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21. April 2012, 13:26 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Internetmuffel und Verlinkungschampions

Die Internetaktivisten der Unionsparteien verbündeten sich jüngst zum „CNetz“ – einem weiteren Verein für Netzpolitik, in diesem Falle für „bürgerliche und verantwortungsvolle“. Zahlreiche Online-Beobachter reagierten kritisch bis spöttisch: das gleichnamige analoge Mobilfunknetz stehe schliesslich kaum für Innovation und Fortschritt. Und doch kann die Gründung als ein positives Zeichen der Auseinandersetzung mit Online-Medien in den Unionsparteien gewertet werden. Denn allzu oft erweisen sich gerade Unionspolitiker als regelrechte Internet-Muffel.

Eine aktuelle Studie der Universität St. Gallen in Kooperation mit ISPRAT e.V. zeigt, dass die Bundestagsabgeordneten der Unionsparteien gemeinsam mit jenen der Linkspartei das Schlusslicht bilden, wenn es um die aktive Nutzung der Sozialen Medien geht. Ähnlich wie in Baden-Württemberg regiert demnach im Social Web Grün-Rot: grüne und sozialdemokratische Abgeordnete sind im Durchschnitt besonders aktive Nutzer von Facebook, Twitter & Co.

Dies mag auf den ersten Blick erstaunen, denn gerade die Bundeskanzlerin positioniert sich bei Analysen immer wieder als Königin der politischen Social Media-Nutzer. Und tatsächlich: Angela Merkel verfügt auf verschiedenen Plattformen über zahlreiche Fans, Follower oder Freunde. Die Studie der Universität St. Gallen setzte sich darum gemeinsam mit dem Forschungsverbund ISPRAT e.V. zum Ziel, einen Schritt weiter zu gehen und die tatsächliche Nutzung der Sozialen Medien durch deutsche Bundestagsabgeordnete zu erkunden.

Über ein Jahr hinweg wurden darum die Kommunikationsaktivitäten der Politiker gemessen. Betrachtet wurden neben Facebook und Twitter auch die VZ-Plattformen, XING, MySpace, Youtube, Flickr und Blogs. Neben einer durchschnittlichen Anzahl an Freunden oder Kontakten wurde erhoben, in welcher Frequenz die Abgeordneten über 12 Monate hinweg Statusmeldungen, Kommentare, Likes, Blogposts und Tweets absetzen oder Fotos und Videos hochladen. Das Forschungsteam erstellte daraufhin einen Index, um all diese Aktivitäten über die mehr als 600 Abgeordneten des 17. Deutschen Bundestages hinweg vergleichbar zu machen.

Und siehe da: laut dem St. Galler „Social Media Activity Index 2011“ heisst die Königin der Sozialen Medien nicht mehr Angela Merkel, sondern Elke Ferner (SPD), gefolgt von ihrem Parteifreund Ulrich Kerber. Beide setzen in hoher Frequenz Mitteilungen vor allem auf Facebook und Twitter ab. Diese Plattformen erweisen sich auch sonst bei den Abgeordneten als populär (Facebook: 277 Profile, Twitter: 219, MeinVZ: 169). Nur 42-46 Abgeordnete laden dagegen regelmässig multimediale Inhalte auf Flickr und Youtube hoch oder veröffentlichen längere Texte auf ihren Blogs.

Unter den Spitzenreitern des Social Media-Rankings finden sich auch in der St. Galler Studie viele bekannte Namen – Angela Merkel, Frank-Walter Steinmeier oder Sigmar Gabriel profitieren dabei vor allem von ihrer Prominenz und verfügen über ein stark ausgebautes Online-Netzwerk. Doch auch weniger verbreitete Namen positionieren sich unter den Champions der Social Media Nutzung – darunter die Berlinerin Mechthild Rawert (SPD), Gabrielle Hiller-Ohm (SPD) aus Lübeck oder der Thüringer Patrick Kurth (FDP). Diese besonders aktiven Nutzer schaffen „Kommunikationssynergien“ zwischen unterschiedlichen Plattformen, indem sie etwa Tweets oder Blogposts auch auf Facebook veröffentlichen – das treibt die Aktivitätszahlen nach oben.

Die gute Nachricht aus Sicht der Netz-Optimisten lautet dabei: aktive Nutzer lassen sich tatsächlich auf eine Interaktion mit ihren Netzwerken ein, sie kommentieren, empfehlen und liken und antworten auch auf die Anmerkungen Anderer. Schon frühere Studien postulierten einen demokratisierenden Effekt Sozialer Medien, indem ein direkter Austausch zwischen politischer Elite und Volk erleichtert wird. Die schlechte Nachricht lautet dagegen: gerade einmal 1% der Bundestagsabgeordneten zählen zu diesen aktiven Nutzern Sozialer Medien. Zwar verfügen 66% über eine Präsenz auf den Web 2.0-Plattformen – ein Grossteil davon pflegt seine Profile jedoch nur gelegentlich.

Um den Einfluss Sozialer Medien auf die politische Kommunikation verstehen zu können, reicht es eben nicht, nur die Anzahl Profile oder Freunde zu zählen – die Frage ist: findet auf den neuen Plattformen tatsächlich ein politischer Austausch statt? Leisten die Sozialen Medien also einen positiven Beitrag zum demokratischen Diskurs? Die Untersuchung zeigt, dass zwar nur wenige Abgeordnete wirklich im Alltag aktiv mit ihren Netzwerken kommunizieren, wo aber diese Chance genutzt wird, findet tatsächlich ein lebendiger Diskurs statt. Abgeordnete haben also jede Chance, auch im Netz politisches Kapital aufzubauen.

Die Studie untersuchte auch mögliche Treiber der Social Media Nutzung. Ein signifikanter Einfluss besteht demnach zwischen Kommunikationsaktivität und dem Alter, der Parteizugehörigkeit und dem Wahlkreis der Abgeordneten. Am stärksten dabei der Einfluss des Alters: Je jünger ein Politiker oder eine Politikerin, desto aktiver nutzt er oder sie das Web 2.0. Die insgesamt geringe Aktivität der Abgeordneten hängt daher auch mit der Altersverteilung im Parlament zusammen. In der Regel bewegt sich das Alter hier zwischen 40 und 70 Jahren. Das Geschlecht der Parlamentarier hat dagegen keinen signifikanten Einfluss auf die Nutzungsintensität.

Im Durchschnitt kommunizieren Grüne und SPD besonders aktiv im Social Web, gefolgt von der FDP. Doch während die SPD vor allem von einer Gruppe besonders aktiver Web 2.0-Champions profitiert, ist die Nutzung von Facebook, Twitter & Co. unter den Grünen und auch bei der FDP ein weit verbreitetes „business as usual“.  Schliesslich zeigt sich auch: Vertreter urbaner Wahlkreise sind besonders aktiv im Netz unterwegs, gefolgt von jenen ländlicher Wahlkreise. Vertritt ein Abgeordneter dagegen einen strukturschwachen Wahlkreis mit einer niedrigen Beschäftigungsquote und einem hohen Durchschnittsalter, verhält er sich online eher zurückhaltend. Aus diesem Grund finden sich kleine Bundesländer wie Saarland, Berlin und Hamburg an der Spitze des Aktivitätsrankings, neue Bundesländer wie Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Sachsen bilden dagegen das Schlusslicht.

siehe auch Spiegel Online

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