MM_Darwin
Zu den Kommentaren
27. April 2012, 10:55 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Die Lautsprecher

Wir leben in stürmischen Gefilden. In scheissstürmischen Gefilden, um es präzise zu sagen. Der Shitstorm ist die neue Ausdrucksform eines politischen Klimawandels in der öffentlichen Debatte. Was derzeit für das Internet rauf und runter beschrieben wird, gibt es nicht nur im Netz, sondern auch im politischen Raum und den gedruckten Feuilletons.

Ein Beispiel: Da legt der Autor Christian Kracht seinen neuen Roman „Imperium“ vor, der vom Spiegel rezensiert wird. Unter dem absolutistischen Titel „Die Methode Kracht“ suggeriert der Kritiker Georg Diez, es müsse endlich einmal gesagt werden, dass Kracht „ganz einfach der Türsteher der rechten Gedanken“ sei, der zeige, „wie antimodernes, demokratiefeindliches, totalitäres Denken seinen Weg findet in den Mainstream“. Nachdem die Protestwelle durch die Feuilletons gezogen ist, schreibt Diez, es sei doch wohl legitim, nach der Verbindung zwischen Kunst und Leben eines Autors zu fragen.

Die Dramaturgie dieses „Debattenaufbaus“ ist spannend: Sie folgt dem „Reiz-Reaktions Schema“, das in der Kommunikationswissenschaft seit Dekaden mangels theoretischer Komplexität zu den Altlasten eines vereinfachten Menschenverständnisses gehört. Für die heutigen Stürme im Feuilleton funktioniert es gut.

Hinter dem Shitstorm verbirgt sich ein Mechanismus, der durch eine empörte Netzcommunity initiiert oder befeuert wird, oder auch eine Gruppierung, die in Deutschland mit dem Begriff des „Wutbürgers“ inzwischen zur neuen politischen Kategorie geworden ist. Manchmal ist der Impuls, der so viel Wind macht, gut gemeint, manchmal auch auf die Wutwelle hin angelegt. Dieser Mechanismus läuft als Viersatz präzise wie ein Uhrwerk ab, programmierbar fast wie eine Computersoftware.

Im ersten Schritt wird – meist ohne ausreichende faktische Grundlage – ein vermeintlicher Sachverhalt benannt, der keinen Widerspruch duldet. Dieser Widerspruch wird dann im zweiten Schritt zu einem Tabu erklärt, das endlich durch eine öffentliche Äusserung dekonstruiert werden soll. Die Einleitung ist eine Variation des Allsatzes „es muss doch möglich sein zu sagen, dass …“. Im dritten Schritt entsteht verlässlich und inzwischen unabhängig von der Unterscheidung zwischen analogem oder digitalem Debattenraum ein Shitstorm, gegen den sich der Verursacher dann wiederum öffentlich zur Wehr setzt, indem er sich als aufrechter Kritiker inszeniert, der doch nur eine Debatte habe anstossen wollen. Deren Ausartung oder Misslingen beweise ja nur mehr, dass es sich bei dem angesprochenen Thema um ein Tabu handele. Womit wir wieder am Anfang des Kreislaufs wären.

Irgendwie erinnert das Ganze in Anlehnung an George Orwells Roman „1984“ an ein „Doppeldenk 2.0“ Hier geht es nicht mehr darum, im eigenen Denken zwei widersprüchliche Überzeugungen aufrecht zu erhalten und beide parallel akzeptieren zu können. Hier wird die Widerspruchsthese sogar konsequent etabliert, um sich an ihr abarbeiten zu können. Ein Stilmittel der Aufmerksamkeitsgenerierung also, doch das Ergebnis ist dem bei Orwell ähnlich: So lange wie für die „Debatte“ nötig, wird die Wirklichkeit verleugnet, um sie gleichzeitig für den Widerspruch aktiv zu instrumentalisieren. So entsteht eine Form der kognitiven Realitätskontrolle, die durch die sich im Shitstorm engagierenden Massen durchgesetzt wird. „Do not adjust your mind: It is reality that is malfunctioning.“

Das Beispiel Kracht/Diez ist kein Einzelfall. Die „Debatte“, die Pius Knüsel gemeinsam mit zwei Koautoren durch das Buch „Der Kulturinfarkt“ über die vermeintliche staatliche Überfütterung des Kulturbetriebs losgetreten hat, funktionierte ähnlich. Gleiches gilt für den deutschen Schriftsteller Günter Grass, der aus dem Nichts ein schlechtes Gedicht veröffentlicht, indem er seiner Befürchtung Ausdruck verleiht, Israel werde mit einem atomaren Erstschlag gegen Iran den Weltfrieden gefährden, und dem dafür eine Wutwelle entgegenschlägt. Das Foto eines Kindes mit Pistole auf dem Titel der Weltwoche, das die „Raubzüge“ der Roma in der Schweiz illustrieren soll, zielt ebenso auf die Aufregungs- und damit Auflagensteigerung, unter gezielter Inkaufnahme, das Foto gänzlich aus seinem Kontext zu reissen und damit gegen die journalistische Sorgfaltspflicht zu verstossen. Und dass die deutsche Frauenministerin sich soeben in einer Denkschrift „Danke, emanzipiert sind wir schon“ gegen die Emazipationsbewegung wendet und dabei gleich ein ganzes Buch schreibt, um sich selbst als Frauenministerin zu delegitimieren? Tja, das mag eher unter „Doofheit“ denn unter „Debatte“ abgebucht werden, um sich auch in diesem Beitrag einmal an der Zuspitzung zu versuchen.

