiker seine Countrysongs zum Besten gibt. Dabei sitzt die überschaubare Zahl an Gästen an der Theke und schlürft Margaritas für zwei Dollar während einer nie endenden „Happy Hour“.

Meinen Thekennachbarn stellt sich als britischer Musiker heraus. Er lebt seit zwölf Jahren in Terlingua, einer von 40 Anwohnern in dieser endlosen Einöde. „Was machst du hier so?“, frage ich ihn. Denkpause. „Ich stehe auf und gehe ein bisschen herum.“ Er kratzt sich am Kopf, um das Denken anzuregen. „Dann trinke ich meinen Kaffee und lese ein bisschen.“ Eine weitere Denkpause. „Und manchmal komponiere ich nachmittags einen Song“, schiebt er nach. „Manchmal aber auch nicht.“

Seit zwei Stunden sitzen wir nun an dieser Bar, trinken eine Margarita nach der anderen. Ich bin wie festgewachsen, würde gerne für immer bleiben. Diese Ruhe. Nichts Getriebenes ist hier. Einsamkeit und Weltenferne. Dann zieht mein Nachbar sein Handy aus der Tasche und checkt seine Emails. In diesem Laden am Ende der Welt gibt es bestes Breitband-Wifi. „Information wants to be free“, hat Stewart Brand 1984 auf der Hackers Konferenz in Kalifornien gesagt. Hier ist der Beweis: sie reist sogar bis in diese Geisterstadt.

Bewegt von dem Gefühl, meinen noch freien Platz in der Welt gefunden zu haben, versuche ich mich im Smalltalk, rede über die wunderbare Landschaft, die Berge, den Rio Grande, der mächtig durch diese Gegend fließt. Mein Thekennachbar hört stoisch zu, ohne ein Wort zu sagen. „Es ist Wahnsinn, am Rio Grande entlangzufahren. Man könnte glatt rüberschwimmen, und schon wär man in Mexiko“, plaudere ich vor mich hin. Pause. Der Mann nimmt den letzten Schluck seiner Margarita und dreht sich nochmal halb zu mir um. „Wag nicht mal, dran zu denken“, sagt er und geht.

Spiegel Online

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