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26. Dezember 2017, 11:10 Uhr, Geschrieben von Miriam Meckel

Disrupt Reality: uns wird Hören und Sehen vergehen

Quelle: https://papers.nips.cc/paper/6672-unsupervised-image-to-image-translation-networks.pdf

Wirklichkeit ist da, wo die Weihnachtsplätzchen herkommen. So einfach lässt sich beschreiben, wie wir zwischen der virtuellen Welt des Computers und der realen Umwelt unterscheiden. Wer einen Keks will, muss ihn kaufen oder backen, um die reale Genusserfahrung zu machen. Das wird wohl noch eine Weile so bleiben. Und doch zeichnet sich die größte Betriebsstörung unserer Gewissheiten längst am Wahrnehmungshorizont ab.

Um den genau geht es. Erkennen wir noch, was wirklich ist? Können wir unterscheiden, was real und was virtuell ist, gemacht und gestaltet durch Technik? Wir können es bald nicht mehr. Im Jahr 2017 hat die größte Veränderung unserer Zivilisation begonnen. Die Disruption der Wirklichkeit. Uns wird Hören und Sehen vergehen.

Die kanadische Firma Lyrebird hat sich auf Stimmenimitation durch künstliche Intelligenz spezialisiert. Im Internet kann man ein Gespräch zwischen dem amtierenden US-Präsidenten Donald Trump und seinem Vorgänger Barack Obama hören, in dem die beiden sich über das Unternehmen unterhalten. Täuschend echt, und doch ist kein Satz dieses Gesprächs jemals so gefallen. Jedes Wort entstammt den Rechenkünsten von Algorithmen.

Wissenschaftler bei der US-Firma Nvidia, Spezialist für Computergrafiken, haben dieser Tage gezeigt, wie sich auch die Anschauung der Wirklichkeit manipulieren lässt. Mithilfe künstlicher Intelligenz lassen sich Bilder von Tieren, menschliche Gesichter, Straßenszenen generieren, die es so nie gegeben hat. Machine-Learning-Algorithmen können inzwischen nicht mehr nur Fotos erkennen, sortieren und interpretieren. Sie können sie auch wirklichkeitsgetreu herstellen. Aus Winter wird Sommer, den es so nie gegeben hat. Aus Sonne wird Regen, den es so nie gegeben hat. Der letzte Haltegriff auf der Reise in die Welt der digitalen Schöpfung hat sich gelockert. Auf die Frage des Philosophen Paul Watzlawick, „Wie wirklich ist die Wirklichkeit?“, haben wir keine Antwort mehr.

Das ist mehr als eine Variante von „Fake News“, die als Thema das Jahr 2017 geprägt haben. Wenn das reale Hören und Sehen unzuverlässig wird, weil der Computer in optischer und akustischer Perfektion seine eigenen Wirklichkeiten produziert, dann ändert sich unser Verhältnis zur Realität. Ich schreibe hier über diese Veränderung in dem Wissen darum, dass es in meinem Leben über Jahrzehnte eine Realität gegeben hat, die nicht aus dem Computer kam. Spätere Generationen wachsen mit algorithmischen Wirklichkeiten auf. Warum sollen sie noch unterscheiden lernen, was als Unterschied nicht mehr existiert?

Wenn es keine verlässlichen realen Erfahrungen mehr gibt, die man hören und sehen kann, dann existieren alle Variationen einer möglichen Welt immer gleichzeitig und als Freiwild auf der Jagd nach der Deutungshoheit. Denn wo die Wirklichkeit hinter den Datenpunkten verschwindet, da löst sich auch das Vertrauen in die Wahrheit auf. Realität wird künftig ein Betaprodukt im permanenten Wettbewerb technischer Simulationen. Wahr ist nicht, was ist, sondern was sich in der digitalen Inszenierung durchsetzt. Wahr ist nicht, was in den digitalisierten Archiven verzeichnet ist, denn auch deren Realität lässt sich täglich neu schreiben. Wir treten dann ein in ein Quantum-Zeitalter, in dem die Realität zur selben Zeit verschiedene Zustände haben kann. Man muss sich nur noch aussuchen, welchen man gerade für sich nutzen möchte.

Vor 20 Jahren hat die US-Psychologin Sherry Turkle in ihrem Buch „Leben im Netz“ den schleichenden Anfang dieser Entwicklung beschrieben. Ihre Untersuchung, wie Jugendliche den Computer nutzen, ist ein Klassiker über Identität im Internet. „Das reale Leben ist nur ein Fenster von vielen“, sagt da ein Collegestudent, „und es ist wohl nicht mein bestes.“ Wo digitale Wirklichkeitsentwürfe schöner, besser und leichter zu handhaben sind, wird Realität zu einer Zumutung, mit der man sich nur ungern herumschlagen mag.

Die nächste technologische Zündstufe unserer Zivilisation eröffnet einen großen Markt der Selbst- und Fremdoptimierung. Ein Riesengeschäft, aber auch Bedrohung für alles, was uns als Gesellschaft zusammenhält. Die Wahrheit gehört dann immer dem Marktführer, wenn auch nur für kurze Zeit. Jede Option ist ein Fenster zu einer anderen Wirklichkeit. Wer sich auf die Suche nach der einen, eigenen Realität machen will, verläuft sich in einem Spiegelkabinett konkurrierender Verzerrung. Das Leben wird ein vielfach gebrochenes Display. Unverbindlich und lähmend in seiner ewigen Vieldimensionalität.

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