Schauen wir ein wenig weiter in die Vergangenheit, so stossen wir auf den massiven öffentlichen Streit um Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“, auf die Aufregungsausbrüche rund um die freundschaftliche Landespflege des ehemaligen deutschen Bundespräsidenten Christian Wulff oder die privaten und gleichzeitig politischen Währungstransaktionen des Ex-Nationalbankpräsidenten Hildebrand. Dieselben Mechanismen griffen, als der Autor Daniel Kehlmann in seiner Rede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele 2009 das Regietheater zur „letzten verbliebenen Schrumpfform linker Weltanschauung“ herabstufte, ebenso wie in dem Moment, als der deutsche Aussenminister Guido Westerwelle 2010 dem Sozialstaat attestierte, er lade zu „spätrömischer Dekadenz“ ein.

Wir können diese Bespiele als überzogene, zum Teil alberne Ausbrüche in einem politischen Diskurs betrachten, der gezwungen ist, permanent am Anschlag zu operieren. Im Daueralarm eines immer schnelleren, in immer kürzeren Zeittakten ablaufenden öffentlichen Agendasettings bleibt vielen nichts anderes übrig, als selbst auch als Lautsprecher zu agieren. Wenn alle immer schreien, muss man lauter schreien um gehört zu werden. Das Problem ist nur: Irgendwann hört bei diesem Krach niemand mehr etwas. Die Textur des einzelnen Arguments bleibt auf der Strecke.

Es ist nicht nur ein Formproblem, dem wir bei den öffentlichen Debatten um Aufregerthemen begegnen. Ein inhaltlicher Wandel versteckt sich dahinter, der für eine pluralistische Demokratie nicht gut sein kann. Wenn politische Gestaltung in der Konsensfindung zwischen entgegenstehenden Positionen liegt, dann braucht sie politische Meinungsbildung, die sich in der diskursiven Auseinandersetzung zwischen den Positionen und ihren Argumenten vollzieht. Das wird in der Empörungskultur zuweilen schwierig.

Allein die verwendeten Begrifflichkeiten weisen daraufhin, wie hier mit der grossen Kelle angerichtet wird. Da ist von der „Kampfzone“ des Debattenfeuilletons die Rede, vom „Fetisch Kulturstaat“, von „Kulturverächtern“ und dem „lyrischen Erstschlag“. Kleiner geht’s nicht, oder? Was geschieht hinter diesen Begrifflichkeiten, die auf Seiten der Initiatoren ebenso wie ihrer Kritiker verwendet werden? Dahinter schimmert etwas Unangenehmes, Abstossendes auf: die Instantideologisierung: Man nehme einen Begriff, hafte ihn einem Autor, einem Politiker, einem Dichter an – und schon hat man ihn erfolgreich zum Kindermörder, Nazi oder Antisemiten gestempelt. Selbst wenn der folgende Shitstorm sich gegen den Kritiker wendet, bleibt das Label haften, so wie alles, was einmal ins Internet eingeschrieben ist.

Der Diskurs im Netz hat uns viele neue Möglichkeiten des Eindrucks und Ausdrucks unserer Lebenswelt gebracht, auch im Politischen. Aber es stimmt, dass die enorme Beschleunigung der Netzkommunikation manchmal dazu verleitet, erst zu schreiben und dann zu denken. Es stimmt auch, dass neben der „Weisheit der Vielen“ gelegentlich auch die „Dummheit der Massen“ im Netz zur Sprache kommt und jedes Gerücht, jede Unterstellung im Rausch der ubiquitären Verbreitung durchs Internet schnell in eine Tatsache umgemünzt wird. Und es stimmt leider auch, dass die unangenehmen sozialen Auswüchse im sozialen menschlichen Miteinander nicht mehr auf den Streit zwischen Nachbarn der analogen Gartenparzellen beschränkt bleiben, sondern in den Blogwarten des Netzes, gelegentlich gar in Auswüchsen einer selbsternannten Digital-Polizei, neue Ausdrucksformen gefunden haben.

Die typische Instantideologisierungsfrage müsste nun lauten: Wer ist schuld? Eine differenzierte Antwort, die den Beitrag der Thesengeber ebenso berücksichtigt wie die gewandelten Rahmenbedingungen des öffentlichen Diskurses, lässt sich darauf nicht geben. Genau die brauchen wir aber in einer Welt, in der politische, ökonomische und soziale Fragen ob Vernetzung, Globalisierung und Beschleunigung immer komplexer werden. Deshalb geht es nicht um die Schuld- sondern um die Sinnfrage. Und die lautet: Wozu wird inzwischen bei jedem Streitthema sogleich aufeinander eingebrüllt? Um Aufmerksamkeit zu erhalten natürlich.

Aufmerksamkeit ist die neue Währung der Empörungskultur. Sie entsteht im Tausch von Reiz gegen Reaktion. So sind die Dynamiken, wenn alle permanent auf Sendung sind. Geht es dabei um die Sache? Lassen sich die Kulturförderung, der Weltfrieden, die Literatur im Sturm retten? Dazu bräuchte es doch Argumente, den Diskurs aus These und Gegenthese und den differenzierten Blick auf die Sache. Der Wutbürger hat eher sich selbst im Blick. Le débat, c’est moi!

Bild, Text siehe auch NZZ, 26.04.2012

 

Kommentare sind derzeit geschlossen.

© Miriam Meckel 2002 bis 2018