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14. August 2013, 15:47 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

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Läge die Zeitung nicht angeblich längst ob ihres Anachronismus in digitalen Zeiten in den letzten Zügen, sie würde jetzt ganz sicher einen überfälligen Tod sterben: den der Langweile durch Wiederholung. Die meisten Argumente für oder gegen die Zeitung haben sich inzwischen so wund gelegen, dass auch zwanghaftes Wenden und Umbetten nichts mehr bringt.

Der digitale Medienmarkt braucht keine Zeitung mehr? Auf den ersten Blick scheint das zu stimmen. Die Aktualität liefert uns heute das Netz, und zwar im Sekundentakt. Relevanz entsteht durch die Angebot-Nachfrage-Logik im Markt der Internetsuche und die soziale Synchronisierung leisten die Empfehlungsmärkte der sozialen Netzwerke.

Medienhäuser setzen daher durchaus konsequent und mehr oder minder erfolgreich auf eine Strategie der totalen Digitalisierung mit veränderten Geschäftsmodellen. Sie gestalten damit auch die neuen Parameter der Massenkommunikation im Netz mit: einen Markt für algorithmischen Informationtrading in Echtzeit. Dort wird es einen “blended journalism” geben, aber er wird noch viel schneller, gestylter, interaktiver, kundenorientierter werden müssen.

Die spannende Frage ist: Kann die Zeitung in diesem Umfeld überleben? Sie kann. Mit einer Strategie der anachronistischen Gegenakzente.

1. Die Zeitung ist radikal subjektiv: Wir brauchen die Zeitung nicht mehr als Massenmedium. Das Internet ist mehr Massenmedium als alle Medien, die wir bislang genutzt haben. Aber es ist zu großen Teilen auch Mainstreammedium. Denn in Zeiten von Big Data wird jedes Thema durch digitale Datensammlung und -analyse im Internet auf seine sozialen Muster und Marktgängigkeit geprüft. Die Zeitung kann demgegenüber Individualmedium sein, das den Einzelnen als autonomes Subjekt vor der analytischen Vereinnahmung der Mainstream-Mediatisierung schützt. Sie muss dazu auch in ihrem Agendasetting radikal subjektiv werden. Denn nie war mehr „Objektivität“ als im Netz, wo alle Trends in ihren Verästelungen berechnet werden können. Zeitung heißt dann: journalistische Individuen erzählen gute Geschichten, mit Haltung, Meinung, subjektivem Stil und experimentellem Mut.

2. Die Zeitung ist radikal liberal: nicht im politischen, sondern im bürgerrechtlichen Sinne. Wir lesen die Zeitung, nicht sie uns. Die Zeitung kommt zu uns, aber sie nimmt nichts von uns mit, schaut sich nicht in unseren Wohnzimmern um. Wir berühren sie, und sie berührt uns für eine begrenzte Zeit, und danach und davon bleiben keine Spuren, außer in unserem Geist als Irritation über die Welt, über Dinge, die geschehen, als Inspiration durch gute Beiträge. Die Zeitung wird zur verbliebenen mediale Schutzzone der intellektuellen Privatsphäre derer, die wissen, dass es in einer freien und demokratischen Gesellschaft Grenzen der sozialen Standardisierung, des Mainstreams und der Verallgemeinerung individueller Lebenswelten geben muss. Die Zeitung ist das Medium der informationellen Selbstbestimmung, die Lücke, die der Teufel in der digitalen Datenüberwachung gelassen hat.

3. Die Zeitung ist radikal subversiv: Sie kann uns überraschen und damit im Umfeld der digitalen Informationsmärkte aus berechneten Präferenzen ein echtes Kontrastprogramm sein. Sie kann auch alles anders machen, als wir es aus dem Netz kennen. Lange Stücke statt Infosnippets, erzählerisch statt berichtend, subjektiv nicht objektiv, Hintergrund statt Faktenfetisch, ein Orientierungs- nicht ein Nachrichtenmedium. Im Netz geschieht alles auf Knopfdruck, rasend schnell und umfassend. Die Zeitung kann einen Gegenakzent setzen, indem sie langsam in ihren Themenzyklen ist, bedacht und kontrovers Akzente setzt. In der umfassenden datenanalytischen „Objektivierung“ unseres Lebens, ist die Zeitung dann subversiv, wenn sie zum subjektiv-individualistischen Autorenblatt mit Weltweitsicht wird.

Die Zeitung wird dann – gedruckt oder als e-paper – vom Massenmedium zum intersubjektiven Intermediär, damit wir uns gelegentlich unseres Verstandes ohne Rücksicht auf die Präferenzen anderer bedienen können. Auf den Märkten des algorithmischen Informationtradings kann das ein geldwerter Vorteil sein.

siehe auch Spiegel Online

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